14. September 2009.

Professoren und Dozenten, die engagiert ihr Bestes geben, mit Extras wie Kinderuni und FFF-Projekt (als Teil des Begabtenförderungsnetzwerks Köln-Bonn) –  alles dies sind große Pluspunkte der Bonner Universität. Auch mit Alumni-Netzwerk und Campusfest lässt sich mit Recht Werbung betreiben. Schade nur, dass dies im Fachbereich Informatik nur wenig Wirkung zeigt: seit Jahren nimmt die Zahl der Studienanfänger dort dramatisch ab. Ursache mag unter anderem auch das marode Gebäude des AVZ III in der Römerstrasse sein. So wird in einem Internetstudienführer für Informatik über die Universität Bonn gesagt, dass man hier 750 Euro pro Semester zu zahlen hat, aber leider zum Teil in PCB-belasteten Gebäuden studieren muss. Manch einer befürchtet vielleicht, dass der wahre Preis für ein Informatikstudium in Bonn weitaus höher liegen könnte als Studiengebühren, Gehirnschmalz und Bafögschulden. Was ist, wenn man nach der – zugegeben stilvollen – Abschiedsparty im Hofgarten noch etwas ganz anderes mit nach Hause nimmt als seinen Bachelor-Abschluss?

Im Neubau des AVZ III, einem Hochhaus aus den 70er Jahren, sind in fast allen Räumen hohe PCB-Werte gemessen worden. Ursache ist das Material der Dichtungsfugen, das seinerzeit verwendet wurde. Der Blog-Beitrag eines Diplomanden aus dem Jahr 2005, Sebastian Kirsch,  gibt die Situation der Informatik an der Römerstrasse recht gut wieder. Insbesondere heisst es dort:

„PCB (polychlorierte Biphenyle) ist in hohen Dosen stark giftig und verursacht dann Chlorakne oder Haarausfall. In geringeren Dosen steht es im Verdacht, krebserregend zu sein, den Hormonhaushalt durcheinander zu bringen und damit unter anderem zu Unfruchtbarkeit zu führen, und die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern zu verlangsamen. PCB reichert sich im Fettgewebe an, wird praktisch nicht abgebaut und kann deshalb auch nach vielen Jahren noch im Körper nachgewiesen werden.“

Diese Situation ist laut Pressemeldungen schon seit 2004 bekannt, geändert wurde wenig. Aus einer Presseerklärung der Uni Bonn von 2005, immerhin schon ein Jahr später:

„In einer Bibliothek des Gebäudes wurde ein PCB-Wert von 3.025 ng/m3 gemessen – es besteht also Handlungsbedarf. Der BLB wird umgehend mit der Sanierung des Raums beginnen; zunächst sollen Apparate zur Luftreinigung eingesetzt und später die PCB-haltigen Dichtungsmassen ausgetauscht werden.“

Die einzige dieser angekündigten Maßnahmen, die bis heute wirklich umgesetzt wurde, ist der Einsatz von Luftwäschern. Der Interventionswert, also der Messwert, bei dem eine sofortige Sanierung stattfinden muss, ist bei PCB-Belastung der Wert 3000 ng/m3 Raumluft. Die Sanierung ist also in 4 Jahren  nicht realisiert worden!  Die PCB-haltigen Dichtungsfugen wurden nicht ausgetauscht, sondern mehr schlecht als recht abgeklebt. Wie kann das angehen? Der Einsatz der Luftwäscher hat die Konzentration von PCB in der Bibliothek tatsächlich knapp unterhalb des Interventionswerts gebracht.  Damit ist die Hochschulverwaltung zunächst zufrieden. Aber  der von der PCB-Richtlinie NRW festgelegte Vorsorgewert von 300 ng PCB /m3 Raumluft ist auch heute noch in fast allen Räumen überschritten. Auch in der Lokalzeit Bonn des WDR  (http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/lokalzeit_bonn.xml) vom 8.9.2009 wurde darüber berichtet.

Im aktuellen Messprotokoll der Universität Bonn liegt in nur 7 von 40 gemessenen Räumen der PCB-Wert unter dem Vorsorgewert. Bei einer Belastung von 300 bis 900 ng PCB /m3 Luft ist nach ein Aufenthalt für Schwangere und Stillende maximal für zwei Stunden täglich tolerierbar, bei PCB-Werten oberhalb von 900 ng/m3 Raumluft ist für diesen Personenkreis ein Aufenthalt in den belasteten Räumen gänzlich zu vermeiden. Dementsprechend ist bis heute in den meisten  Räumen und Hörsälen der Aufenthalt für Schwangere, Stillende, Säuglinge und Kleinkinder laut Aushang verboten. Nicht nur die Universitätsverwaltung, auch die Studierendenschaft scheint dies nicht diskriminierend zu finden. Tatsächlich bedeutet ein solches Verbot jedoch eine drastische Erschwerung des Studiums für Informatikstudentinnen, die gerade Mutter werden oder schon sind. Ein Studium ist für junge Eltern eine deutlich höhere Belastung als für andere Studierende. Finanzielle Engpässe und ein permanent schlechtes Gewissen darüber, dass man nicht alle Rollen optimal ausfüllen kann, sind unausweichbar. Eine Schwangere, die den oben geschilderten Aushang liest, wird mit hoher Wahrscheinlich eine Studienunterbrechung oder gar einen Studienabbruch in Kauf nehmen. Was dies in Zeiten des kostenpflichtigen und zeitlich streng durchorganisierten Bachelor-Studiums bedeutet, müsste allen klar sein. Der Richtlinie der Frauenförderung in den Naturwissenschaften entspricht diese Situation in keinem Fall.

Es stellt sich für die Autorinnen auch die Frage, ob der Informatikstandort Bonn nicht insgesamt eine Abwertung im Ansehen und dadurch eine nachhaltige Schädigung erfährt. Hochkarätige Wissenschaftler wird man kaum mit der Unterbringung in  PCB-belasteten Räumen locken können. Wissenschaftliche Mitarbeiter wandern ständig ab an attraktivere Hochschulen. Die noch verweilenden Professoren sind mittlerweile am Ende ihrer Geduld und fordern von der Hochschulverwaltung sofortige Maßnahmen wie das Aufstellen von Containern und unverzügliche Sanierung der Etagen, wie im Protokoll des Vorstand des Instituts für Informatik der Universität Bonn nachzulesen ist.

Luftwäscher sind als Dauerlösung nicht akzeptabel. Im Mai 2009 ist durch ein defektes Luftreinigungsgerät ein Brand im Uni-Hochhaus in der Römerstrasse ausgelöst worden.  Feuer und Rauch verursachten einen Sachschaden von rund 50.000 Euro. Die betroffenen Hochschulangehörigen leiden bis heute unter den Folgen – die Arbeitsbedingungen in rußverschmutzen Räumen sind schlichtweg katastrophal. Als Sofortmaßnahme wurden im Mai für einige Zeit alle Luftwäscher abgestellt – mit welchen Folgen?

Mittlerweile ist das PCB-Problem im AVZ III auch Gegenstand der Kommunalpolitik. Auf eine Anfrage der GRÜNEN im kommunalen Unterausschuss Wissenschaft und Forschung an die Stadt Bonn erklärte sich die Stadtverwaltung für nicht  zuständig und sieht sich ohne Einflussmöglichkeit. Stattdessen wurde die Vizekanzlerin der Uni Bonn, selbst Mitglied des Ausschusses, gebeten Stellung zu nehmen. Der Vortrag der Vizekanzlerin führte dann die Haltung der Uni-Verwaltung nur allzu deutlich vor Augen. Die Gefahren der PCB-Belastung wurde verharmlost, die Dringlichkeit der Lage abgewiegelt. Auf interessierte Nachfragen der Kommunalpolitiker wurde mit Aggression reagiert.

Es wurde behauptet, man habe seit 2004 alles Menschenmögliche und Notwendige unternommen und man nehme die Sache sehr ernst. Mit dem Vermieter BLB gäbe es leider Schwierigkeiten, dagegen könne man nichts unternehmen.

Nun kann man unter „ernst nehmen“ und „alles Menschenmögliche tun“ durchaus Vieles verstehen. Ein 4jähriger Stillstand gehört in unseren Augen nicht dazu.

Tatsächlich sind die Gebäude der Hochschule im Besitz des Landes NRW und werden vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW betrieben. Der Vermieter BLB  wurde von Seiten des Mieters Uni Bonn aber nie wirklich in die Pflicht genommen. Die Standortentwicklungsplanung der Universität Bonn sieht in einem größerem Zusammenhang für die Informatik einen Neubau auf dem neu entstehenden Campus Poppelsdorf vor. Dieser Bau sollte ursprünglich 2011 abgeschlossen sein. Leider verzögerte sich die Umsetzung des Plans zunehmend, mittlerweile wird von 2014 gesprochen. WissenschaftlerInnen und Studierende werden weiterhin auf diesen Zeitpunkt vertröstet.

Unglaublich ist die Ignoranz der Stadtverwaltung. Es scheint in ihren Augen keine Sorgfaltspflicht der Stadt für die Wissenschaftler und Studierende als Bürger zu geben. Mittlerweile sieht aber die Bezirksregierung Handlungsbedarf und befristet die Nutzung des Gebäudes zeitlich bis zum Ende 2010. Die Information darüber stammt aus einem Vermerk über das Gespräch der Universitätsverwaltung mit der Bezirksregierung am 09.07.2009, welcher den Autorinnen vorliegt.

Darin steht u.a.:

„Vorgabe der Bezirksregierung ist die Einhaltung des Grenzwertes von 360 ng/m3 unabhängig von der Nutzungsdauer.

Dies gilt nur bis Ende 2010, dann sind 300 ng/m³ einzuhalten und die Sanierungen, welche bereits vom BLB geplant werden, sind durchzuführen.“

Dies bedeutet, dass die Einhaltung des Grenzwertes von 360 ng/m3 ab sofort gilt! Und:

„Die Bezirksregierung wird der Universität Bonn eine schriftliche Aufforderung zur Beendigung der Nutzung des Gebäudes Ende 2010 zukommen lassen, da seitens der Bezirksregierung große Bedenken hinsichtlich der weiteren Nutzung des Gebäudes bzw. der tatsächlichen Einhaltung der geforderten Grenzwerte bestehen.“

Diese schriftliche Aufforderung ist mittlerweile eingegangen. Die Vizekanzlerin war bei diesem Gespräch zugegen. In ihrer Stellungnahme im Unterausschuss Wissenschaft und Forschung war jedoch keine Rede davon, dass die Universität ein Ultimatum erhalten hat. Es wurde als eigene Leistung und Entgegenkommen dargestellt, dass bis Ende des kommenden Jahren, also in 15 Monaten, etwas passieren wird. Statt wie zunächst geplant, das Gebäude an der Römerstrasse im Jahr 2014 zu verlassen, plant man nun – gezwungenermaßen – schon zum Jahresende 2010 auszuziehen. Dann dürfen die Informatikstudentinnen auch wieder schwanger werden.

Foto: Joker

Schlagworte: , , , ,

Artikel zum gleichen Thema

Zum Artikelarchiv ...

Vorheriger Artikel:

Nächster Artikel:

Artikel RSS
Kommentare RSS
rhein:raum Twitter