Gastkommentar zum Denkmal Beethovenhalle
Bonner Beethovenhalle darf nicht im Haus der Geschichte beerdigt werden
16. September 2009.
„Geehrte, festliche Versammlung!” (Zitat Theodor Heuss zur Eröffnung der Beethovenhalle am 8.September 1959)
Zum 50jährigen Jubiläum der Einweihung fast auf den Tag genau am 8.September 1959 hätte es der Stadt Bonn besser angestanden einen Festakt in der Beethovenhalle zu veranstalten. Stattdessen sind wir hier zu einer Art Abgesang oder Requiem versammelt, um im musikalischen Bild zu bleiben. Eine große Anfrage im Kulturausschuss vom April 2009 zum Thema Jubiläumsfeier beschied die Verwaltung folgendermaßen (verkürzt): Durch den Wegzug von Parlament und Regierung und der Errichtung des WCCB hat die Beethovenhalle ihre Bedeutung als national und international konkurrenzfähigem Standort und auch als repräsentativem gesellschaftlichen Treffpunkt verloren… Die Ansprüche an ein international anerkanntes hochkarätiges Konzerthaus könne die Beethovenhalle nach Untersuchungen der Post AG nicht mehr einlösen. Vor diesem Hintergrund sieht die Verwaltung davon ab, das 50jährige Jubiläum mit Veranstaltungen zu begehen. Hinweis: Noch steht die Beethovenhalle und das WCCB ist – noch – nicht fertig. Man prüfe aber, so die Verwaltung, wie man die Bedeutung der Beethovenhalle wirkungsvoll für die Stadtgeschichte dokumentarisch festhalten könne. Dazu wird wahrscheinlich eine Dokumentation/Publikation erscheinen und Ausstattungsreste ins Haus der Geschichte wandern. Das nenne ich echte Musealisierung, ein Vorwurf, der gern der Denkmalpflege gemacht wird.
Als vor 10 Jahren die Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik ihre Jahrestagung in der Beethovenhalle abhielten mit dem bezeichnenden Thema: „Politik und Denkmalpflege in Deutschland” sagte Landeskonservator Udo Mainzer in seiner Einführung zum Veranstaltungsort: „Die Beethovenhalle ist selbstverständlich ein eingetragenes Baudenkmal. ..Ein so junges Baudenkmal darf als programmatisch gelten für die Denkmalpflege im Rheinland.” Damit spielte er darauf an, dass die Denkmalpflege im Rheinland sich schon früh der Baudenkmäler der jüngeren Vergangenheit angenommen hat. „Selbstverständlich” heißt: die unzweifelhafte Bedeutung der Beethovenhalle als Baudenkmal. Nun steht die Beethovenhalle, seit 1990 unter Denkmalschutz. Gelöscht werden darf ein Denkmal aus der Denkmalliste nach DSchG nur, wenn die Eintragungsvoraussetzungen nicht mehr vorliegen. Diese sind nach unserer Auffassung aber eindeutig nach wie vor gegeben. Dies sagen wir nicht aus Böswilligkeit, Willkür oder notorischer Fortschrittsfeindlichkeit. Das LVR-Amt für Denkmalpflege ist keine Verhinderungsbehörde, wir sind aber gesetzlich zum Schutz der Denkmäler, natürlich auch der eingetragenen, verpflichtet.
Denkmäler sind in erster Linie Geschichtszeugnisse. Eine Abwägung Alt gegen Neu ist daher unzulässig und unlauter. Es geht nicht darum, was ist schöner, was ist besser, dies wäre ein geschmäcklerisches Urteil. Auch kann die immer wieder bemängelte Akustik nicht den Denkmalwert an sich aushebeln. Diese könnte ggf. auch nachgerüstet werden, um eine im Gesetz vorgeschriebene sinnvolle Nutzung zu gewährleisten. Auch könnte der Neubau woanders errichtet werden. Schließlich fiele mit dem Abriss der Beethovenhalle auch ein wichtiger Veranstaltungsort für die „normalen” Ereignisse fort. Denn die Beethovenhalle war als Mehrzweckhalle geplant und auch immer als solche genutzt worden.
Beim Denkmalschutz steht der Zeugnischarakter im Vordergrund.
Bei der Beethovenhalle liegen zwei ganz wesentliche Geschichtsmerkmale vor:
1. die Architekturgeschichte und 2. die Geschichte der Stadt Bonn, hier als a)Beethovenstadt und b)Bonn als Bundeshauptstadt. Damit ist die Beethovenhalle auch ein Geschichtszeugnis für die frühe Bundesrepublik, die sog. Bonner Republik!
Bedeutung:
Zu den wesentlichen Elementen zählt zunächst die städtebauliche Komponente (Rhein, Beuel, Kennedybrücke): Der Bau liegt erhöht über der Rheinufer-Promenade auf dem alten Klinikgelände und einer Trümmerschutthalde und ist durch seine freie und exponierte Lage sowohl auf Nah- als auch auf Fernsicht hin konzipiert und hat damit Wahrzeichencharakter erlangt. Der umfangreiche Baukomplex verzichtet auf Axialität und Symmetrie und wird erst durch Umschreiten voll erfahrbar. Als kulminierende Dominante und städtebaulicher Akzent hebt sich das weich geschwungene Kupferdach des großen Saals als organische Form von den Flachbauten ab. Ich vergleiche es immer gerne mit einem tauchenden Walfisch, was zum Wasser passen würde und eine sehr organische Form darstellt.
Stadtgeschichtlicher Aspekt:
die Beethovenhalle liegt an einem historischer Ort, den man nicht ohne Not (Zerstörung) neu bebauen sollte. Hier verlief die Stadtmauer mit dem Neuem Tor; hier befand sich das im Krieg zerstörte Gelände der Universitätsklinik. Die Zahnklinik wurde gegenüber der Beethovenhalle gleichzeitig (1955-60) an der Welschnonnenstraße neu gebaut und ist eingetragenes Denkmal. Mit ihrer gerasterten Fassade bildet sie einen Kontrast zur Beethovenhalle und dokumentiert die Stadtentwicklung nach dem zweiten Weltkrieg.
Politikgeschichtliche Hintergründe ergänzen die Bedeutung der Beethovenhalle als Baudenkmal. In ihrer Funktion wurde sie auch im Hinblick auf die Bundeshauptstadt errichtet (Heuss: Grundsteinlegung und Einweihung in Anwesenheit von Heinrich Lübke und anderer Politprominenz); hier fanden die Bundesversammlungen zur Wahl des Bundespräsidenten, Bundesparteitage, Bundespressebälle, Kongresse und nicht zuletzt Karnevalsveranstaltungen etc. statt. Die Beethovenhalle ist Zeichen für den Neuanfang, Zeichen für Bonn und Bonn als Bundeshauptstadt, in der sich der Hunger nach Kultur nach dem Zweiten Weltkrieg und nach einem Repräsentationsort der Hauptstadt spiegelte.
Als Multifunktionshalle war die Beethovenhalle auch gesellschaftlicher und kultureller Mittelpunkt für Bonn. Das Beethovenorchester dürfen wir ja auch nicht ganz vergessen! Mischung aus Konzertsaal und Stadthalle. Damit ist sie auch bedeutend für den Typus des Hallenbaus in der Nachkriegszeit und nimmt dort eine herausragende Stellung in ihrer eigenwilligen, individuellen Ausprägung ein.
Architekturgeschichtlich reiht sich die Beethovenhalle ein in die großen Hallenbauten der Nachkriegszeit. Sie wird in einem Atemzug mit der Liederhalle in Stuttgart (Abel/Gutbrod) und der Philharmonie in Berlin (Scharoun) genannt, anerkannte Inkunabeln der bundesrepublikanischen Nachkriegsarchitekturgeschichte. Der Architekt Siegfried Wolske (1925 – 2005) war übrigens Scharounschüler und den Vorsitz der Wettbewerbsjury hatte kein geringerer als Otto Bartning.
Die Beethovenhalle wird architekturgeschichtlich unter dem Schlagwort „Organisches Bauen” verortet, das sich bewusst als Gegenpol zur Bauhausarchitektur und zur gläsernen Rechtwinkligkeit z.B. eine Mies van der Rohe oder den gängigen Rasterbauten der 50er Jahre verstand. Wie eine Architektur gewordene Skulptur verleitet der Bau zur allseitigen Betrachtung und entwickelt dadurch eine ihm eigene Dynamik. Die unhierarchische Vielansichtigkeit wird gerne auch für das frühe sog. demokratische Bauen zitiert. Die vielfach gescholtene Schlichtheit der Nachkriegszeit trifft auf die Beethovenhalle aber nicht zu. Es handelt sich um ein opulentes, vielschichtiges Bauwerk, das seinen Platz im Stadtraum, besonders in der Stadtsilhouette vom anderen Ufer aus, gefunden hat, wenn auch in den Formen seiner Zeit. Das Rathaus würde man ja auch nicht abreißen, weil es nicht mehr zeitgemäß ist. Dafür hat man an anderer Stelle das Stadthaus gebaut, über dessen architektonischen Wert sich allerdings streiten ließe.
Auch im Innern verleitet der Bau zur Bewegung und zeigt Dynamik: als eine Art „Präludium” führt der Weg vom schmalen und flach gehaltenen Haupteingang zum großen Foyer über zwei Geschosse. Offene und geschlossene Flächen alternieren, die Raumhöhen sind sehr unterschiedlich, verschiedene Ebenen erschließen sich über Treppen etc.
Die Dynamik unterstreicht auch die Wechselwirkung von Innen und Außen. Zum einen stimmen Innen- und Außendisposition überein: die Funktionseinheiten sind von außen ablesbar und zum anderen sind es die Sichtachsen – von innen nach außen in die Landschaft/Rhein und von außen, insbesondere aus der Ferne auf den Bau.
Nicht zuletzt liegen künstlerische Gründe vor, die für den Erhalt sprechen:
Die Wandgestaltungen Joseph Fassbenders sprechen für sich, das Buntglasfenster im Eingangsbereich mit abstrahiertem Grundriss der Beethovenhalle nach Entwurf von Wolske, die Stahlplastik von Hans Uhlmann (1959) auf der Terrasse vor dem Raucherfoyer, Emile Antoine Bourdelles Beethovenplastik (1902), ein Geschenk des französischen Staat eigens für die Beethovenhalle und andere Kunstwerke, und die Architekturskulptur an sich, d.h. dass der Entwurf und die Architektur an sich auch unter der Rubrik künstlerisch einzuordnen ist.
Schließlich möchte ich hier noch den schwierigen und auch nicht unumstrittenen Begriff des „emotionalen Denkmalwertes” anführen. Die Beethovenhalle hat für Bonn ein hohes Identifikationsmoment, weil sie mit der Geschichte und Kultur der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg aufs engste verknüpft ist, sowohl für die Stadt als auch den Bund. Vergleichbar vielleicht mit dem heutigen sog. Kirchensterben, wobei die Identifikation auf sakralem Gebiet ja auch über die nackte Architektur und ihre Bedeutung hinausgeht. Für die sonst eher immer noch ungeliebte Nachkriegsmoderne ist dies auch ein interessanter Aspekt in Bezug auf die Akzeptanz dieser Bauten.
Erst 1997 wurde die Beethovenhalle noch unter Wolske selbst erweitert und aufwändig saniert. Da fragt man sich auch: wo bleibt die täglich angemahnte Ressourcenschonung und die Nachhaltigkeit? Drängt sich hier vielleicht ein Vergleich mit der „Abwrackprämie” auf?
Der „Investorenstädtebau” ist nicht nur in Bonn im Vormarsch. Parallele Erscheinung in Bonn sind die neuen Telekombauten an der B 9. Hans Schwipperts DRK-Gebäude (1953/54), das CDU-Hochhaus (Max Meid) und Britische Botschaft fielen den Planungen für zum Opfer. Bei der Beethovenhalle sind gleich drei Bonner Dax-Unternehmen im Spiel. Dabei ist die Beethovenhalle architektonisch ungleich qualitätvoller! Oder nehmen Sie die Villa Dahm! Und nicht zuletzt das neue Kongresscenter im ehem. Regierungsviertel.
Der Bau der Beethovenhalle wurde seinerzeit von Bürgern initiiert. Die Zukunft antizipierend könnte man nun sagen: Vom Bürger- zum Daxbau oder zur Post-Bindestrich-Moderne.
Wir können als Bürger und Denkmalschützer den modernen Städtebau nicht den Investoren allein überlassen und auch nicht zusehen, dass über den Denkmalwert von den Gerichten befunden wird, über das Votum des Fachamtes hinweg. D.h. nicht, dass die Gerichte den unbestimmten Rechtsbegriff des „öffentlichen Interesses”, der dem Denkmalwert zugrunde liegt, nicht überprüfen könnten, wohl aber, dass, wenn sie fachliche Entscheidungen treffen, auch darlegen müssen, inwieweit sie selber über dieses Fachwissen verfügen (siehe Metropol).
Angesichts der Entwicklung des WCCB: ein Schelm wer, insbesondere in Zeiten der Finanzkrise, bei dem Projekt Festspielhaus an Böses oder gar an eine „Millionenfalle” dabei denkt.
Zum Schluss möchte ich festhalten: die Beethovenhalle ist wesentlich bedeutend für die Geschichte der Stadt Bonn als Bundeshauptstadt und damit für die Geschichte der Bundesrepublik. Wenn auch Parlament und Regierung heute in Berlin sitzen, ist das kein Grund, die Spuren und Zeugnisse der frühen Demokratie achtlos aus dem Weg zu räumen. Das ehem. Regierungsviertel ist dafür beredtes Zeugnis. Hier geht geradezu Hegels „Furie des Verschwindens” durch das geschichtsträchtige Viertel. Sogar Straßennamen werden geändert und Straßenräume oder sie verschwinden ganz wie die Saemischstraße für das WCCB. Bei dem Festakt zum 60-jährigen Jubiläum der ersten Bundestagsversammlung am 7. September im neuen Plenarsaal sollen sich nicht wenige ehemalige Bonner Politiker angesichts des heutigen „Bundesviertels” die Augen gerieben haben.
Für eine immer wieder kursierende Novellierung des Denkmalschutzgesetzes würde ich deshalb als „Präambel” vorschlagen:
„Die Würde des Denkmals ist unantastbar.”
Dr. Angelika Schyma ist Hauptkonservatorin und Abteilungsleiterin Inventarisation des LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland in Pulheim-Brauweiler.
Foto: Hans Schafgans, Beethovenhalle 1959
