Heimliche Invasion im Blätterdach

22. August 2008.

Massenvorkommen einer mediterranen Heuschrecke in Bonn – Neue Chance für die geschädigten Kastanienbäume?

Der Alte Zoll in Bonn ist eigentlich bekannt für geselliges Beisammensein. Doch in dem Blätterdach über den durstigen Kehlen hat in den letzten Jahren eine heimliche Invasion stattgefunden: Nahezu unbemerkt hat die aus dem Mittelmeerraum stammende „Südliche Eichenschrecke“ das Rheintal erobert. Eine Untersuchung der Kreisgruppe Bonn des Naturschutzbundes (NABU Bonn) belegt jetzt, dass das unscheinbare Insekt inzwischen die häufigste Heuschreckenart in der Bonner Innenstadt ist. Die baumbewohnende Art habe nahezu alle Parks, Alleen und selbst Einzelbäume im gesamten Stadtgebiet in Besitz genommen und sei auch schon in Troisdorf, Rheinbach und Euskirchen zu finden, so die Naturschützer.
„Das plötzliche Massenauftreten der Heuschrecke ist ein Zeichen für die fortschreitende Erwärmung unseres Klimas“, kommentiert Alexander Heyd das Geschehen. Er hatte die Untersuchung durchgeführt. „Die Art kommt aus Norditalien und Kroatien. Seit Jahrzehnten wird sie mit LKWs und Eisenbahnwaggons nach Mitteleuropa verschleppt, aber bislang war es für die wärmebedürftigen Tiere nördlich der Alpen schlicht zu kalt“, so Heyd. Bis jetzt – denn inzwischen ist es offenbar auch im Rheinland warm genug für den Einwanderer geworden. Die erste Beobachtung der Art wurde im Jahr 1995 in Köln gemacht, es folgten Nachweise einer sich etablierenden Population im Ruhrgebiet. In Bonn wurde die erste Südliche Eichenschrecke im Herbst 2004 gefunden – ein Naturfreund entdeckte das Tier zufällig in seinem Garten in Bonn-Oberkassel. Eine in den Jahren 2005 bis 2007 vom NABU Bonn durchgeführte Untersuchung des Vorkommens der Art im gesamten südlichen Rheinland belegt, dass sich die Art in weit größerem Umfang als bislang bekannt ausgebreitet hat. Die Eichenschrecke tritt erst im Spätsommer auf – die ersten Beobachtungen in diesem Jahr zeigen, dass sich der Trend zum Massenvorkommen weiter verstärkt hat.
Grund zur Sorge besteht indes nicht. Heyd: „Die Heuschrecken ernähren sich ausschließlich von Insekten – Kleingärtner können also aufatmen“. Und die Südliche Eichenschrecke hält noch eine Überraschung parat: Zu ihrer Leibspeise gehört die Kastanien-Miniermotte, die für den bedauerlichen Zustand der innenstädtischen Kastanienalleen verantwortlich ist. Und tatsächlich konnten die Fachleute des NABU die nachtaktiven Heuschrecken vornehmlich auf besonders geschädigten Bäumen finden. Ob die Südliche Eichenschrecke bei der Bekämpfung der aus Asien stammenden Miniermotte wirklich helfen kann, werden die nächsten Jahre zeigen.

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