Karnevalsskandal

Mephisto sagt uns was

27. Januar 2009.

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Foto: (c) Allgöwer/JOKER
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Ups, da hat wohl der Generalintendant des Bonner Theaters Klaus Weise den Karneval völlig missverstanden. Dank seiner Dank-Bütten-Rede zur Verleihung des Mäuseordens herrscht nun helle Empörung im Bonner Vereinskarneval. Mit scharfzüngigem Humor sowie treffenden und pointierten Bemerkungen zur Bonner Kulturpolitik trieb er sogar die aufgebrachte Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann aus dem Saal.
Aber lieber Herr Weise, karnevalistischer Humor ist doch kein Kabarett. Da nehmen sich Persönlichkeiten aus dem karnevalistischen und öffentlichen Leben ein wenig gegenseitig auf den Arm und demonstrieren so ihre Verbundenheit untereinander, wie z.b. bei der Verleihung des Mäuseordens. Der wird Jahr für Jahr bei feierlich karnevalistischer Anwesenheit von 200 Bonner Persönlichkeiten aus Politik, Karneval und Kultur an verdiente Bonner Persönlichkeiten aus Politik, Karneval und Kultur vergeben. Die diesjährigen Preisträger: Klaus Weise, Generalintendant der Bonner Bühnen und der scheidende Chef der Stadtwerke Bonn, Hermann Zemlin.
rhein:raum dokumentiert die denkwürde Rede, die Klaus Weise im passenden Mephisto-Kostüm zum Besten gab:
Ein Vademecum
für Bonn–Sympathisanten.
Oder – ganz einfach:
Unzeitgemäßer Bericht aus Bonn
1.
Genialität und durchwachsene Talente
Wenn du wirklich genial bist
- und ich meine genial, nicht durchwachsen talentiert
wie wir hier Versammelten -,
dann sieh zu, dass du in Bonn geboren wirst,
begib dich sofort nach Wien,
schaff etwas Bedeutendes,
stirb schnell,
kehre als Totenmaske auf irgendeinen Bonner Dachspeicher zurück,
begnüge dich mit Staub und Spinnen und lass dir anschließend von den Bonner Lachsen,
Entschuldigung, ich meine von den Bonner Daxen
- so lange es sie noch gibt am Rhein -
ein Mausoleum bauen zwecks kultureller Nutzung:
Die Chancen stehen nicht schlecht,
denn Bonn sammelt zur Zeit Hallen wie andere Städte und Gemeinden z.B. die Gewerbesteuer.
Und das Kulturamt der Stadt übernimmt eine Ausfallbürgschaft
für 53 Besucher pro Vorstellung in jeder Versammlungsstätte,
d.h. der zu suchende und nicht nur durchreisende oder interimistisch amtierende Kulturamtsleiter
muss mindestens bis 53 zählen können.
Anders ausgedrückt hat es Karl Valentin,
der demnächst,
nach dem Umzug des „Haus der Sprache und Literatur“
ins „Haus der Sprachlosigkeit und Literatursuche“
dem geneigten Publikum nicht nur als aktueller Autor, sondern vor allem als Architekt von Theaterneubauten vorgestellt werden wird:
In seinen „Zwangsvorstellungen“ errechnet er mittels der Einführung der „Allgemeinen Theaterbesuchspflicht“ – schließlich gäbe es ja auch die Schulpflicht, denn ohne die besuchte ja kein Schüler die Schule – für das Berlin seiner Zeit einen täglichen Bedarf von zwei Millionen Theaterbesuchern.
Oder, in Theaterbauten umgerechnet:
20 Theater mit je 100.000 Plätzen,
oder
2 Millionen Theater mit je einem Platz.
Ähnlich könnte ja auch das Statistische Amt den Bedarf für Bonn herunterrechnen,
und der Kulturausschuss hätte endlich mal eine seiner Bedeutung angemessene Aufgabe.
So kämen nicht nur die wenigen Weltarchitekten, sondern auch das eine oder andere nicht ganz untalentierte Bonner Architekturbüro und vor allem die vielen Architekturstudentinnen und  -studenten zum Zug.
Auf jeden Fall wäre durch die Einführung der „Allgemeinen Theaterpflicht“, die sich ja zur „Allgemeinen Hallen-Pflicht“ erweitern ließe, die Bonner Angstfrage, woher die „Publikümmer“ für all die Hallen kommen sollen, endgültig vom Tisch!
Nur das Problem ist:
2.
Bonn existiert nicht.
Vermutlich kennen Sie Frankfurt, Hamburg, München, Stuttgart
- von mir aus noch Essen und Meckenheim -
und sie wissen ziemlich schnell, was sich hinter diesen Namen verbirgt:
Nichts!
Aber sie existieren, die Städte.
In Bonn verhält es sich umgekehrt.
Bonn kennt jeder.
Man denkt sofort an sein wunderschönes Theater
- an den Bunkercharme der Kammerspiele in Bad Godesberg
ebenso wie an den Schmuddelcharme der Oper,
danach zwingend an Ludwig van …,
ärgert – oder freut – sich über den Service der Telekom,
freut sich, dass man als Postkunde etwas Gutes für Herrn Zumwinkel hat tun dürfen –
Deutschland war für sein großes Geld zu klein,
das kleine Liechtenstein gerade groß genug  -
freut sich, dass man zum Jahresende nur 75% des Wertes der IVG Aktien verloren hat,
wohingegen die Pläne unseres Sonnenkönigs ins Gigantische wachsen,
so dass sie bald die Sonne küssen können –
wenn die nicht vorher angstvoll ihre Augen schließt
beim Anblick der gefräßigen Löwen in der Rheinaue
oder beim Anblick von Frank als Maskottchen auf der Motorhaube des neuen Opel-Manta, Modell „Soleil“.
Wie gesagt: Bonn kennt jeder!
Aber: Bonn gibt es nicht.
Es gibt – und das ist wohl der tiefere Sinn der Bezeichnung Bundesstadt –
nur
„eine Stadt wie Bonn“ !
Immer, wenn in Bonn was nicht gewollt wird, heißt es in politischen Kreisen: „Für eine Stadt wie Bonn ist das nicht richtig“.
Bonn allein ist also nicht zu haben, sondern nur im Doppelpack,
- nimm zwei, sozusagen –
als sei die Stadt als Braut ohne Mitgift von „eine Stadt wie“
nicht sexy genug, um sie an Mann zu bringen!
Liebe Anwesende, stellen Sie sich vor –
und den meisten von Ihnen wird diese Vorstellung nur mit äußerster Disziplin und unter Aufgabe des Prinzips Hoffnung gelingen –
stellen Sie sich also vor, Sie stünden im Standesamt und der Standesbeamte fragte sie
– ich nehme vorsichtshalber mich als Beispiel –
„Wollen Sie, Klaus Dieter Weise, geb. am dadada
und jetzt kommt es! –
„eine Frau wie“ Johanna Helene Heß, geb. am dadada
heiraten?“
Ja da zucke ich doch unwillkürlich zusammen,
schaue mich um wie im Western und denke,
jetzt hat meine letzte Stunde geschlagen!
Von wem, um Gottes willen, redet denn der?
Habe ich mich vertan und heirate ich jetzt eine andere oder gar zwei:
die Johanna Helene Heß und noch eine,
nämlich die „eine Frau wie“ Johanna Helene Heß?
und vor allem, wer ist diese „eine Frau wie“?
Ist die eine dann da für die guten, die andere für die schlechten Zeiten?
Sie sehen, Abgründe tun sich auf mit dem „eine Stadt wie Bonn“ ,
derweil die Stadt selber, ob es sie gibt oder nicht,
im ewigen Frühnebel des Rheins verborgen bleibt:
Ein Versprechen, eine Sehnsucht, eine Fata Morgana,
locus amoenus, Atlantis und der Garten Eden –
kurzum:
Bonn – ein Traum am Horizont des bürgerlichen Glücks!
So etwas soll uns wohl das „Eine-Stadt-wie“ suggerieren!
Doch ich befürchte:
Auf Dauer würden sich bei den Bewohnern schwerste schizophrene Schädigungen einstellen,
denn keiner wüsste mehr,
ob er sich gerade in Bonn oder eben nicht in Bonn,
sondern in „einer Stadt wie“ Bonn befände.
Bei wem bezahle ich mein Knöllchen?
Wo reiche ich meine Steuererklärung ein?
Beim Finanzamt der Stadt Bonn Außenstelle
oder beim Finanzamt „einer Stadt wie Bonn“ Außenstelle?
Zugegeben:
Für Politik und Verwaltung bedeutete der Aufbau von Organisationsstrukturen für „eine Stadt wie Bonn“
- neben den in Bonn bereits existierenden -
immense Karriereperspektiven –
und auch mein Laudator
und viele andere mit Politik- und Verwaltungskarriereknick,
könnten so noch zu Amt und Würden gelangen!
Oder in der Kultur:
Neben dem Beethoven-Orchester-Bonn
hätten wir „das Beethoven-Orchester-einer-Stadt-wie-Bonn“!
Sie müssen sich das so vorstellen:
Politik, Stadtverwaltung und Kultur als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme –
was sie ja eigentlich schon immer waren,
nur eben jetzt verdoppelt!
Mein Namensvetter in Nürnberg jedenfalls,
mit dem ich diesen Vorschlag abgestimmt habe,
ist vollauf begeistert und rät mir, ihn unbedingt patentieren zu lassen!
Und wenn ich in den Namen dieses Patents
auch noch irgendwie den Namen „Beethoven“ unterbringen könnte
und damit an die Börse ginge,
die Erfolgsstory von „Solarworld“ wäre ein müder Schatten meines Glanzes.
Doch noch ein Weiteres impliziert dies bescheiden–hochstapelnde
„eine Stadt wie“:
Nämlich, dass Bonn eine Stadt sei!
Entweder es wäre eine, dann wüsste es jeder –
ohne dass es gesagt zu werden bräuchte
(man sagt ja auch nicht „ein weißer Schimmel“)
oder es will erst eine werden,
und man meldet schon mal für alle Zukunft ein Patent an:
Sollten dereinst N.Y., Madrid, London und Paris auch einmal Städte werden,
dann könnten wir Bonner sagen:
„Tut uns leid, sorry, desolés…ihr seid meschugge,
der Titel ist schon vergeben – und zwar an uns.“
3.
Bonn – die Stadt
Und wenn sich Bonn im Untertitel auch noch „die Stadt“ nennt
- pardon, genannt hat – ,
dann verrät das doch
- denn Wien hat ja nicht nur Beethovens wunderbare Musik nach Bonn gebracht, sondern auch – igittigitt – Freuds Psychoanalyse –
dann verrät das doch, dass, wer so oft „Stadt“ und „eine Stadt wie“
im Munde führt und drucken lässt,
vor nichts größere Angst hat,
als Nicht-Stadt, also dörflich, zu sein.
Und in der Tat:
In Zeiten der Grillomanie,
denen jeder anständige Vor-, Hinter- und Schrebergartenbenutzer
schon jetzt entgegenfiebert,
könnte man Bonn durchaus
„als größten Schaschlikspieß Europas“ bezeichnen,
auf den fein säuberlich geschichtet die Dörfer
Kessenich, Weißenich, Endenich, Hassenich
und – als Riesensupergarnele -
Bad Godesberg aufgespießt sind.
In Sympathie und Liebe zu Bonn
und nicht zu Bonn als „die Stadt“  und „eine Stadt wie“
schlage ich vor:
Bonn nennt sich „Bonn“ – und bleibt sich selber treu.
Ganz einfach.
Das klingt famos, das hat Geschichte und steht für Qualität!
Begreifen wir uns als „global village“
und überlassen die Hochstapelei – neben den Kölnern und Düsseldorfern –
denen, die es nötig haben,
denen, die uns nicht nur ein Kongress-Zentrum,
sondern in unglaublich pubertärer Selbstüberschätzung
gleich ein Welt-Kongress-Zentrum bescheren wollen.
So etwas wird man, verehrte Anwesende!
Aber nicht durch Selbstbenennung!
Und wenn schon auf den Putz hauen, dann richtig und mit James Bond:
„Bonn: The world is not enough!“
Wenn in Bonn irgendetwas Weltniveau hat,
dann das Grundgesetz,
die Bonner Friedensrepublik,
auf jeden Fall Ludwig van
- und der Mäuseorden!
Doch, bei allem Stolz auf den Sohn der Stadt,
vergessen wir nicht:
Er musste Bonn verlassen,
um in Wien Beethoven zu werden.
Zurück vom Hochgebirge des Titan
ins Flachland der Profanisierung der Kunst:
Auch Werbeagenturen müssen und sollen verdienen,
indem sie Auftraggeber und Produkt durch Imagepolitur veredeln.
Bonn wird jetzt
4.
zur „Stadt der Freude“ deklariert.
Achtung:
Das kann ins Auge gehen!
Wir haben bereits das Beethoven-Haus,
das Haus der Geschichte,
das Haus der Kulturen,
das Schumann Haus – um nur einige „ohne Macke“ zu nennen!
Sind diese dann chambres séparées
unter dem Dach des „Haus der Freude“?
Die Schlagzeile im Express kann ich mir schon jetzt lebhaft vorstellen –
verkneife sie mir aber, da, wie mir gesagt wurde,
auch einige Damen „hier und heute“ anwesend sein sollen.
Nach den Debatten um streichende Streicher und blasende Bläser,
um Südtangente, Bahnhofsvorplatz, Straßenstrich und Bonner Loch
würde durch „Bonn – Stadt der Freude!“
dem Rotlichtmilieu metropole Ehre erwiesen,
welche dieses als vornehmliches Nachtgeschäft nicht verdient -
wenngleich die Heftigkeit seiner Funken gelegentlich
durchaus göttlich genannt werden darf.
Außerdem käme der neu zu wählende Bürgermeister
um die Städtepartnerschaft mit „Freudenstadt“ nicht herum !
Aber wer will das schon?!
Wer von den Bonnern will ausgerechnet mit dem Schwarzwald etwas zu tun haben?
Unser Schwarzwald heißt Siebengebirge und liegt so nah am Rhein,
dass es dem Wald da unten bei den Leuten mit den gelben Füßen und dem komischen Dialekt aus Eifersucht ganz schwindlig wird.
Doch jetzt kommt´s
5.
knüppelhart:
Weil die Werbeagentur ausgerechnet den Bonnern unterstellt,
sie seien mente captus, von Pisa weit entfernt,
übersetzt sie „Freude“ auch noch ins Englische und ins Französische:
joy, joie!
Ich möchte richtig stellen:
Bonn liegt im Rhein-Land und nicht in Thai-Land!
Ja sind denn die Bonner Schulen so verarmt,
dass der Fremdsprachenunterricht jetzt von City-Light-Postern
und nicht mehr von Lehrern durchgeführt wird?
Und was antworte ich als Bonn-Aspirant, Neu- oder Alt-Bonner
dem mich verschmitzt anlächelnden Asiaten oder Niederländer,
der soeben „joy“ gelesen hat und mich nun fragt,
wo die denn hier zu finden sei?
Meint der jetzt die schnöden Funken seiner eignen Lust
oder die olympischen der Götter?
Verehrte Damen und Herren, glauben Sie mir:
Als Generalintendant habe ich mit Nackten,
die in Waschmaschinen über die Bühne laufen,
weil ein in die Schlagzeilen wollender Jungregisseur
genau das aus der Partitur und dem Libretto heraus zu lesen meint,
genug Probleme im Bereich der Feuchtgebiete.
Ich möchte nicht zusätzlich belästigt werden durch von einer Werbeagentur verantwortungslos erotisierte, herumirrende Bonn-Touristen,
die, kulturell völlig ausgetrocknet, in unsere schöne Stadt gekommen sind
und sich ihrer in der Heimat als Phuket am Rhein zu erinnern!
Liebe Festgemeinde, wehren wir den Anfängen:
Einen Venusberg haben wir schon.
Aber dass deswegen der Drachenfels
in „Moby Dick“ umbenannt werden soll,
das sehe ich nicht ein!
Das ist mit mir nicht zu machen!
Mit mir zu machen ist auch nicht,
wie mir der Stadtsprecher Friedel Frechen in einem seiner charmant frechen Briefe vorschlägt
- ist er da und wenn ja, erheben Sie sich bitte –
das „van“ vom „Ludwig“  zu anglisieren und als f-u-n zu schreiben.
Er meint, vom „Schpass“ zur „Freude“ sei doch nur ein kleiner Schritt
und ich solle mich gefälligst nicht weiterhin als
querulante Schpass-Bremse
hier in dieser Stadt gerieren.
Sollte man mich unter Androhung der fristlosen Entlassung dazu zwingen, vergesse ich glatt meine friedliebende Gesinnung und greife zu den Waffen, selbst wenn ich das Pappmaschee für diese
aus den Mitteln des Theaters finanzieren müsste!
Ja, wir sind – 6. –
beim Geld.
Ehrlich:
Ich hatte gehofft, ich bekäme den Mäuseorden,
weil ich so ein netter Kerl bin
oder, weil,
nach sechs Jahren meines Hierseins,
mich endlich irgendjemand liebt in dieser Stadt.
Weit gefehlt.
Ich bekomme ihn, weil ich so gut mit Geld umgehen kann,
wobei das Geld noch nicht mal mir gehört.
Und ich sage ihnen: es stimmt.
Und ich sage Ihnen noch etwas:
Hätten sich alle städtischen Institutionen an den Einsparungen
des Theater Bonn ein Beispiel genommen
und wären diesem Beispiel gefolgt,
dann wäre der Kämmerer unserer Stadt, der nette Herr Sander,
auch der glücklichste Mensch in unserer Stadt
und könnte die Zuschüsse des Theaters wieder auf den alten Stand anheben.
Sie wären dann nicht mehr auf Sand, sondern auf Sander gebaut.
Darum mein Rat an alle Institutionsleiter in Bonn
oder von mir aus auch „einer Stadt wie Bonn“:
Sparen, sparen, sparen,
damit auch Sie den Mäuseorden bekommen
und das Theater wieder mehr Geld.
7.
Ehrlich:
Ich wusste nie, warum ein Theaterleiter,
der ja die unterschiedlichsten Menschen und ihre Talente leitet wie Strom und Wärme
- mir ist das jetzt ein bisschen peinlich, aber Sie müssen sich mich jetzt als Tauchsieder vorstellen -
o.k., sind Sie so weit? -
warum also ein Theaterleiter, ganz kriegerisch,
Intendant, gar Generalintendant, heißt?
Man könnte meinen, dass der Intendant,
damit Kunst und nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“ entsteht,
die Mitarbeiter auf- und gegeneinander loshetzt!
O.k., das macht Sinn und ist gelegentlich nötig.
Und ein Gran Sadismus ist doch die Würze in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Oder, der Intendant heißt Intendant, weil er etwas intendiert.
D.h., er müsste etwas in der Birne
und im Phantasiezentrum seines Hirnkastens haben –
das soll gelegentlich vorkommen,
bleibt aber meiner Erfahrung nach die Ausnahme.
All diese Erklärungsversuche sind möglich, aber nicht zwingend.
8.
Der Mäuseorden als Erkenntnismodell!
Die Verleihung des Mäuseordens hat mich beim Verfassen
meiner kleinen Ansprache um eine große Erkenntnis bereichert
und hierfür möchte ich mich bei den Verantwortlichen recht herzlich bedanken:
Der Intendant heiß Intendant, weil Krieg herrscht:
Es wird geschossen!
Die Presse schießt auf ihn,
die Leserbriefschreiber,
das Publikum mit Pfeil und Bogen – auch Werktreue und historisches Kostüm genannt – ,
die Politiker mit dem Rück-Ladegewehr der vom Theater ersparten Rück-Lagen,
der Denkmalschutz und der Verwaltungsrat der Stadt,
weil sie mit der Verhinderung der Öffnung der Kammerspiele für`s Publikum
- von einer  Dame dieser Stadt ganz eifersüchtig
und wadenbeißerisch-gehässig Anhübschung genannt -
das Theater und seine Zukunft in die Konkurrenz–Un–Fähigkeit torpedieren,
damit zukünftig ja Jede und ja Jeder hübsch in die Beethoven–Bude pilgere!
„Denn sie wissen nicht, was sie tun und tun es dennoch!“ wird, zumindest
Mit solchen Entscheidungen nach dem Strickmuster: nächtens, die Godesberger Innenstadt weiterhin wie vermintes Gelände behandelt,
das ja keiner zu betreten habe.
Und siehe da, es funktioniert!
Die Besucher der Kammerspiele werden nach Vorstellungsbesuch vom städtischen Reinigungspersonal sofort auf den Theaterplatz gekehrt, damit sie nur ja nicht auf die Idee kommen, im Theater und seinem fehlenden Café zu verweilen.
Sie dürfen sich dann gnädigerweise auf dem Theaterplatz aufhalten und darauf warten, dass das sog. „Theater Bistro“ gegenüber der Kammer am nächsten Morgen wieder öffnet
oder
sie schauen sich im „Insel Café“ die drei Herrschaften an, die über dem Mittagessen dort eingeschlafen sind.
Besucherfreundlichkeit, verehrtes Publikum, sieht anders aus – eher so,
wie hier im Haus der Springmaus!
Doch zurück zum Thema:
All diese netten Menschen schießen auf den Intendanten.
Doch der verdient Geld genug, um sich eine kugelsichere Weste zu kaufen und um sich unter den vorzeitigen Warnrufen seines ihn gnadenlos verehrenden Publikums vor den schärfsten Geschossen wegzuducken.
Meine Damen und Herren, Sie haben längst gemerkt, als Intendant ist man nicht nur Sadist, sondern ein noch größerer Masochist!
Chacun a son goût!
Und in diesem austarierten Verhältnis könnte sich sogar so etwas wie
„mein kleines Intendantenglück in Bonn“ einstellen.
Hier wollte ich schließen.
Doch
9.
die Mächte der Finsternis zerren an mir,
kratzen mich bis auf`s Blut und drohen,
mein Seelenheil zu vernichten, wenn ich nicht Folgendes sage:
Du, Klaus Weise, könntest dein bescheidenes Glück genießen, ginge da nicht ein Gespenst um in Bonn und quälte dich nicht ein besonders perfides Folterinstrument namens
„Bonner Kulturrat“.
Seit der zum „Ludwig-van-Fan-Club“ mutierte, verließ ihn der Mut.
Visionen zu Beethoven sehen anders aus, als dem großen Sohn der Stadt eine Luxusgarage hin zu stellen und sich auf Spurensuche zu begeben nach den Tourneerouten tingelnder Orchester!
Lauter kluge Köpfe in diesem Rat,
doch können sie keinen kühlen Kopf bewahren:
Sonst wüssten sie – und in ihrem Herzen wissen sie es –
Dass es in dieser Stadt nur ein Dach geben darf für Beethovens Musik,
unter dem musiziert, gesungen und – ganz wichtig –
unterrichtet wird, Musizieren und Singen und Hören zu lernen!
Nur so kann Bonn sich mit dem Meister zukunftsweisend und sich rechnend aufstellen.
Mit dem Recyceln allein ist der Lorbeerkranz der Kunst nicht zu gewinnen!
Beethoven war Neu-Schöpfer,
und wer sich mit ihm anlegt, muss sich daran messen lassen.
Nicht die Architektur darf das Programm bestimmen, sondern was gemacht werden soll, forme das Gebäude!
Und hier, scheint mir, sind neben Üblichkeiten, gepaart mit dem Adlerauge für´s Unwesentliche, schwerste Defizite zu vermelden.
Entweder
– wie gesagt, nicht ich rede, sondern es redet aus mir –
wir haben es in diesem Fall mit angstbedingter Denkstarre zu tun,
oder
der Bonner Kulturrat, eine hauptsächliche Männerversammlung,
wird hormonell in Schach gehalten von einer speziellen Duftmixtur
einer Dame, unter deren Dach er in Dauerquarantäne dahindämmert.
Ich selber habe hierzu keine Meinung –
denn eine fremde Stimme, wenn nicht gar Mephisto selber,
führte meine Feder.
Und auch jetzt muss es des Satans böse Zunge sein, die mich zu sagen zwingt,
die Bonner Demokratie sei an diesem Club ähnlich spurlos vorüber gezogen
wie die demokratischen Errungenschaften der Neuzeit
an z.B. Idi Amin oder Robert Mugabe.
Das steht da in meinem Manuskript!
Ich selber finde es hammerhart,
wozu mich fremde Mächte hier verdonnern!
Ein Preis soll Freude bringen,
Freude schenken
und darum weigere ich mich auch zu sagen –
selbst um den Preis des Tinnitus in meinem Kopf –
was fremde Mächte mir sonst noch alles einflüstern…
Es soll ja für die Mäusinnen und Mäuse
des Mäuseordens in den nächsten Jahren
auch noch ein wenig Stoff erhalten bleiben,
damit wir alle einmal im Jahr,
aus den Schulen der verordneten Sprachlosigkeit nach Endenich
zur Springmaus hüpfen und hier unsere Sprache wieder finden.
Wie auch immer:
Ich bin glücklich, Mitglied des Bonner Kulturrats sein zu dürfen.
Ich weiß aus eigener Erfahrung,
dass er nicht nur einer der besten, teuersten und
exklusivsten Masochistenclubs Deutschlands ist,
sondern dass in ihm auch noch gedacht, gestritten, gegessen und gelacht wird.
(Den letzten Satz finde ich jetzt ein bisschen anbiedernd von den fremden Mächten!)
Als solcher ist er unersetzlich
und wird schon bald in den Rang eines Weltkulturerbes erhoben werden –
wie mir seine Personal- und Pressechefin jüngst zärtlichst ins Öhrchen flüsterte.
Danach biss sie mir allerdings aufs Brutalste ins Ohrläppchen und schickte in ziemlich sachlichem Ton hinterher,
wozu ich Ohren bräuchte, wenn ich nicht auf sie hörte?!
Irgendwie logisch.
Oder?
10.
Erinnern wir uns:
Ein Intendant ist jemand, auf den geschossen wird –
von unterschiedlichen Seiten.
Ein General-Intendant ist jemand,
auf den gänzlich unverdient und zusätzlich geschossen wird:
von einem anderen General, nämlich vom General-Anzeiger.
Aber, das ist das Schöne an meinem Job – und hierfür liebe ich
Bonn,
„Bonn – die Stadt“
und „eine Stadt wie Bonn“,
ihre Bürgerinnen und Bürger:
ein Generalintendant heißt Generalintendant,
nicht nur, weil generell geschossen wird,
sondern weil mit Zu-Schüssen ge-schossen wird –
will sagen, mit Geld aus ihrer aller Portemonnaie!
Dafür bedanke ich mich.
Ich fühle mich geehrt.
Und ich bin glücklich.
Und vergessen Sie nicht,
heute Abend um 20 h
findet
unter der Stabführung unseres neuen General-Musik-Direktors,
Stefan Blunier,
- schon wieder ein General -
und unter meiner Oberspielleitung
die Premiere einer relativ militanten Oper statt,
der „Elektra“ von Richard Strauss –
auf die Stunde genau 100 Jahre nach der Uraufführung
am Königlichen Opernhaus in Dresden.
Dass „Der Mäuseorden“ seine Termine derart perfekt platziert,
spricht für ihn und für seine große Zukunft!
Herzlichen Dank an das Burgfräulein und die Tempelherren
des „Mäuseorden“,
herzlichen Dank an meinen Laudator Claus Recktenwald
und herzlichen Dank an Sie alle für Ihre Geduld!
  1. [...] , das nicht nur der Bonner Generalintendant Klaus Weise etwas auf die Hörnchen nimmt  (”Mephisto sagt uns was“), sondern auch Bürger, denen die Mischung aus Kinderarmut in Bonn als Teil des Welthungers [...]

  2. [...] Indiz: Kritik wird als Angriff empfunden (siehe Mäuseordenverleihung), wenn das so ist, dann muss man als “Bonna” Dieckmann eben bedingungloses Vertrauen um [...]

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