Stiefkind Kunst im öffentlichen Raum
7. Februar 2008.
Im Sommer 2007 ist von Hans Weingartz der Bildband „Skulptur in Bonn – Kunstwerke im öffentlichen Raum – 1950 – heute“ erschienen. Vor ein paar Tagen wurde eine Ausstellung von ihm in der Beueler Brotfabrik mit Bildern zum Thema „Bonner (Kunst)Schätze – Vergessene und umstrittene Kunstwerke im öffentlichen Raum“ eröffnet.
Mit Hans Weingartz sprach Katrin Scholler über die Bedeutung , die Kunst im öffentlichen Raum der Bundesstadt hat.
Sie haben im Sommer des vergangenen Jahres das Buch „Skulptur in Bonn“ veröffentlicht. Was interessiert Sie an Kunst im öffentlichen Raum?
Kunst in Galerien und Museen ist ein Angebot für ein vergleichsweise kleines Publikum. Wenn Sie das Bonner Kunstmuseum besuchen, brauchen Sie nicht zu befürchten, bei der Betrachtung der Bilder von August Macke und den rheinischen Impressionisten von anderen Besuchern gestört zu werden. Sie haben die Ausstellungsräume oft für sich allein. Bei Werken im öffentlichen Raum ist das anders. Sie gehören zum Alltag der Stadt. Es ist Kunst für ein großes Publikum. Bewohner und Besucher der Stadt kommen an diesen Werken nicht vorbei, ohne sie bewusst oder unbewusst wahrzunehmen.
Sie zeigen gerade in der Beueler Brotfabrik eine Ausstellung mit Bildern von vergessenen Werken. Für die gilt das offensichtlich nicht?
Es gibt Faktoren, die die Wahrnehmung von Kunst im öffentlichen Raum beeinflussen. Dazu zählt der Ort. Eduardo Chillidas „De Musica IV“ vor dem Hauptportal des Münsters wird schon allein deshalb wahrgenommen, weil die Skulptur an einem zentralen Platz der Stadt steht. Dasselbe trifft für di Suveros „Allumé“ zu. Tag für Tag sehen viele Menschen die roten Stahlträger am Rheinufer vor dem Bundeshaus, weil das Werk einen bedeutenden und weithin sichtbaren Punkt der Stadt markiert. Für die „Liegenden Jünglinge“ von Erich Fritz Reuter gilt das nicht. Der Ort, an dem sie sich befinden, ein kleiner ungepflegter Park in Bonn-Tannenbusch, hat für Bonn nicht die Bedeutung wie der Münsterplatz oder das Rheinufer im Bundesviertel.
Das sagt aber nichts über die Qualität der Arbeit aus. Mir gefallen die „Liegenden Jünglinge“ sehr gut.
Dabei sind wir bei einer Besonderheit der hiesigen Kunstszene. Bonns Hauptstadtfunktion hat dazu beigetragen, dass eine große Fülle von Kunstwerken im öffentlichen Raum entstanden ist.
Sie meinen als Folge der „Kunst am Bau“-Regelung?
Diese Regelung hat in den vergangenen 50 Jahren dazu geführt, dass bei allen öffentlichen Bauten, egal ob es sich um das Bundeshaus oder um eines der zahlreichen Wohnprojekte des Bundes handelte, Künstler beauftragt werden mussten, den Bau mitzugestalten. Das geschah in den allermeisten Fällen mit plastischen Arbeiten im Außenbereich der Gebäude. Auch die „Liegenden Jünglinge“ sind in diesem Zusammenhang entstanden, im Park einer Bundessiedlung. Viele Städte würden eine solche Arbeit wie die von Reuter liebend gerne auf einem ihrer zentralen Plätze zeigen. In Bonn hat sich jahrzehntelang niemand um die Arbeit gekümmert. Sie wurde vergessen und zwar so gründlich vergessen, dass niemand mehr wusste, ob es sie überhaupt noch gibt. Nach der Veröffentlichung von „Skulptur in Bonn“ bat mich der Sohn des inzwischen verstorbenen Berliner Künstlers darum, nachzusehen, ob sich die Plastik an dem Ort befindet, wo sie 1955 aufgestellt worden ist. Es war gar nicht so leicht, sie zu finden, weil sie mit Unkraut und Grün überwuchert war.
Wie kann eine solche Arbeit vergessen werden? Es gibt Einrichtungen, die sich professionell um die Pflege und Präsentation von künstlerischen Arbeiten kümmern. Sie haben in Bonn das städtische Kulturamt und das Kunstmuseum.
Diese Aufgaben wurde seitens der Stadt seit vielen Jahren nicht mehr wahrgenommen. 1986 veröffentlichte das Presseamt einen Kunstführer, seitdem ist von städtischer Seite nichts mehr passiert, um die hiesigen Kunstschätze zu präsentieren. Schauen Sie sich die Internetseite der Stadt an! Was Sie dort über „Bildende Kunst in Bonn“ finden, ist lächerlich. Auch von Pflege kann an vielen Stellen nicht die Rede sein. Nehmen Sie „Skulptur in Bonn“ unter den Arm und machen Sie sich auf den Weg zu den Kunstwerken. Bei vielen fehlt vor Ort jeglicher Hinweis auf den Künstler, der das Werk geschaffen hat, auf den Titel des Werkes und das Jahr seiner Entstehung. Sie finden Werke, die teilweise schon seit Jahren mit Schmierereien verunstaltet sind. Sie finden beschädigte Werke und Werke, die nur noch schwer als Kunstwerke zu erkennen sind.
War die Stadt überfordert, diesen Bereich ihres kulturellen Erbes zu pflegen oder woran lag die Vernachlässigung, die Sie beschreiben?
Das hat mit Überforderung nichts zu tun. Gehen Sie nach Köln oder nach Duisburg, dort sehen Sie, dass Kunst im öffentlichen Raum einen ganz anderen Stellenwert hat als in der ehemaligen Bundeshauptstadt und jetzigen Bundesstadt. In Bonn hat Kunst im öffentlichen Raum seit vielen Jahren keinen Stellenwert mehr. Da gab es bei den zuständigen Stellen ein Gemisch aus Ignoranz und Unkenntnis.
Das ist ein hartes Urteil.
Vor dem Erscheinen von „Skulptur in Bonn“ habe ich dem Bonner Kulturdezernenten, Herrn Dr. Krapf, das Manuskript meines Bildbandes gezeigt. Die meisten dort vorgestellten Arbeiten kannte er gar nicht und von der Fülle der Werke hat bis vor kurzem niemand in der Stadt eine Ahnung gehabt.
Können Sie diese Fülle beziffern?
„Skulptur in Bonn“ hat im Anhang eine Bestandsliste von Skulpturen im öffentlichen Raum. Nach dem Erscheinen führe ich diese Liste weiter. Ich habe in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von Hinweisen von Lesern bekommen, die mich zu Kunstwerken geführt haben, die noch nicht in der Liste waren. Mittlerweile enthält die aktualisierte Liste mehr als 400 Werke. Wobei es sich wohlgemerkt nur um Werke handelt, die nach dem II. Weltkrieg entstanden sind. Kunst im öffentlichen Raum hat es ja auch vorher gegeben. Das Beethoven-Denkmal auf dem Münsterplatz ist hier noch nicht einmal mitgerechnet.
Aber nun hat die Stadt Besserung versprochen. Sie wurden nach dem Erscheinen von „Skulptur in Bonn“ im Rathaus empfangen.
Der Verlag, in dem mein Buch erschienen ist, hat Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann um einen Termin im Rathaus gebeten, um ihr das neuerschienene Buch zu überreichen. Es war nicht die Oberbürgermeisterin, die mich empfangen hat, sie hat sich durch einen Bürgermeister vertreten lassen. Er hat das Buch zusammen mit Vorschlägen zur besseren Präsentation von Kunstwerken entgegengenommen.
Danach hat sich immerhin der Kulturausschuss mit diesen Vorschlägen befasst.
Nach der Übergabe des Buches und der Vorschläge im Rathaus ist erst einmal überhaupt nichts passiert. Erst nachdem die Bonner Grünen zu dem Thema einen Antrag gestellt haben, hat sich der Kulturausschuss und anschließend der Hauptausschuss mit den Vorschlägen befasst und einen Beschluss verabschiedet.
Dabei ist auch der Posten im städtischen Haushalt zur Pflege der Kunst im öffentlichen Raum erheblich erhöht worden.
Diese Erhöhung um mehr als das Zwanzigfache hört sich gigantisch an. Doch wenn man bedenkt, dass bisher ganze 500 € zur Verfügung standen, dann sieht das schon anders aus. Was die Stadt hier nachzuholen hat, lässt sich auch mit diesem, nun erhöhten Ansatz im Haushalt nicht leisten. Wobei ja interessanterweise durchaus für Kunst im öffentlichen Raum Geld vorhanden zu sein scheint, sogar soviel Geld, dass es eine sehr konkrete Planung für ein neues, spektakuläres Kunstprojekt gibt.
Sie meinen die Stelen von Lutz Fritsch?
Im Zusammenhang mit der „Regionale 2010“ ist von ihm ein Skulptur-Objekt mit dem Titel „Standortmitte“ geplant. Zwei 50 m hohe Stahlstelen sollen mitten auf den beiden Verteilerkreisen der Autobahn Köln und Bonn entstehen. Der Bonner Anteil an den Kosten wird mit 100.000 € veranschlagt. Für diesen Leuchtturm scheint also Geld da zu sein.
Sie spielen auf die Kritik an der Oberbürgermeisterin an, die die Chefdramaturgin des Bonner Theaters geäußert hat?
Frau Gräve bezog sich mit ihrer Äußerung, die Stadt setze nur auf „kulturelle Leuchttürme“, auf die Kürzungen, die in den vergangenen Jahren im Bereich des Theaters durchgeführt worden sind und auf die Tatsache, dass gleichzeitig für das geplante Beethoven-Festspielhaus viele Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Im Bereich der bildenden Kunst wird mit der Säule von Lutz Fritsch ein solcher Leuchtturm geschaffen, gleichzeitig aber wird an zahlreichen anderen Kunstwerken der Zahn der Zeit weiter nagen und die Stadt wird auch weiterhin ihrer Aufgabe nicht gerecht, den Schatz zu hegen und zu pflegen, den die Werke am Wegrand der Bürger darstellen.
Die Ausstellung in der Brotfabrik ist bis zum 16. März 2008 zu sehen. Weitere Infos zum Thema auf der Homepage des Buchautors: www.Hans-Weingartz.de
