Bonner Integrationskonferenz: Wer hat das schlimmere Defizit?

8. November 2007.

Nicht nur die Zusammensetzung stimmte: es war mit knapp 200 Menschen auch richtig voll. Das heisst: endlich ist auch in Bonn angekommen, dass es Diskussionsbedarf über Integrationspolitik gibt. Während im Ruhrgebiet in vielen Stadtteilen die Infrastruktur nur noch von Deutsch-TürkInnen aufrechterhalten wird, der CDU(!)-Oberbürgermeister von Duisburg Adolf Sauerland sogar mit dem größten deutschen Moscheebau im Stadtteil Marxloh prahlt, in Köln immerhin (fast) alle Parteien und Kirchen einen Moscheebau in Ehrenfeld befürworten, wird das in Bonn von (fast) allen Parteien und der Verwaltung abgelehnt, mit der abstrusen Begründung, am geplanten Standort (Tannenbusch) würden schon zu viele Muslime leben. Das ist der Stand der Debatte in Bonn.

Darum ist es ein Fortschritt, dass diese Integrationskonferenz stattgefunden hat, dass alle wesentlichen AkteurInnen, also vor allem auch die Migranteorganisationen, mitdiskutierten, und die Oberbürgermeisterin bis zum Schluss der Debatte folgte. Zu Beginn neigte sie sogar dazu, jeden Diskussionsbeitrag einzeln zu kommentieren, was förderungsempfangende EhrenamtlerInnen durchaus einschüchtern konnte; aber zum Glück erlahmte ihre Lehrerinnenattitüde im weiteren Verlauf der über vierstündigen Diskussion.

Wenig bekannt, aber für Bonner Verhältnisse überraschend qualifiziert waren die eingeladenen ReferentInnen. Hier bediente sich die Bonner Verwaltung beim Fachpersonal von Landesintegrationsminister Laschet und das glänzte, ohne das aufdringlich zu betonen, mit intimer Kenntnis der Bonner Missverhältnisse. Agnes Heuvelmann aus selbigem Ministerium forderte für den Bereich Bildung, Ausbildung, Beschäftigung, Qualifizierung:

  • klare Beschreibung der Problemlage, vor allem Kinderarmut betreffend, „in Zahlen und vor allen Dingen mit klaren Zielsetzungen für die Veränderungen der Zukunft“ – das scheut die Bonner Verwaltung auch in anderen Bereichen, wie z.B. der Klimapolitik, weil ihr Leistungsvermögen dann ja öffentlich kontrollierbar wäre;
  • „Gehen Sie in Ihren zukünftigen Konzeptionen von den Menschen mit Zuwanderungsgeschichte aus, weniger von den Institutionen“ – an die Verwaltung gerichtet also weniger von sich selbst!
  • „Beziehen Sie die zugewanderten Menschen als Partner in ihre Konzeption ein.“
  • „Führen Sie die Ergebnisse regelmäßig an einer Stelle zusammen oder: ‚Bei 7 Kindermädchen ist das Kind ohne Betreuung’.“

Wie wahr!

Mustafa Cetinkaya von der WohnBundBeratung NRW forderte eine stärkere Stadtteilorientierung der Integrationsarbeit. Prof. Katrin Möltgen von der FH für öffentliche Verwaltung Köln beschrieb, warum es bisher so schwerfällt, die Verwaltungsapparate für Menschen mit Migrationshintergrund zu öffnen. SPD-Ratsmitglied Eickhoff verstieg sich dabei sogar zu der Klage, die Stadtverwaltung würde ja so gerne MigrantInnen einstellen, es würden sich aber keine bewerben.
Hier stellt sich die Frage, für wen das das grössere Problem ist. Meine These: eine Verwaltung, die so wenig den Bevölkerungsquerschnitt enthält, dass sie noch nicht mal binationale BewerberInnen findet, die wird schlechter und dümmer, und verliert, ähnlich wie die Parteien, die das gleiche Nachwuchsproblem haben, schlicht die Verbindung zur real existierenden Gesellschaft. Man kennt sich nicht, man weiss nichts voneinander und baut deswegen immer mehr Mist. Wer will das?

Das wird natürlich auch ein Problem des institutionellen Integrationsdiskurses. Bei solchen Konferenzen und noch mehr in den Medien meldet sich nur die kleine Minderheit aus Behörden, Parteien und Verbänden zu Wort. Die Mehrheit der Menschen, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund will aber weder mit Kirchen noch Moscheen, weder mit Parteien noch Vereinen, und, so weit es sich vermeiden lässt, auch mit Behörden überhaupt nichts zu tun haben. Die Drei- oder Mehrsprachigen sind dabei längst auf der beruflichen Überholspur. Die Türkei hat eine viermal so hohe Wachstumsrate, wie Deutschland. Die Deutsch-TürkInnen qualifizieren sich längst und machen gute Geschäfte. In Gladbeck mitten im Ruhrgebiet rettet zum Beispiel ein türkischer Immobilienhai gerade eine denkmalsgeschützte Arbeitersiedlung vor dem Abriss – die größte deutsche Wohnungsgesellschaft Viterra, die seit kurzem von einer britischen Heuschrecke übernommen wurde, sah sich dazu nicht in der Lage. Manchen Biodeutschen tut es weh, die MigrantInnen so auf der Überholspur zu sehen, ein Gefühl, ganz wie auf der Autobahn. Da keilt mann schon mal aus, wie Kardinal Meissner, aber das sind Abwehrkämpfe von durch den demographischen Wandel in die Defensive gedrängten Ideologien. Nur Geduld, das wächst sich raus.

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