4. Mai 2009.

Wenn man den Aussagen des Luftreinhalteplans Bonn glauben will, erhöht sich die durchschnittliche Lebenserwartung mit jedem eingesparten Milligramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft um zwei Wochen. An der Reuterstraße wurden 29 µg/m³ gemessen, im übrigen Bonner Stadtgebiet nur 25. Wer an der Reuterstraße wohnt, stirbt also statistisch gesehen zwei Monate früher als alle anderen BonnerInnen.

Der  Luftreinhalteplan Bonn soll nun zwei bestimmte Sorten von Luftschadstoffen eindämmen.

Feinstaub (PM10): Das sind Partikel aller Art, die kleiner als 10 µm im Durchmesser sind und deshalb weder von der Nase noch den Bronchien daran gehindert werden können, in unsere Körper einzudringen. In Bonn werden die Feinstaub-Grenzwerte bisher problemlos eingehalten.
Ab 2010 ist ganz Bonn jedoch schlagartig “feinstaubverseuchtes” Gebiet. Im nächsten Jahr wird nämlich der Grenzwert von 40 µg/m³ auf 20 µg/m³ halbiert.

Stickoxide (NOx): Stickoxide entstehen nur bei sehr hohen Temperaturen, z. B. in Verbrennungsmotoren. Sie belasten und vergiften die Atemwege, bewirken sauren Regen und machen Männer langfristig impotent.

An der Bonner Reuterstraße ist der zulässige Grenzwert für Stickoxide schon heute weit überschritten (48 µg/m³ sind zur Zeit erlaubt, 66 wurden gemessen). An den zwei anderen ausgewerteten Messpunkten, nämlich Bornheimer Straße (45) und Konrad-Adenauerplatz (47), ist das erst ab 2010 der Fall. Dann nämlich sind nur noch 40 µg/m³ (statt 48) erlaubt.

Gegenmaßnahmen

Die Stadt Bonn möchte dem Problem u. a. mit mehr Job-Tickets zu Leibe rücken. Gutgelaunt schlägt sie alle damit verbundenen Umweltgewinne rechnerisch dem Problemkind Reuterstraße zu.

Außerdem sollen LKWs auf der Reuterstraße verboten werden, und eine Verbesserung der Ampelschaltungen soll die Verkehrsströme in beiden Richtungen weiter verflüssigen. Fußgänger- und Fahrradverkehr sollen gefördert werden, das Bus- und Bahnnetz soll ausgebaut werden. Zukünftig sollen noch mehr Buslinien im 10-Minutentakt fahren. Die Stadtverwaltung möchte neben umweltfreundlicheren Kfz auch 78 Dienstfahrräder anschaffen und Büro-Duschen für die verschwitzten Beamten installieren.

Gemeinsam haben sich überdies die IHK, Stadt Bonn und Stadtwerke, Hotellerie, Handwerker, Hauseigentümer sowie der Einzelhandel in einer „Partnerschaft für Luftgüte und schadstoffarme Mobilität“ verpflichtet, Beiträge zur Verbesserung der Luftqualität zu leisten.

Umweltzone! Umweltzone!

Das Landesamt für Natur- Umwelt- und Verbraucherschutz (LANUV) setzte zusätzlich die Einführung einer “Umweltzone” durch. “Die Prognosen des LANUV haben gezeigt, dass die Bonner Maßnahmen allein keineswegs zur Einhaltung des EU-Grenzwertes für NO2 führen werden.” heißt es lapidar auf Seite 82 des Luftreinhalteplans. Und weiter:

Offensichtlich sei der Grenzwert für Stickoxide mit den bisher vorgeschlagenen Maßnahmen nicht erreicht. Daher sei “in Ermangelung weiterer geeigneter Maßnahmen (mit Ausnahme der Umweltzone) die Umweltzone (mit ggf. zusätzlichen Maßnahmen) vorzusehen”, die die Prognose zulasse, dass im Zieljahr 2010 der Grenzwert eingehalten werde.
Wie das LANUV zu dieser Auffassung gelangt ist, bleibt vorerst Betriebsgeheimnis. Auf den 128 Seiten des Luftreinhalteplans jedenfalls ist nicht der Hauch einer Andeutung zu finden.

Nützt alles nichts?

Folgendes bewirkt die geplante Umweltzone: Vier von 100 PKW dürfen nicht mehr durch die Reuterstraße und weder in die Bonner Innenstadt noch über die Kennedybrücke fahren. Das gleiche gilt für siebzehn von 100 LKWs. Im übrigen Stadtgebiet dürfen sie jedoch alle herumfahren wie bisher. Dadurch entfallen laut Luftreinhalteplan angeblich  23 % der Feinstaub- und 15 % aller Stickoxid-Emissionen im gesamten Bonner Stadtgebiet – ein beachtlicher Effekt.

Umweltzonen sind sicherlich eine feine Sache für alle PolitikerInnen, die sie einführen.

Umweltzonen bestehen nämlich im wesentlichen daraus, dass Verkehrsschilder mit dem Wort “Umweltzone” aufgestellt werden. Vor denen können sich die PolitikerInnen dann frohlockend für die Lokalpresse fotografieren lassen und glauben, ein gutes Werk vollbracht zu haben.

KritikerInnen warnen hingegen vor “Plakettenschwindel”. Für die meisten verbotenen Autos seien gesetzliche Ausnahmegenehmigungen vorgesehen. Unnützerweise würden Hunderttausende AutofahrerInnen gezwungen, für fünf Euro farbige Plaketten zu erwerben.

Kleinlaut heißt es auf Seite 106 des Bonner Luftreinhalteplans, dass alle in ihm vorgestellten Maßnahmen nicht ausreichen, die ab 2010 geltenden Grenzwerte für Stickoxide zu unterschreiten. Auch die Umweltzone reißt’s nicht ‘raus! Vielmehr müsse ein “Maßnahmenbündel unter Einschluss der Umweltzone” zum Ziel führen. Aha.

Niemand redet von den Schiffen

Es ist erstaunlich. Niemand redet von den Schiffen. Sie pusten praktisch genauso viel Dreck in die Bonner Luft wie die Gesamtheit aller Kraftfahrzeuge: Beide jeweils rund 1.000 Tonnen Stickoxid pro Jahr. Die Industrie ist verantwortlich für 500 Tonnen pro Jahr, die allgemeinen Heizungsabgase ebenfalls für 500. Um diese Größenordnungen geht es. Die Zahlen stehen im Luftreinhalteplan Bonn.

Allerdings gibt es dort sonderbare Widersprüche. Im selben Text sind die Schiffe mal für 830, mal für 973 Tonnen NOx pro Jahr verantwortlich. Mal für 19 Tonnen Feinstaub pro Jahr, mal für 51. Ohne jede Erklärung der Differenzen.

An anderer Stelle im Text beträgt der Anteil der Schifffahrt an der NOx-Belastung sogar nur noch 15 Prozent [statt 31 %]. Ein buntes Tortendiagramm (Abb. 3.3/1) macht stattdessen einen per Definition unbestimmten “regionalen Hintergrund” für mehr als ein Drittel der gesamten NOx-Belastung verantwortlich. (Wir Studenten sagten immer: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast ;-)

Jedenfalls gilt keine einzige Bemühung des Luftreinhalteplans um sauberere Luft in Bonn dem Schiffsverkehr. Auch Eisenbahn und Autobahn scheinen tabu zu sein.

Der Luftreinhalteplan Bonn liegt jetzt bis 27. Mai öffentlich aus. Man kann ihn im Bonner Stadthaus, Etage 9 B, einsehen oder als pdf aus dem Internet herunterladen. Anregungen und Stellungnahmen können bis zum 10. Juni eingereicht werden.

  1. KathyHailsham sagt:

    Super – die Umweltzone einmal durchgerechnet und Plakettenschwindel nachgewiesen!
    Für die Reuterstraße muss durchgesetzt werden: eine bessere Ampeltaktung, keine LKWs mehr – und ganz wichtig: Zone 30 auf der gesamten Strecke. Das würde helfen, nicht nur für den Schadstoffausstoß, sondern auch für die Leute, die in der Nähe wohnen und die “Stadtautobahn” täglich überqueren müssen!

  2. Peter Kanzow sagt:

    Wenn es mal bei den 5 Euro Plakettengebühr bliebe. Von den Leuten, denen von jetzt auf gleich die Benutzung ihrer Autos verboten wird, redet kein Mensch. Umweltzonen sind Enteignung ohne Entschädigung. Sie nutzen nichts und kosten viel – aber natürlich nicht die Politiker.

    Noch was: Mit und ohne Umweltzonen wird es schon bald nur noch Autos mit grünen Plaketten geben. Sollen wir die bis in alle Ewigkeit an unseren Windschutzscheiben kleben haben? Oder wird dann, wenn Opel mal wieder kränkelt, schnell eine neue Plakette nachgeschoben (rosa oder babyblau vielleicht?), und das lustige Enteignen neu gespielt?

    Ich kann nur davor warnen, den Autokauf mit solcherart Rechtsunsicherheiten zu verbinden. Für den Bürger heißt es dann nämlich: Umsteigen auf Bus und Bahn lohnt nicht, denn das derart geschonte Auto wird ohnehin bald zum Stinker erklärt. Also doch lieber viel mit dem Auto fahren, solange man noch darf.

    Klimawandel oder Klimaschutz – welches ist die größere Bedrohung?

  3. Heinz Assenmacher sagt:

    Die Einrichtung einer Umweltzone in Bonn ist meiner Meinung nach für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung richtig und längst überfällig. An der Reuterstraße, dem Konrad-Adenauer-Platz, dem Berthavon-Suttner-Platz und dem Wittelsbacher Ring wird ab Anfang 2010 der EU-Grenzwert von 40 µg/m3 für Stickstoffdioxid nicht eingehalten. Hier herrschen Konzentrationen zwischen 45 und 66 µg/m3. Stickstoffdioxid ist ein hochgiftiges Gas. Nach dem Einatmen können Schleimhautreizungen, Schwindel, Kopfschmerzen und Lungenödeme auftreten.
    Schon seit fast einem Jahr wird im sog. Projektbeirat über dieses Problem diskutiert. Die Prognosen des Landesamtes für Naturschutz zeigten von Anfang an, dass ab 2010 an der Reuterstraße und in der Bonner Innenstadt der EU-Grenzwert für Stickstoffdioxid ohne Umweltzone nicht einzuhalten ist. Wertvolle Zeit ist seither verstrichen, die Belastung der Bevölkerung blieb unverändert.
    Meiner Meinung nach sollte die Umweltzone linksrheinisch den kompletten Autobahnring und rechtsrheinisch die Beueler Innenstadt umfassen. Die Kontrolle der Grenzwerteinhaltung muss auf alle vorbelasteten Straßen ausgedehnt werden.
    Um langfristig eine deutliche Reduzierung der Stickstoffdioxid-Belastung zu erreichen, müssen weitere Maßnahmen zur Reduzierung des Kfz-Verkehrs in der Innenstadt eingeleitet werden. Möglich wäre z.B. ein Ringbussystem, der Ausbau des Velo-City-Ringes, die Herausnahme des Kfz-Verkehrs vor dem Hauptbahnhof, die Reduzierung der renovierten Kennedybrücke auf zwei Autospuren sowie ein City-Logistik-Konzept.

  4. Roland sagt:

    In Bonn sind die NO2 Werte etwas zu hoch, nicht die Feinstaubwerte! Der Anstieg der NO2-Werte in den letzten 10 Jahren ist aber genau auf Fahrzeuge mit Abgasnachbehandlung zurückzuführen wie diverse Studien, auch solcher die im Auftrag von Landesregierungen erstellt wurden, beweisen. Vor allem Diesel mit Abgasnachbehandlung stoßen erhöhte Mengen No2 aus. Ein Benzin-Motor ohne Katalysator stößt ca. 1/5 des NO2 aus wie Einer mit Katalysator. Aber mir verbietet man nun mit meinen 2CV (Enten) mit 600ccm Benzinmotor und sehr geringem Verbrauch zu meiner extra für diese gekauften, inmitten der Umweltzone liegenden, Garage und Werkstatt zu fahren. Feinstaub erzeugt ein Benziner eh nicht, und die Ursache am Überschreiten des NO2 Wertes sind sie auch nicht. Ganz abgesehen davon stellt das Nutzungsverbot meiner von mir seit 25 Jahren gefahrenen und geliebten Kastenente eine Enteignung dar sowie einen enormen Eingriff in die Gestaltung meines Lebens. Desweiteren wird auch meinem persönlichen Freundeskreis es unmöglich gemacht (es sind halt viele Enten-Fahrer darunter) mich in meiner Wohnung als auch Werkstatt zu besuchen bzw. dort zu treffen um Werkzeug auszuleihen, gemeinsames zu unternehmen, oder einfach ihr Auto dort unterzustellen um uns ein paar Tage zu besuchen. Dies sind Auswirkungen die in keiner Weise, wie das Gesetz es vorschreibt “verhältnismäßig” zur Wirkung stehen. Dies stellt eine Enteignung und erhebliche Nutzungseinschränkunge sowie erheblichen Wertverlustes meines Eigentumes (Fahrzeuge als auch Immobilie) dar. Ist es vielleicht das was die Behörden wollen, daß ich vermehrt mit meinem Zweitakt-Motorrad in der Umweltzone herumfahre? Das ist nämlich weiterhin erlaubt, aufgrund des geringen Einsparpotentials!
    Inakzeptabel!

  5. Peter Kanzow sagt:

    Für die Ente gibt es zum Glück einen Kat. Ansonsten Zustimmung. Ich bin mal gespannt, wann der nächste Skandal kommt, nämlich dass die vielen mit Feinstaubfilter nachgerüsteten Diesel die NOx-Werte explodieren lassen!

    Viele Grüße von einem Citroen-CX-Fahrer (grüne Plakette) und neuerdings Umweltzonen-Anwohner, der nichts davon hat, weil der Dreck in meiner Wohnung von der Bahn kommt…

  6. Peter Kanzow sagt:

    P.S.@Roland: Sind Sie der Besitzer der metallicblauen Acadiane in der Ermekeilstraße?

  7. Roland sagt:

    Salut Peter,

    ja das ist die Meine, ich habe aber auch noch eine 12 PS Wellblechente derern Restauration vor seinem Ende steht. Für die Ente gibt es zwar eine Kat, das Gutachten gilt jedoch nicht für die Acadiane, da deren Mootr leicht verschieden ist. Da sie auch jünger als 30 Jahre ist, geht sie auch nicht als H-Fahrzeug durch, ganz abgesehen davon daß sie sich nicht im originalzustand befindet (und befinden soll).

    Grüße
    Roland

  8. Peter Kanzow sagt:

    :-)

    Also, wir haben da ein Benziner-Nutzfahrzeug mit einem Verbrauch von 6-7 Litern und eingebautem Tempolimit, das nicht zwei Parkplätze verbraucht wie die heutigen Busse und Geländemonster, die sich die Leute anschaffen, wenn die Gattin schwanger wird (oder um eine Gattin zu ergattern).

    Und das wird jetzt aus Bonn verbannt. Da kann ich nur sagen: durchhalten! sich an die politik zwecks ausnahmengenehmigung wenden, weil das fahrzeug nicht aufrüstbar ist. oder vielleicht einen Entenmotor einbauen und Kat nachrüsten? Zum H-Kennzeichen: Fantasievolle Umgestaltung durch den studentischen Nutzer ist eigentlich ein zeitgenössisches Kriterium von Ente, Acadiane oder auch VW-Bus…

  9. Gegenpool sagt:

    Ich bin sonst mit meinem VW T3 von Friesdorf über Süd- und Nordbrücke Richtung Köln gefahren. Jetzt bezahle ich für den Einbau eines Kaltstartreglers über 300 Euro und bekomme die grüne Plakette. Dieser Kaltstartregler reduziert den Co2 Ausstoß auf den ersten Metern (in Friesdorf!) um 50%. Weitere Funktionen hat das Teil nicht. Naja, und da ich jetzt soviel Geld bezahle, soll es sich auch lohnen. Ich verzichte jetzt auf Fahrten mit Bus und Bahn und fahre mit dem Auto in die Innenstadt und Richtung Köln gehts es jetzt über die Reuterstrasse, dass auch jeder die grüne Plakette sieht.

  10. Peter Kanzow sagt:

    Seit ich in der Innenstadt wohne, fahre ich nur noch knapp 6000km/Jahr. Würde ich wegen der Umweltzone wieder an den Stadtrand ziehen, würde sich meine Fahrleistung verdoppeln. Soviel zum Thema Umweltschutz.

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