Elterninitative 4. Gesamtschule Bonn: Autorenlesung
26. Oktober 2008.
Die Elterninitiative 4. Gesamtschule Bonn engagiert sich nunmehr bereits seit Jahren, leider bislang erfolglos, für die Errichtung einer weiteren Gesamtschule im Bonner Stadtgebiet.
In die Gesamtschuldiskussion in Bonn ist aber jetzt, nicht zuletzt Dank unserer Initiative, Bewegung gekommen.
Wie Sie auch der Presse entnehmen konnten, sieht jetzt neben den Grünen und dem Bürgerbund auch die SPD den Bedarf nach einer weiteren Gesamtschule in Bonn.
Immer mehr Bürger und Organisationen haben verstanden, dass das vielgliedrige Schulsystem Kinder benachteiligt und gegenüber den Anforderungen einer sich wandelnden Welt versagt.
Wir werden uns mit Nachdruck dafür einsetzen, dass Blockaden und Behinderungen, wie wir sie auch leider noch heute bei der Bonner CDU ausmachen, bei der Errichtung und dem Ausbau von Integrierten Gesamtschulen beseitigt oder politisch „bestraft“ werden.
Zu diesem Ziel haben wir uns mit anderen Bündnissen und Initiativen vernetzt. So kooperieren wir beispielsweise mit der Initiative „Eine Schule für alle“, die sich im letzten Jahr als ein gesellschaftliches Bündnis gebildet hat.
Das vielgliedrige deutsche Schulsystem ist in den so genannten westlichen Industrieländern neben dem österreichischen das sozial selektivste, wie in zahlreichen Studien nachgewiesen wurde.
Wir brauchen in Deutschland und auch in unserer schönen, weiter wachsenden Stadt Bonn dringend den sachlichen Diskurs über alle das Schulsystem betreffenden Fragen:
1. Das frühe Sortieren zehnjähriger Kinder und die damit verbundene Zuteilung von Lebenschancen – verstößt es nicht gegen die Beteiligungsrechte der Kinder in allen sie betreffenden Fragen?
2. Die nachgewiesene Benachteiligung von Kindern mit Behinderungen, Migrationshintergrund und aus bildungsarmen Familien durch ihre überpropotional häufige Einsortierung in Förderschulen und Hauptschulen – verstößt unser Staat damit nicht gegen das Recht auf Bildung und Chancengleichheit?
3. Ist es nicht Illusion zu glauben, Lehrerinnen und Lehrer fühlten sich uneingeschränkt dem Prinzip der individuellen Förderung verpflichtet, wenn unser Schulsystem ihnen nahe legt, auf Lernprobleme mit Sitzen lassen und Abstufung im Schulsystem zu reagieren und dementsprechend für die individuelle Förderung auch kaum Unterstützung vorhanden ist?
Schulen können die vielfältigen Potentiale der SchülerInnen nur erschließen, wenn sie die Chance zu individueller Förderung, wie sie das Schulgesetzt NRW auch fordert, auch wirklich haben. Die Möglichkeit des Abschulens auf geringerwertige Schulformen verhindert die Entwicklung individueller Förderkonzepte an allen Schulen!
Gleich intelligente SchülerInnen mit gleicher sozialer Herkunft erreichen durchschnittlich 49 Punkte in der Lesekompetenz weniger, wenn sie Hauptschulen statt eines Gymnasiums besuchen. 49 Punkte entsprechen einem Lernrückstand von ca. 1,5 Schuljahren.
(Pisa 2000)
Der struktuerelle Rassismus des deutschen Schulsystems äußert sich in dem Fakt, dass sowieso schon benachteiligte Kinder doppelt benachteiligt werden, indem ihr Anteil in so genannten Förder- und Hauptschulen überproportional hoch ist.
Die der Schulstruktur zu Grunde liegende „Philosophie“ gehört auf den Prüfstand. Strukturen sind Ausfluss von Überzeugungen, Haltungen, Einstellungen, Absichten und Zielen. Der frühen Selektion mit 10 Jahren liegen verschiedene Annahmen zu Grunde: die „Begabungsprofile“ von SchülerInnen seien mit 10 Jahren so weit ausgeprägt, dass sie sich unterschiedlich anspruchsvollen Schulformen zuordnen ließen. Bei den verschiedenen Schulformen handele es sich um „begabungsgerecht fördernde Lernorte“; Fehlentscheidungen seien unvermeidlich und ohne bleibende Schäden zu korrigieren; es sei möglich, leistungshomogene Lerngruppen zu schaffen und leistungshomogene Lerngruppen seien die Voraussetzung für wirkungsvolles Lernen und „begabungsgerechte Förderung“.
Diese letzten Annahmen bestimmen leider auch häufig die innere Organisation und Pädagogik vieler Gesamtschulen.
Aus diesem Grund reicht es uns nicht, die Errichtung einer 4. Gesamtschule zu fordern. Die neue Gesamtschule in Bonn muss eine Alternative zum selektiven Schulsystem werden. Sie muss eine „Schule für alle“ werden.
Aus diesem Grunde wollen wir in der 4. Bonner Gesamtschule einen neuen Unterricht, der das große Anregungspotential heterogener Lerngruppen nutzt und jedes Kind individuell angemessen fördert. Die LehrerInnen werden zu LernhelferInnen, und die SchülerInnen lernen mit- und voneinander.
Wir wollen eine Schule, die der Vielfältigkeit und Einmaligkeit aller Menschen gerecht wird, mit einem modernen Unterricht, der auf die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Kindes eingeht. Wir wollen keine Gleichmacherei, sondern die gleiche Chance auf Individualität!
Die Erfolge der Grundschulen geben uns Recht: Dort gelingt es immer noch am Besten, Kinder mit völlig unterschiedlichen Lernvoraussetzungen so zu fördern, dass alle etwas davon haben.
„Am Ende der Grundschulzeit verfügen deutsche Schüler über ein hohes Leseniveau, die Leistungsunterschiede sind gering, und wir haben relativ wenig Probleme im unteren Leistungsbereich. Fünf Schuljahre später drehen sich die Verhältnisse um: schlechtes Gesamtergebnis, enormes Leistungsgefälle, riesige Probleme im unteren Bereich. Da läuft in Deutschland in den Klassen fünf bis neun irgendetwas schief.“
Prof. Bos, Leiter der IGLU-Studie, in: Die Zeit 16/2003
Die vermeintliche Wahlfreiheit im vielgliedrigen Schulsystem ist für viele Eltern in Wirklichkeit doch ein Entscheidungszwang zwischen schlechten Alternativen, die sie gar nicht wollen. Was Eltern wollen: die beste Bildung, die besten Chancen für ihre Kinder! Genau das wollen wir auch; aber genau das wird den meisten Kindern im vielgliedrigen Schulsystem vorenthalten. Nur mit einer Schule für alle Kinder können wir die Bedingungen schaffen, dass wirklich alle Kinder die beste Bildung und die besten Chancen bekommen – auch die, die zur Zeit noch auf dem Gymnasium lernen.
Auch die besonders begabten Kinder bekommen an dieser Schule eine ihnen angemessene Förderung. Und sie bekommen die Chance, Kompetenzen zu erwerben, die sie sonst nicht lernen würden – z.B. die soziale Kompetenz, langsameren SchülerInnen beim Lernen zu helfen anstatt auf sie herabzuschauen. Dabei lernen alle mit- und voneinander und alle insgesamt mehr und besser.
Wir möchten gemeinsam mit Ihnen über dieses wichtige bildungspolitische Thema, auch für unsere Stadt, diskutieren.
Wir, die Elterninitiative 4. Gesamtschule, möchten Sie auf diesem Wege ganz herzlich zu der Fachbuchlesung mit anschließender Diskussion einladen.
Lesung von Christian Füller aus seinem Buch:
„Schlaue Schüler, schlechte Schulen“.
Wie unfähige Politiker unser Bildungssystem ruinieren – und warum es trotzdem gute Schulen gibt.
am 4. November um 19 Uhr
in der Mensa der Bertolt-Brecht-Gesamtschule,
Schlesienstr. 21 -23, 53119 Bonn.
Wir freuen uns bereits auf diesen interessanten Abend gemeinsam mit Ihnen!
