Beethoven-Festspielhaus

Ganz nach Fürsten Art

28. Juni 2009.

Fürsten lieben es, sich (Bau-)denkmäler setzen zu lassen. Kurfürst Clemens August  hinterließ der Stadt Bonn u. a. zwei Schlösser, die heute als Universitätsgebäude dienen. Heute wollen sich auch die Herrscher des inzwischen vollständig privatisierten Bundespostministeriums ein Denkmal setzen. Setzen lassen, um genau zu sein.

Ganz nach Fürsten Art wollen Post, Postbank und Telekom selbstherrlich und ungestört über das wie und was beim Thema Beethoven-Festspielhaus entscheiden. Die finanziellen Folgen sollen die SteuerzahlerInnen tragen – möglichst ohne jedes Mitspracherecht. Wie vor 300 Jahren.

Andreas Denk erklärt, wie die Bonner Lokalpolitik von den Post-Feudalisten über den Tisch gezogen wird:

Die frohe Botschaft zuerst: Bonn bekommt ein neues Konzerthaus für seinen Beethoven, so ein richtig schickes Teil, mit Weltklasse-Raumakustik, 1-A-Tiefgarage und eingebauter Super-Leuchtturm-Funktion. Hamburgs Elbphilharmonie wird Fliegendreck dagegen sein, Bilbao eine unbekannte Kleinstadt am Rande des Kosmos. Und New York darf sich bald nur noch Little Apple nennen.

Nicht so gut: Die Stadt kann das Ding gar nicht finanzieren. Der kaum vorhandene Spielraum des Kämmerers ist mitleiderregend. Aber Beethoven muss sein. Jedes Jahr im Herbst feiert seine Geburtsstadt Bonn zum Beispiel das Beethovenfest. Brendel, Grimaud, Maazel, Masur. Internationale Spitzenorchester, bedeutende Ensembles, prominente Solisten. Das macht Lust auf mehr: Zum Beispiel auf ein Konzerthaus der Superlative, wo sich die internationalen Spitzenmusiker die Klinke in die Hand geben, am Besten: jeder Bonner Tag ist Beethoventag.

Schon 1959, vor genau 50 Jahren, hat Bonn ein Konzerthaus gebaut: Die architektonisch nahezu singuläre Beethovenhalle von Siegfried Wolske steht noch immer ganz gut am Rhein, und sie war bisher der Mittelpunkt des Beethovenfestes und Teil der Stadtsilhouette. Vor einigen Jahren hat die Stadt zehn Millionen Euro in eine Nachbesserung investiert, die Wolske (2005 verstorben) noch selbst geplant hat. Der Standort ist nicht schlecht, und deshalb beschloss der Stadtrat im Juni 2007: „Das neue ‚Festspielhaus Beethoven’ soll in unmittelbarer Nähe zur bestehenden Beethovenhalle errichtet werden.“

Aber wie – ohne Geld? Gut, dass es in Bonn die Großen Drei gibt. Die Post, die Telekom und die Postbank haben sich nämlich zusammengetan, um Beethoven das neue Haus zu bauen. 75 Millionen Euro wollen die Drei zusammen ausgeben, von denen immerhin 39 Millionen vom Bund kommen. Deshalb haben sich die Aktiengesellschaften die Bauherrenrolle ausbedungen. Die Stadt stellt dafür das Grundstück und die alte Beethovenhalle kostenlos zur Verfügung. Eine Stiftung soll später den Intendanten wählen.

Im April 2008 träumte die Oberbürgermeisterin noch von einer „integrativen Lösung“, bei der die prägnante Außenansicht der Beethovenhalle weitgehend erhalten bleiben solle, während das Innere völlig umgebaut wird. Die Ausschreibung, die die federführende Post AG schließlich im Oktober veröffentlichte, sah anderes vor: Zwar thematisiert sie seitenlang den Denkmalwert der Beethovenhalle, möglich indes sei ein vollständiger Neubau „mit einem Komplettabriss der bestehenden Beethovenhalle als auch ein partieller Abriss in Kombination mit Neu- und Umbauten.“

Die Post hat schon einmal gute Erfahrungen in Bonn gemacht, damals, als es darum ging, ein Stück der geschützten Rheinaue für ein Verwaltungshochhaus abzuknapsen. Damals reichte ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Köln, und schon waren die zuerst naturliebenden Bonner Stadtväter bekehrt. Immerhin hatte ein aufmüpfiges Preisgericht andere Vorstellungen als der Bauherr und musste deshalb mühselig umrundet werden.

Inzwischen ist man bei der Post noch schlauer: Die Entscheidung über das Festspielhaus ist zu einem rein privatwirtschaftlichen Verfahren geworden, weil bei der Übertragung des Beethovenhallengrundstücks auf die Objektgesellschaft der Sponsoren in einer Erbbaurechtsvereinbarung auf eine vertraglich fixierte Bauverpflichtung verzichtet wurde. Ohne diesen Verzicht wäre eine europaweite Ausschreibung erforderlich, die so umgangen wurde. Und: Es gibt zwar eine Art Wettbewerb, aber kein Preisgericht mehr. Die GRW 95 gilt laut der Ausschreibungsunterlage ausdrücklich nicht. Stattdessen gibt es ein „Expertengremium Architektur“ und ein „Expertengremium Akustik“, die beraten dürfen. Ihr Ratschlag geht an das eigentliche Auswahlgremium, das aus drei Herren von der Deutschen Postbank AG, von der Deutschen Telekom AG und von der Post AG besteht. Wer zahlt, bestimmt.

GRW steht für “Grundsätze und Richtlinien für Wettbewerbe auf den Gebieten der Raumplanung, des Städtebaus und des Bauwesens“. Sie regelt in Deutschland die Auslobung und Durchführung von Architektenwettbewerben um Entwürfe und Ideen für die Gestaltung von Gebäuden, im Städtebau und bei der Landschaftsplanung zu erhalten.
Grundlagen sind die Chancengleichheit und Anonymität der Teilnehmer, die Unabhängigkeit des Preisgerichtes und die Einheitlichkeit und Verbindlichkeit der Regeln. (wikipedia). Für Fürsten ist das natürlich nichts …

Das ist insofern nicht schlecht, weil sich diese drei nun mit der teilweise unterdurchschnittlichen Qualität der Star-Entwürfe herumschlagen müssen. Für 10000 Euro Bearbeitungshonorar war wohl nicht mehr drin. Elf Architekturbüros hat die Post eingeladen, darunter Zaha Hadid, Antonio Citterio, Arata Isozaki, David Chipperfield, Murphy/Jahn und Thomas van den Valentyn. Vier der spektakulärsten – und kaum die besten – Entwürfe, nämlich Hadid, Hermann und Valentiny, Isozaki und Richard Meier, der sich unlängst noch ein paar Kilometer südlich verbaute (s. der architekt 5/07) sind jetzt in die engere Wahl gekommen: In Bonn ist showtime. Keiner der sachlicheren Entwürfe – wie der überzeugende Vorschlag von Schuster und Schuster aus Düsseldorf – hat die Vorauswahl überlebt. Und: keiner der engeren Wahl lässt in der jetzigen Planungsphase etwas von der denkmalgeschützten alten Beethovenhalle übrig.

Wie viel die Stadt an Planungshoheit aus der Hand gegeben hat, wird nicht nur an der Frage des Erhalts eines der bedeutendsten Baudenkmäler Bonns deutlich. Signifikant ist auch, dass jeder der beteiligten Architekten auf die neue Situation, wie in der Postausschreibung gefordert, mit einem neuen Freiraumkonzept reagiert. Und das, nachdem die Stadt erst vor wenigen Monaten einen Wettbewerb für ein Freiraumkonzept rund um die Beethovenhalle zu Ende gebracht hat. „Unser Credo in Bonn ist, dass wir eher auf die Vorschläge von Investoren reagieren als selbst zu planen“, gab ein Mitarbeiter des Stadtplanungsamts im vergangenen Jahr bei einem BDA-Gespräch zum Thema „Wer plant die Stadt?“ zum Besten. Besser lässt sich die hiesige Hilflosigkeit, die nicht untypisch ist für die Verzagtheit in vielen Städten, nicht beschreiben.

Im Einführungserlass der GRW 95 aus dem Jahre 2004 steht: „Die Durchführung öffentlicher Planungsaufträge durch Architekten, die geistig-schöpferische Leistungen erbringen, ist gerade im Hinblick auf den öffentlichen Raum, den Umweltschutz, den Verbraucherschutz, die Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit, die nachhaltige Entwicklung der Städte und schließlich auch für die kulturelle Identität von herausragender Bedeutung. Dazu bedarf es Auswahlkriterien.“

Solche Auswahlkriterien von Bauten mit öffentlicher Bedeutung formulierte bisher die Kommune. Das war gut so: Denn ihr Handeln zielte idealerweise unabhängig von partikulären Interessen auf Objektivität, auf Sachkriterien, auf die beste Lösung unter vielen, auf das öffentliche Wohl. In Bonn hingegen entscheiden derzeit die größten Arbeitgeber, wie „ihre“ Stadt aussehen soll: Eine „Riesenchance“, wie viele rheinische Patrioten leichtfertig glauben.

Foto: Pressefoto Deutsche Post AG

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  2. [...] Auch hier hält noch immer SMI Hyundai die Stellung, denn wenn man auf das WCCB Logo klickt, hat man schon wieder “plop” den “Erstinvestor” an der Backe. Der wartet dort wohl schon auf  Bärbel Dieckmanns Denkmal: Zaha Hadid´s Beethoven Festspielhaus, für das sich dummerweise noch nicht alle BonnerInnen begeistern können. [...]

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