Zum drohenden Abriss der Bonner Beethovenhalle

Nobilissima Visione?

21. Mai 2009.

Es gibt Nachrichten, die glaubt man nicht: Da verfügt die Stadt Bonn über eine funktionierende Konzerthalle, die auch vieles andere kann, als Orchesterkonzerten einen würdigen Rahmen zu bieten, und will sie dennoch abbrechen lassen. Eröffnet wurde die Beethovenhalle 1959 mit einem Konzert, in dem Paul Hindemith seine Orchestersuite »Nobilissima Visione« dirigierte. Unter ihresgleichen galt die Beethovenhalle, die dritte in der Geschichte Bonns, selbst als eine »Nobilissima Visione«. Nach der Stuttgarter Liederhalle und vor der Berliner Philharmonie war sie ein sehenswertes Glied in der Kette nachkriegsdeutscher Saal- und Theaterbauten, inspirierend in ihrer organischen Form, elastisch im funktionalen Konzept, zeittypisch in ihrem Materialmix. Sie dient Kongressen, beherbergt Feste, nahm Staatsakte wie die Bundesversammlungen anlässlich der Wahl des Bundespräsidenten auf.
Der Erfolg der Halle war umso erstaunlicher, als der Entwurf von einem 29 Jahre jungen Architekten, Siegfried Wolske (1925–2005), stammte. Dessen Hauptwerk sie auch blieb. In der internationalen Architekturwelt ist Wolskes früher Geniestreich beifällig wahrgenommen worden. Man konnte über ihn in L’architecture d’aujourd’hui, Architectural Record und Zodiac lesen. Wolske hatte bei Hans Scharoun in Berlin studiert und sich in dessen Gedankenreich eingearbeitet. Seine Bonner Baugruppe ist von innen nach außen gedacht. Jede größere Raumeinheit bleibt am Außenbau ablesbar. Dem weiten Blick von Osten, über den Rhein hinweg, bietet er über einem abgewinkelten Restaurantbau eine sphärisch verzogene Kuppel. Zur nahen Innenstadt hin entsendet der Komplex einen Eingangsbau wie einen vorsichtigen Fühler. Zum Hauptziel, dem 2000-Personen-Saal unter einer Muqarnas-Decke, wird man daher auf einem gebauten, eingedeckten Weg komplimentiert – ähnlich wie Scharoun es zwölf Jahre später bei seinem Wolfsburger Theater tat. In Bonn gibt es nicht viele Bauten, die in anspruchsvoller Qualität für die damals junge deutsche Demokratie zeugen. Wolskes Beethovenhalle gehört dazu.
Und dieses Bauwerk, seit 1990 denkmalgeschützt, steht auf der Abbruchliste? Zugegeben, die Halle ist in die Jahre gekommen, obwohl 1997 erst saniert. Ein bisschen viel ist in den Interieurs geändert und verschlimmbessert worden, ein bisschen viele Nebenräume haben sich in den Jahrzehnten um den Kernbau gelagert. Die Akustik scheint verbesserungswürdig. Ist das alles ein Grund zum Totalabriss? – Der wirkliche Grund ist das unstillbare Verlangen der Kommunen nach gebauten Signets, nach »icon buildings«, die ihnen den Konkurrenzkampf unter ihresgleichen erleichtern. Einer der fünfzig internationalen Stararchitekten, Zaha Hadid oder Richard Meier oder Arata Isozaki, soll es richten – als ob sich die prominenten Gäste inzwischen nicht auch in mittleren, kleinen oder ganz kleinen Städten von Weil bis Wolfsburg, von Lüneburg bis Bad Oeynhausen, von Schwendi bis Rolandseck drängelten. Zum Alleinstellungsmerkmal taugen ihre Kreationen kaum noch. Dabei hat auch Wolskes sphärisch verzogene Kuppel in ihrer subtilen Asymmetrie die Qualität einer Ikone, wenn auch in dezenterer Art.
Was in Bonn passiert, nötigt zum Nachdenken über die Rolle des privaten Kapitals in Zeiten knapper öffentlicher Kassen. Dass private Geldgeber sich für öffentliche Aufgaben engagieren, ist lobenswert; dass sie sehen möchten, was aus ihrem Geld wird, verständlich. Irgendwo gibt es eine Grenze, wo Dialoge mit den demokratisch gewählten Instanzen einsetzen und die besseren Argumente Gehör finden müssen. In Bonn sind es aber nicht Privatleute, die ihr selbstverdientes Geld für eine in ihren Augen gute Sache einsetzen. Die auf eine unglaubwürdig niedrige Summe von 75 Millionen Euro limitierten Baukosten wollen drei ortsansässige Unternehmen übernehmen, die sich die Interessen einer »Initiative für Bonn« zu eigen gemacht haben: Deutsche Post, Deutsche Telekom und Postbank. Konzerne, die aus der Privatisierung einer Behörde entstanden sind. An ihnen hält der Bund Anteile direkt oder indirekt über die KfW Bankengruppe, eine Anstalt des öffentlichen Rechts.
Doch gerieren sich die Nachfolger der Deutschen Bundespost wie private Mäzene, die sich über die europäische Ausschreibungspflicht bei öffentlichen Aufträgen hinwegsetzen dürfen. Nach eigenen Kriterien laden sie Architekten zu einer Konkurrenz ein, die den Regeln eines ordentlichen Wettbewerbsverfahrens nicht entspricht. Elf Teams wurden nominiert, zehn reichten ein, vier wurden zur Weiterbearbeitung aufgefordert. Ausgezeichnet wurden samt und sonders Entwürfe, die den gesamten oder überwiegenden Abriss des Wolske-Baus erfordern würden. Wer wohl wird für die vorhersehbare Baukostenüberschreitung aufkommen und wer für höhere Betriebskosten, wenn nicht die Öffentliche Hand? Ob den neunflächigen Kristall Isozakis, das Korallenriff Hadids, die frugale Spätmoderne Meiers oder den Schutenhut von Hermann & Valentiny, der beschenkte Steuerzahler dürfte das vermeintlich großzügige Geschenk zum beträchtlichen Teil, wenn auch auf Umwegen selbst bezahlen.
Doch Mut gefasst, Bonner Steuerbürger. Die »Nobilissima Visione« müsst Ihr Euch nicht aus Tokio, New York, London oder Luxemburg verschreiben lassen. Ihr habt sie schon. Da steht sie vor Euch, am Fritz-Schroeder-Ufer zwischen Stadtwerken, Gesundheitsamt und Bahai-Zentrum. Ihr braucht den Wolske-Bau nur zu pflegen und aufzupolieren, wie man es mit jedem Bauwerk nach einem halben Jahrhundert tun muss.
Der Autor ist Architekturhistoriker und lebt in Köln. Er war 1995-2008 Professor an der Ruhr-Universität Bochum und hat zahlreiche Publikationen zur neueren Architekturgeschichte verfasst.
Veröffentlicht in: Deutsche Bauzeitung, Leinfelden. Mai 2009, S.3

  1.       |>> Beethovenhalle sagt am 1. Oktober 2009:

    [...] Februar 2009Gudrun Escher: „Bauen für die Demokratie, Architektenkammer NRW, 10. März 2009“Wolfgang Pehnt: „Nobilissima Visione?“, http://www.rheinraum-online.de/ Deutsche Bauzeitung, Mai 2009 Einzelnachweise↑ Jörg Rüter: „Die Bonner Beethovenhalle“, S. 451↑ Jörg Rüter: „Die [...]

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