Wie schade: Bonn ist Kunstbanause
7. Februar 2008.
Die Stadt vernachlässige das kulturelle Erbe, das Künstler seit dem 2. Weltkrieg im Stadtraum geschaffen und hinterlassen haben. „In Bonn“, so Weingartz, „hat Kunst im öffentlichen Raum seit vielen Jahren keinen Stellenwert mehr.“
Im Sommer 2007 ist von Hans Weingartz der Bildband „Skulptur in Bonn – Kunstwerke im öffentlichen Raum – 1950 – heute“ erschienen. Vor ein paar Tagen wurde eine Ausstellung von ihm in der Beueler Brotfabrik mit Bildern zum Thema „Bonner (Kunst)Schätze – Vergessene und umstrittene Kunstwerke im öffentlichen Raum“ eröffnet.
Aufgrund ihrer mehr als drei Jahrzehnte dauernden Hauptstadtfunktion verfügt die Stadt über eine Fülle von Werken deutscher und internationaler Künstler. Darunter Werke weltberühmter Bildhauer wie Ulrich Rückriem, Viktor Vasarely, Henry Moore und Eduardo Chillida. Bonn besitzt mehr als 400 moderne Skulpturen auf Plätzen und in Parks – eine Zahl, wie sie in keiner vergleichbaren deutschen Stadt zu finden ist. Pflege und Präsentation der Werke sind allerdings überhaupt nicht dem Wert und der Bedeutung angemessen, die sie für die Stadt darstellen. „Bei vielen fehlt vor Ort jeglicher Hinweis auf den Künstler, der das Werk geschaffen hat“, so Hans Weingartz, „auf den Titel des Werkes und das Jahr seiner Entstehung. Sie finden Werke, die teilweise schon seit Jahren mit Schmierereien verunstaltet sind. Sie finden beschädigte Werke und Werke, die nur noch schwer als Kunstwerke zu erkennen sind.“
Weingartz bezweifelt, dass sich trotz positiver Beschlüsse von Kultur- und Hauptausschuss vom Herbst des vergangenen Jahres an der Haltung der Stadt etwas ändern wird. Er sieht bei der Stadtspitze im Bereich der bildenden Kunst dieselbe Entwicklung wie in anderen Bereichen der Stadt. Jüngst hatte die Chefdramaturgin des Bonner Theaters, Stephanie Gräve, der Stadtspitze vorgeworfen, sie setze nur auf „kulturelle Leuchttürme“. Der Künstler Lutz Fritsch soll im Zusammenhang mit der „Regionale 2010“ zwei 50 m hohe Stahlstelen mitten auf den beiden Verteilerkreisen der Autobahn Köln – Bonn errichten. „Mit der Bonner Stele von Lutz Fritsch auf dem Verteilerkreis wird ein solcher Leuchtturm geschaffen“, so Weingartz, „gleichzeitig aber wird an zahlreichen anderen Kunstwerken der Zahn der Zeit weiter nagen und die Stadt wird auch weiterhin ihrer Aufgabe nicht gerecht, den Schatz zu hegen und zu pflegen, den die Werke am Wegrand der Bürger darstellen.“
Das vollständige Interview mit Hans Weingartz erreicht man mit einem Klick auf auf die in Verbindung stehende News "Stiefkind Kunst im öffentlichen Raum".

Wenn ich Sie richtig verstehe, Herr Weingartz, machen Sie sich Sorgen, dass der bestehende Kulturschatz verkommt, während frisches Geld (eher/nur) für Neues ausgegeben wird?
Ich frage mich ernsthaft, ob Deutschland nicht genau das gegenteilige Problem hat! Dass wir im Bestehenden und vor Bewahren erstarren? Von der Besitzstandswahrung und ihrem Effekt auf die nachfolgende Generation über die Architektur (insbesondere: Berlin) bis zur Kunst. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich darüber nachdenke, wieviel sich die öffentlichen Kassen die Mumifizierung von “Antiquitäten” in ihren Museen kosten lassen, während andererseits – so behaupte ich einfach mal frech – immer weniger (insbesondere junge) Menschen (ich bin übrigens ebenfalls Lehrer) damit etwas anfangen können.
Man kann natürlich sagen: wir müssen grundsätzlich das Budget für Kunst erhöhen und Beides möglich machen. Aber, ich glaube, wenn wir darüber einen Volksentscheid anstrengen, würde er, fürchte ich, – nicht zuletzt angesichts des Bedarfs im sozialen Bereich – offenbaren, dass den meisten Menschen andere Dinge näher sind.
Aber Kunst kann das Bewusstsein ändern! Kunst kann Identifikation mit dem Heimatort stärken. Kunst kann stolz machen. Kunst kann die Seele erheben! Kunst kann beflügeln, Kunst kann begeistern.
Wenn ich Menschen auf diese Weise erreichen möchte und wenn ich nicht nur einzelne (ohnehin kunstinteressierte) Menschen, sondern insbesondere junge Menschen erreichen möchte: muss ich dann nicht sogar konsequent auf ‘kulturelle Leuchttürme’ setzen?
Ich bin mir sicher: Lutz Fritschs 50 m hohe Stahlstelen mitten auf den beiden Verteilerkreisen der Autobahn Köln – Bonn werden für Gesprächsstoff sorgen. Dafür, dass sich Menschen mit anderen Menschen auseinandersetzen. Und deshalb mit sich selbst. Und nebenbei mit Kunst.
Ist die Strategie, dass die öffentliche Hand die Anschubfinanzierung für neue Projekte liefert und damit Neues möglich macht, dass aber das Neue sich dann beweisen muss und letztendlich selbst für seinen Erhalt sorgen muss, nicht effizient?
Ich kann eigentlich gar nicht erkennen, dass es sich hier um eine “entweder-oder”-Frage handelt. Weil ich den Reflex, sofort nach der öffentlichen Hand zu rufen, wenn ein Mangel – wie hier die Pflege von Skulpturen im öffentlichen Raum – erkannt wird, nicht nachvollziehen kann. In Amerika, lassen Sie mich mal vermuten, gäbe es hier einen Verein von interessieren Bürgern und Kunstmäzenen, die sich den Erhalt dieser Skulpturen zur Aufgaben machten. Vielleicht für jede Skulptur einen Paten (der auch auf der Plakette am Kunstwerk gewürdigt würde)? Warum soll das denn nur für Bäume und Parkbänke funktionieren? Und ich muss ehrlich sagen: diese Art der Pflege wäre mir deutlich lieber:
1.) Als Bürger, weil nach diesem Prinzip – angesichts der Vielzahl und Vielfalt der Interessen – MEINE Steuergelder (wohlgemerkt: ich bin Kunstinteressierter bzw. -”konsument”!) weniger für Dinge ausgegeben würden, an denen ich nicht interessiert bin.
2.) Als Pädagoge, weil ich um die unvergleichlich größere, ausstrahlende Wirkung weiß, wenn viele Menschen eine Herzensangelegenheit selbst in die Hand nehmen, als wenn nur eine öffentliche Institution sich darum “kümmert” und die Angelegenheit “verwaltet”.
Wir leben im 21. Jahrhundert! Ja, ich möchte auch gern wissen, wer ein Kunstwerk im öffentlichen Raum geschaffen hat! Oder am liebsten auch über die Geschichte seiner Aufstellung oder gar Umstellung erfahren.
(Und das kann man selbst auf einer Plakette nicht nachlesen.)
Gibt es jedoch die Plakette nicht, entsteht Gesprächsbedarf:
der neugierige Besucher (Neugier ist der Anstoß zum Denken!) wird einen Passanten fragen oder in den nächsten Buchladen gehen und nach einem Führer fragen. Und die Buchhändlerin wird ihm stolz den “Weingartz” in die Hand drücken und – ganz gewiss – auch noch ein paar erläuternde Worte oder gar Anekdoten hinzufügen. Ist das nicht viel mehr, viel persönlicher und schöner als bloß eine Plakette?
Jugendliche würden das sicherlich eher selten tun. Dafür hätten sie aber ein Handy dabei. Sie würden sich ganz selbstverständlich mit den Stichworten “Kunst” und “Bonn” im Web auf die Suche machen. Und – in naher Zukunft – direkt auf einer Webseite mit Straßenkarte von Bonn landen, auf der sie die Skulptur, vor der sie stehen, wiederfinden und all diese Infos nachlesen. Natürlich würden sie da auch ihre Meinung zur Skulptur hinterlassen können. Oder ergänzen, was ihre Oma ihnen erzählt hat, was mit dieser Skulptur bei der Aufstellung oder seitdem so alles passiert ist. Oder den Link einem Freund weitermailen können…
Ich frage mich sogar, ob ich nicht sogar versuchen würde, den Passanten ganz bewusst neugierig zu machen: indem auf der Plakette vielleicht gerade nicht die Information stünde, die er sucht. Sondern vielleicht nur ein Link auf die Webseite…??? Es wird nicht mehr lange dauern, bis – 10 Jahre, nachdem es sich in Amerika durchgesetzt hat – Sehenswürdigkeiten auch in Deutschland RFID-Tags tragen, die jedes Handy einlesen kann. So wird man den Link gar nicht mehr eingeben müssen, um auf die Webseite zu gelangen…
Wenn ich weiter darüber nachdenke, werde ich wieder skeptisch. Ist es wirklich realistisch, zu erwarten, dass der Mensch plötzlich dem Beachtung schenkt, was schon immer da war? Dem Selbstverständlichen? Würde er dem Kunstwerk vielmehr nicht sogar mehr oder erst dann Beachtung schenken, wenn es plötzlich entfernt würde? Immerhin würde es so wahrscheinlich sogar aus dem Stand den Sprung in die Medien schaffen. Warum also nicht beispielsweise die Skulpturen auf Reise schicken? Den Anstoß des Neuen nutzen und die Kunstwerke – meinetwegen zeitlich befristet – an einem anderen Ort in einem anderen Stadtteil aufstellen? Und damit neugierig machen und Öffentlichkeit erzeugen? Vielleicht wirken die Skulpturen an anderer Stelle am Ende gar ganz anders? Konsequent zu Ende gedacht, würde die Stadt ihre Skulpturen vielleicht hin und wieder mit ihren Partnerstädten austauschen. Kulturaustausch zum Anfassen sozusagen. Diese Strategie ist schon bei der Guggenheim sehr erfolgreich (ob sie dafür Lizenzgebühren verlangt, weiß ich nicht).
Kurz: ich wünsche mir mehr Selbständigkeit und Verantwortung. Und ich wünsche mir mehr Neugier. Und ich wünsche mir mehr interaktiven Austausch über Kunst. Einen solchen Weg fände ich viel spannender…!
Mit besten Grüßen nach Bonn,
Dr. Thomas Emden-Weinert