Bonn am Rand

Ein Tag bei der Bonner Tafel

2. Mai 2009.

Sortierung der eingesammelten Lebensmittel bei der Tafel in der Nachbarstadt Troisdorf.

Sortierung der eingesammelten Lebensmittel bei der Tafel in der Nachbarstadt Troisdorf.

In der letzten Aprilausgabe von „fifiy-fifty“ gab es einen Beitrag über „Die Tafel“ in deutschen Großstädten. Quintessenz des Beitrages: die Tafeln verfestigen die Armut. Nach Meinung des Autors – und möglicherweise auch anderer, der Wohlfahrtsverbände? – subventionieren die Tafeln die Bedürftigen und halten dem Staat auf diesem Wege den Rücken frei, z.B. eine ordentliche Grundsicherung für Kinder zu implementieren.

Neugierig geworden, begab ich mich vor ein paar Tagen einen Tag lang mit der Bonner Tafel auf Tour:

Morgens um 9 geht es los. In der Mackestraße, der Zentrale der Bonner Tafel, werden mit drei Fahrzeugen drei Routen im Bonner Stadtgebiet abgefahren, um noch haltbare Lebensmittel einzusammeln.. Mein Kollege und  OB-Kandidat der Grünen, Peter Finger, und ich werden  herzlich vom anwesenden Team begrüßt, von einer der Geschäftsführerinnen – Frau Taeppe-, dem Fahrer und einer Reihe von Helferinnen, die  auf die Touren verteilt werden.

Meine Tour geht Richtung Godesberg. Unser Fahrer berichtet mir von seiner Motivation, die Tafel zu unterstützen. Er sei von Aachen nach Bonn umgezogen und habe seinen Job so eingeteilt, dass er an einem Tag der Woche der Tafel helfen könne. Praktisch anpacken, praktisch mit eigenem Einsatz die Situation von Menschen ein bisschen verändern, die es nötig haben – das ist für ihn das Wesentliche. „Vieles wird weggeschmissen, was noch gut und haltbar ist und anderen Menschen verhilft, ihr Leben ein bisschen einfacher zu gestalten“. Die Wegwerfgesellschaft – wir fahren sie auf unserer Tour an und ich gewinne Einblick in die Hintertüren der Fassaden und Supermärkte.  Mit Lidl arbeite die Tafel überhaupt nicht mehr zusammen, wird mir berichtet, weil Lidl die Tafel als billige Abfallentsorgung betrachte. Aber einige Filialen von Aldi („auf das Team im Laden kommt es an“) fahren wir an und ich entdecke Aldi von hinten. Teilweise mehr oder weniger liebevoll aufgestapelte „Reste“ dessen, was uns als Kunden nicht mehr angeboten wird: angestoßene Bananen, Zuccinis, aber auch Brot.

Apropos Brot: beeindruckend der Beitrag einer kleinen Bäckerei in Friesdorf, wo ich den Eindruck hatte, dass sie nicht Reste für die Bonner Tafel liefern, sondern eigens für die Tafel gebacken hatten. Soviel Brot und gute Backwaren gab es bei den Supermarktketten nicht….

Anpacken, aussortieren und einladen – eine Arbeit, die in den Rücken geht und nicht leicht ist. Im Auto dann noch einmal Gespräche über die Motivation, über Bestätigungen und Enttäuschungen. Wichtig sei, „eine Haltung zu  haben“, dass es weder aus ökologischen noch aus ethischen Gründen sein könne, dass so viele Dinge weggeschmissen werden und andererseits Menschen sich z.B. kein Obst leisten können.. Es gäbe Menschen, denen die Tafel in bestimmten Lebensabschnitten nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit Gesprächen helfen könne, aber sozialarbeiterische Arbeit könne die Tafel selbstverständlich nicht leisten..Es gäbe.Dank, aber auch manchmal den Versuch, das Angebot auszunutzen, zweimal sich anzustellen oder sich auf diese Hilfe zu verlassen. „Man muss halt Acht geben, nicht ausgenutzt zu werden. Irgendwie erwischen wir die Trickser immer..aber im Normalfall ist Armut nicht fordernd.“

Einige Zahlen und Fakten zur Bonner Tafel

Die über 70 MitarbeiterInnen sind pro Monat etwa 1000 Stunden ehrenamtlich für die Organisation und Verwaltung, bei Fahrdiensten sowie beim Aussortieren und Verteilen von Lebensmitteln tätig.

Jede Woche erhalten regelmäßig  über 3000 Bedürftige Lebensmittel, die über Verteilerstellen und diverse Einrichtungen (Notunterkünfte, Frauenhaus etc.) abgegeben werden.

Unsere Priorität liegt in der Belieferung von 27 Kinder- und Jugendeinrichtungen in sozialen Brennpunkten mit Rohkost, Obst und Milchprodukten. Etwa die Hälfte der Ware geht an 600 registrierte private Haushalte, die ihre Bedürftigkeit nachgewiesen haben. Aufgrund der eingeschränkten Warenmenge können wir nur Neuanträge von nicht erwerbsfähigen Personen, d.h. kranken und älteren Bedürftigen berücksichtigen.

Durchschnittliche monatliche Abholung:

Gemüse und Obst   10 Tonnen bis 14 Tonnen (saisonabhängig)

Brote       2.500 Stück

Brötchen    10.000 Stück

Gebäck      2.000 Stück

Feinkost/Milchprodukte       500 kg

Konserven/Sonstiges       500 kg bis 1000 kg

Neben diesen regelmäßig anfallenden Lebensmitteln werden der Tafel auf Abruf weitere, zum Teil größere Warenmengen auch von überregionalen Spendern zur Verteilung überlassen. So wurden im Jahr 2008 in 80 Sondertouren etwa 30 Tonnen Lebensmittel zusätzlich abgeholt. In Zusammenarbeit mit den umliegenden Tafeln und der Lebensmittelbank Aachen werden pro Woche 1 – 2 Sondertouren mit Kartoffeln, Konserven, Feinkost, Süßigkeiten, Getränke etc. gefahren.

Die drei vereinseigenen Fahrzeuge sind mit Kühlaggregaten ausgestattet und sind pro Monat insgesamt etwa 4000 Kilometer für Tafeldienste unterwegs.

Weitere Informationen: ueberblick_tafelarbeit-1

Stand: Februar 2009

Nach unserer Tour wird ein Teil der Ware wieder ausgeladen.. Gleichzeitig wird ein anderer Wagen für die Auslieferung für den Verein für Gefährdetenhilfe (VFG) beladen. Zwischendurch ein kurzer Kaffee und ein Gespräch mit den Fahrern der anderen Wagen. Aus-und Einladen, ein geschäftiges Treiben.

Meine letzte Etappe für diesen Tag ist die Auslieferung für den VFG:.ein volles Auto mit Fleisch, Joghurt, Eiern wir ausgeladen, viele packen mit an..alles verläuft in einer freundlichen Atmosphäre, wohl wissend, was diese Lebensmittel für die Menschen im VFG an Erleichterung des täglichen Lebens bedeuten. Nicht umsonst hat sich die Geschäftsführerin des VFG in Bonn im Rahmen der Debatte um die Sinnhaftigkeit der Tafel deutlich zu Wort gemeldet: „Die Lebensmittelversorgung der Tafel widerspricht nicht unserem Engagement zur Verbesserung der Lebensbedingungen unserer Klienten und sie verfestigt auch keine Armut. Im Gegenteil, die Hilfe der Tafel unterstützt uns, weil sie unabhängig von jedem politischen Engagement zunächst einmal die Menschen mit Lebensmitteln versorgt. Wir möchten uns dafür bedanken, dass wir in der oft täglichen Zusammenarbeit mit den vielen unermüdlichen Ehrenamtlern der Bonner Tafel spüren, dass ihnen das Wohl unseres zumeist wohnungslosen Klientels besonders am Herzen liegt.“

„Mein“ Tag bei der Tafel endet hier. Der Tag für die Ehrenamtler ist noch längst nicht zu Ende. Es liegen noch das Sortieren und die Ausgabe vor ihnen. Doch die Stimmung ist gut, wenn nicht gar ausgelassen. Die Menschen, denen ich an diesem Tag begegnen konnte, strahlen eine Gelassenheit und Zufriedenheit aus, die ich selten bisher so erlebt habe. Als Politikerin, die sich vornehmlich am grünen Tisch mit Problemen beschäftigt, ist für mich dieser Tag ein besonderes Geschenk und eine unschätzbare Erfahrung.Vor allem die Menschen, die anpacken und ihre gelassene Heiterkeit haben mich beeindruckt.

Doro Paß-Weingartz ist Fraktionssprecherin der Grünen im Rat der Stadt Bonn

Foto: Troisdorfer Tafel. JOKER/Petra Steuer

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