Bonn am Rand: Krankheit kennt keinen Aufenthaltsstatus
1. Oktober 2008.
Die gesundheitliche Versorgung vieler hier lebenden Flüchtlinge ist aufgrund ausgrenzender Gesetzgebung nicht oder nur noch lückenhaft gewährleistet. In den vergangenen Jahren wurde und wird die BRD als Teil der „Festung Europa“ systematisch gegen Flucht und Immigranten abgeschottet. Neben der drastischen Einschränkung des Asylrechtes und dem Etablieren einer meist gnadenlos und reibungslos funktionierenden Abschiebemaschinerie wurden Sondergesetze geschaffen. Diese Sondergesetze wie das Asylbewerber – Leistungsgesetz schränken die medizinische Versorgung für Flüchtlinge im Asylverfahren oder für Flüchtlinge mit Duldung stark ein. So wird die medizinische Versorgung beispielsweise nur noch im akuten Krankheitsfall und für Schwangerschaftsbetreuung und Entbindung zugestanden. Den Flüchtlingen, denen es nicht gelungen ist gültige Aufenthaltspapiere zu bekommen, wird selbst diese mangelhafte Minimalversorgung vorenthalten. Sie sind von jeder regulären medizinischen Versorgung ausgeschlossen.
Als Reaktion auf diesen menschenverachtenden Zustand gibt es in 14 größeren Städten Deutschlands medizinische Flüchtlingshilfen. Im Sommer 2003 wurde die Menschenrechtsinitiative MediNetzBonn gegründet. Seit November 2006 ist MediNetzBonn ein eingetragener Verein mit anerkannter Gemeinnützigkeit.
MediNetzBonn versucht Flüchtlingen, die auf Grund ihres Aufenthaltsstatus von der medizinischen Versorgung ausgeschlossen sind, eine qualifizierte medizinische Behandlung zugänglich zu machen. MediNetzBonn hat ein heilberufliches Netz für eine kostenlose und anonyme medizinische, psychologische und zahnmedizinische Behandlung für Flüchtlinge ohne Papiere oder mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus aufgebaut, das versucht diese Menschen im Krankheitsfall aufzufangen. Mittlerweile kooperieren 66 ärztlichen Praxen mit mehr als 70 ÄrztInnen der unterschiedlichsten Fachrichtungen in Bonn und Umgebung, vier psychologischen TherapeutInnen, fünf Hebammen, zwei HeilpraktikerInnen , zwei KrankengymnastInnen, eine LogopädIn, 18 DolmetscherInnen für die unterschiedlichsten Sprachen, ein Übersetzungsbüro und ein Seelsorger mit MediNetzBonn. Des Weiteren kooperieren fünf Krankenhäuser und fünf Laboratorien mit uns. So ist es uns immer besser möglich, die notwendige Hilfe auf mehr Schultern und Hände zu verteilen.
Ohne die kostenlose Arbeit der HeilberuflerInnen wäre die Arbeit von MediNetz nicht möglich!
Immer noch fehlen uns aber FachärztInnen für Urologie und Kardiologie und weitere KrankengymnastInnen!
Wir bieten montags eine Sprechstunde an. Es kommen jeden Montag im Durchschnitt 10 PatientInnen in unsere Sprechstunde, die wir dann beraten und an die mit uns kooperierenden HeilberuflerInnen oder an andere Beratungsstellen vermitteln. Pro Jahr sind das ca. 500 kranke Flüchtlinge.
Die Arbeit von MediNetzBonn e.V.
MediNetzBonn ist unabhängig von Parteien, Kirchen oder anderen Institutionen und bekommt keine staatliche Unterstützung. Die vermittelten Behandlungen sind ebenso kostenlos, wie es die ehrenamtliche Vermittlungstätigkeit der MediNetz MitarbeiterInnen ist. Kosten entstehen dennoch für: teurere Diagnostik oder Medikamente, die die PatientInnen nicht selber bezahlen können, für Krankenhausaufenthalte, Operationen, Geburten, Impfungen für die Kinder etc.
Bei der Finanzierung versuchen wir bei erwachsenen PatientInnen eine moderate Eigenbeteiligung, aber alle unsere PatientInnen sind sehr bedürftig. Für Kinder (Medikamente, Operationen und Krankenhausaufenthalte) und Geburten müssen die Eltern keinen Eigenanteil zahlen. Gerade Kinder bedürfen, unabhängig vom Aufenthaltsstatus, einen uneingeschränkten Schutz vor Krankheit und Schutz bei einer Erkrankung! MediNetzBonn übernimmt daher auch die Finanzierung aller für Kinder empfohlenen Schutzimpfungen. Alle Ausgaben werden ausschließlich aus Spenden finanziert.
Von Anfang an war das Anliegen von MediNetzBonn neben der praktischen Hilfe die politische Arbeit. Bei unserer politischen Arbeit geht es uns nicht allein um die medizinische Versorgung. Aus der Überzeugung heraus, dass Menschenrechte wie das auf Gesundheit, Schulbildung für Kinder, gerechten Arbeitslohn etc. auch für Menschen ohne gültigen Aufenthaltstitel zu gelten haben, weil sie über Fragen des Aufenthaltsrechtes stehen, beschränken wir uns nicht allein auf unsere Vermittlungstätigkeit. MediNetzBonn versteht sich nicht umsonst als Menschenrechtsinitiative, welche die Kriminalisierung von Flüchtlingen ohne Aufenthaltstitel durch das gültige Aufenthaltsrecht nicht akzeptieren will. So gehört zu unseren Zielen auch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Phänomene Flucht, Migration und Illegalisierung. Unser Engagement für die Belange papierloser Flüchtlinge umfasst insbesondere die Ziele eines freien Zugangs zum deutschen Gesundheits- und Bildungssystem.
Die gesellschaftliche Verantwortung für das Recht auf Gesundheit und das Recht auf Bildung der Kinder ohne Aufenthaltsstatus darf auf Dauer nicht auf Menschenrechtsinitiativen wie z.B. MediNetzBonn abgeschoben werden. Es muss nach Lösungen gesucht werden, die das Recht aller Menschen auf medizinische Versorgung und das Recht aller Kinder und Jugendlichen auf Bildung sicherstellen. Solange jedoch diese politischen Lösungen auf sich warten lassen, bleibt unsere Arbeit unverzichtbar, denn hinter jedem der von uns jährlich betreuten 500 „Fälle“ steht ein Hilfe suchender Mensch.
Sie können uns auf unterschiedliche Art unterstützen:
- Einmalige Spenden in beliebiger Höhe auf unser Spendenkonto Nr.: 80 077 009 bei der Bank für Orden und Mission BLZ 510 917 11
- Förderung des MediNetzBonn durch einen regelmäßigen Beitrag
Selbstverständlich erhalten Sie für Ihre Spende eine Spendenquittung. Daher unbedingt die Adresse im Verwendungszweck angeben.
Medizinische Beratungs- und Vermittlungsstelle für Flüchtlinge
Oscar-Romero-Haus
Heerstr. 205
53111 Bonn
Sprechstunde: Montags 17.30-19.00 Uhr
Telefonischer Kontakt: 0228-695266 / Der Anrufbeantworter wird jeden Tag abgehört.
