Bonn im Millionenfieber

Ein Geschenk das keines ist

11. Februar 2010.

Wie eine Bombe platzte am vergangenen Montag ein einfacher Brief an den Oberbürgermeister in die politische Landschaft Bonns und löste zunächst besinnungslosen Jubel in der Presse aus: “Millionengeschenk“, “Zu schön, um wahr zu sein”, “Mister X lässt Millionen regnen“.

Doch was steckt wirklich dahinter, wer soll hier beschenkt werden? Was hat der Rechtsanwalt der investorengläubigen Gemeinde Bonn Wundersames mitzuteilen?

Einer seiner ältesten Mandanten wolle, dass nach seinem Ableben eine Stiftung gegründet werde, ausgestattet mit 50 Millionen Euro aus seinem eigenen Vermögen. Der Name des Stifters, schreibt Anwalt Klaus Gladischefski, soll vorerst geheim bleiben. Bis zu seinem Tode wolle der Mandant sein Geld möglichst gewinnbringend und sicher anlegen, am besten in Immobilien, am liebsten mit guten und sicheren Mietern, am allerliebsten mit der Stadt Bonn.

1. Der Ungenannte möchte mit städtischem Geld das ehemalige Polizeipräsidium (an der Bundesstraße 9) kaufen, es mit städtischem Geld zu einem “technischen Rathaus” umbauen und zu einem Zinssatz, der über dem heute üblichen liegt, an die Stadt Bonn vermieten. Seine Vorstellungen über die Berechnung der Miete hat er klar zum Ausdruck bringen lassen:

Zitat: ” Mein Mandant stellt sich bei der Berechnung der Miete folgendes Modell vor:

Basis sind die tatsächlich anfallenden Kosten plus Kosten für den Erwerb der Gebäude/bzw. des Grundstückes.

Diese Kosten sollten mit einem auf dem langjährigen Durchschnittszins beruhenden Zinssatz verzinst werden, hinzuzurechnen wäre die AfA und eine übliche Tilgung, sowie im Falle einer Erbpachtlösung die monatlichen Erbpachtzinsen.”

Polizeipräsidium selbst kaufen, selbst umbauen und anschließend als Mieter einer fremden Stiftung einziehen – das wird nicht billig!

Der Bonner General-Anzeiger hatte zwar umfänglich aus dem Anwaltsschreiben zitiert, die spannenden Passagen auf Seite 4 des Briefes jedoch unerwähnt gelassen.

Auch Oberbügermeister Nimptsch spricht nicht über’s Geld, sondern fühlt sich lieber “wie Weihnachten”. Michael Faber von der Bonner Linken spöttelte bereits, man müsse sich fragen, ob es im Hause des Oberbürgermeisters üblich sei, für Weihnachtsgeschenke Miete zu zahlen?

2. Wenn der Stadtrat den Deal mit dem Ex-Polizeipräsidium erlauben sollte, würde früher oder später das heutige Stadthaus am Berliner Platz überflüssig. Diese an sich hochkarätige Innenstadt-Immobilie mit dem dann störenden leeren Hochhaus soll die Stadt Bonn nach dem Willen des Ungenannten an eine der typischen Projektentwicklerfirmen wie ECE, Multidevelopment oder MFI verkaufen, die landauf, landab Europas Innenstädte mit Einkaufszentren für die großen Filialisten beglücken (Apollo, Douglas, Deichmann, Tchibo und wie sie alle heißen).

Das abzureißende Hochhaus wird den Grundstückspreis sicherlich stark drücken. Gut 50.000 qm Bruttogeschossfläche billigst abzugeben – für Bonn vermutlich ein Verlustgeschäft.

3. Aller guten Dinge sind drei, wird sich der Ungenannte gedacht haben und will seiner nach seinem Tode zu gründenden Stiftung noch zu Lebzeiten eine weitere hochkarätige Innenstadt-Immobilie einverleiben. Im Visier hat er das ehemalige Rathaus am Bottlerplatz, heute u. a. Stadtbibliothek, in welches das Haus der Bildung einziehen soll. Sein Finanzierungsmodell sieht wieder aus wie unter Punkt 1: Die Stadt zahlt für die Stiftung den Kaufpreis, den kompletten Umbau und anschließend eine respektable Miete.

Nebenbei lässt der Ungenannte durchblicken, dass er dafür sorgen möchte, dass nicht der von den Bürgern gewünschte Architektenentwurf realisiert wird, sondern etwas anderes mit einem “geringeren Baupreis”.

Aber karikativ

Der Ungenannte offeriert indes auch ein Bonbönchen: Von den Mieteinnahmen will er bereits zu Lebzeiten steuerlich zulässige 20 % der Mieteinnahmen “sofort für karikative Zwecke in Bonn ausschütten”, heißt es in dem Schreiben, das er seine Anwälte an Bonns Oberbürgermeister Nimptsch richten ließ.

Vielleicht soll man das alles gar nicht zu ernst nehmen. “Karikativ” ist schließlich nur ein anderes Wort für “karikaturenhaft”, nicht aber für “karitativ”, also der Nächstenliebe verpflichtet. Man könnte es für einen kleinen Tippfehler halten, wäre “karikativ” nicht auch dem unterzeichnenden Anwalt an allen drei Stellen in ein und dem selben Brief durchgegangen.

Auf dem Briefpapier der Anwälte ist übrigens ganz oben ein alter Bekannter als Kanzleipartner genannt: Jochen Dieckmann, Justiz- und Finanzminister des Landes NRW a.D. – und Ehemann der Bonner Ex-Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann.

Bonns Stadtverwaltung werde das Angebot des Ungenannten umgehend prüfen, sagte Oberbürgermeister Nimptsch am Montag den Stadtratsfraktionen. Dem Bonner General-Anzeiger verriet er indes noch am selben Abend, er werde alles daran setzen, dass die Offerte auch umgesetzt werde.

Fragen über Fragen

Völlig unklar ist zur Zeit, von was für einer Stiftng überhaupt die Rede ist. Mit der Gründung ist der Rechtsanwalt nach Ableben des Stifters betraut. Die Erlöse dieser Stiftung sollen für karikative oder auch karitative Zwecke in Bonn verwendet werden. Mehr wurde bisher nicht bekannt.

Im General-Anzeiger von heute ließ der Ungenannte verlauten, dass er gerne Erfinder unterstütze, Kinderheime in Russland und Afrika baue und an Ordensschwestern in Kapstadt spende. Nun wolle er “jene Bürger erreichen, die jetzt durchs Rost fallen”. Er habe immer “das umgesetzt, was mir Spaß macht”.

Was soll mit all dem städtischen Geld gemacht werden, das nach diesen Plänen in die Stiftung des großen Ungenannten fließen soll? Wieso soll – anstelle der Bonner Bürger – ein privater Stiftungsrat darüber entscheiden, was mit diesem städtischen Geld geschieht?

Ist das Projekt des Ungenannten für Bonn am Ende nur ein Danaergeschenk  [->wikipedia] wie das Holzpferd für Troja?

Foto: Giovanni Domenico Tiepolo

  1. Festspieler sagt:

    Wie ich schon sagte: Ein Glücksfall für Bonn!

  2. Merkwürdig, dass halbwegs intelligente Menschen oftmals die gleichen Einfälle haben:

    http://bonner-presseblog.de/2010/02/10/bonn-achtung-die-danaer-kommen/#comment-1752

  3. Lateiner sagt:

    Timeo Danaos et dona ferentes

  4. [...] „Millionending Nr. 2“ wurde bereits als Danaergeschenk und Mogelpackung enttarnt, denn wenn man für das Bonner Stadthaus seriös Abrisskosten, Wert der [...]

  5. irritiertes Nordlicht sagt:

    Das Thema ist wieder aktuell. Laut Presseinformation der Stadt gehört die Projektsteuerung zu den neuen
    Aufgaben von Herrn Naujoks.

    Manchmal lohnt sich auch ein Blick in den Express. Dort heißt es heute: Neue Shopping-Center: K.-o.-Schlag für die City? Bonn leistet Widerstand

    aber wie? Davids gegen Goliath!!! Gleich mehrere kleine flinke, gleichermaßen wendige wie zielstrebige Nachbarn sollen sich angeblich zu einem Kampf gegen Goliath(dem großen, schwerfälligen aber auch ungeheuer gründlichen) gerüstet haben und das zeitgleich, vielleicht auch noch untereinander abgestimmt. Ist das nicht ungeheuer?

    Der Kampf wird spannend, zumal sich Goliath in Vergangenheit selbst seiner Waffen entledigt hat.

    Express zitiert Bürgermeister Huhn, Siegburg: “Entscheidend sind die großen Flächen für Elektronik- und Lebensmittelmärkte, die eine Sogwirkung haben.” Davon profitieren dann die kleineren Galerie-Läden und der umliegende Einzelhandel.
    Bürgermeister Huhn hat es erkannt und die Entscheidungsträger der großen Bundesstadt?

    Die sehen es ganz anders. Große Elektronik- und Lebensmittelmärkte positioniert der Goliath seit Jahren eben nicht in der City, sondern mit Vorliege entlang der großen Ausfallstrassen zu den kleinen Davids, der
    Endenicher Strasse, der Bornheimer Strasse und der Sankt Augustiner Strasse usw. Frei nach dem Motto, lieber irgendwo bei uns als beim kleinen David und wir behandeln alle gleich, darauf sind wir stolz! Deshalb dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, wann neben dem Lebensmittel-, Drogerie-, und Gartenmarkt auch noch ein Elektronik- oder Baumarkt an der Sankt Augustiner Strasse (B 56) entsteht. Der Ansatz ist ja schließlich schon vorhanden und ausbaufähig. Wer wird da nein sagen.

    So entstehen in Bonn lauter kleine Autofahrer- Einkaufsparadiese. Die Einzelhändler in der City und den Citymarketing-Verein stört das nicht, Bundesstadt ist Bundesstadt, und die Kunden freuen sich.

    Fahren wir heute zur Bornheimer oder doch zur Endenicher Strasse dürfte in Zukunft eine beliebte Frage werden? Es ist im Prinzip gleich, schließlich sind die Angebote auch fast gleich, wir behandeln ja alle gleich.

    Also dieses Wochenende zur Bornheimer Strasse: zunächst wegen der neuen Sitzgarnitur für die Terrasse zu Mambo, dort kaufen wir dann auch gleich eine Tischdecke, warum nur die Tischdecke, die Gläser und das Tafelgeschirr, durchaus Ware von Qualität und kein Ramsch, die passen doch prima dazu und die Kochbücher, schau an die tollen Grillrezepte! Den neuen Elektrogrill gibt es direkt beim ProMarkt nebenan
    und auf dem Weg dorthin kaufen wir noch schnell die Einladungskarten bei Staples, das ist doch praktisch.
    Vielleicht gibt es beim ProMarkt auch ein Paar nette CD für die Sommerparty, jedenfalls kaufen wir gleich gegenüber bei OBI Fackeln für eine stimmungsvolle Beleuchtung am Abend, die Terrakottatöpfe sind doch auch nicht schlecht und sehen mit dem Lavendel prima aus, mit der Sitzgarnitur und dem Geschirr ein richtig schönes Arrangement! Sollen wir nicht gleich auch einen Kasten Bier mitnehmen, der ist beim Getränkemarkt nebenan heute im Angebot. Der REWE soll auch gut sortiert sein mit seinen Frischwaren- theken, nur der Wein? Fahren wir doch lieber gleich um die Ecke zur Südafrikanischen Weinhandlung an der Vorgebirgsstrasse, dort kann man auch probieren und wenn wir schon hier sind, nebenan finde ich vielleicht auch einen passenden preiswerten Bikini. Den Rest können wir doch auch gleich beim Aldi einkaufen und schauen, ob wir nebenan für die Kinder preiswerte Schuhe und Kleidung finden.

    Warum noch in die City fahren? Das nächste Mal fahren wir zur Endenicher Strasse, dort neben dem Knauber gibt es sehr praktisch vom Fisch über Fleisch, Käse Obst und Gemüse alles direkt nebeneinander, du meinst wirklich, eine besseres Angebot als in der City? Ja und der Parkplatz direkt daneben!
    Ich kauf dann noch im Drogeriemarkt ein und du kannst im Elektromarkt schauen, was es so gibt.

    Währenddessen warten die Einzelhändler und das Citymarketing geduldig auf die Attraktivitätssteigerung
    der City. Soll es vielleicht als erstes ein Stückchen auf dem Bahnhofsvorfeld oder das Viktoria-Areal oder
    die Beethoven-Arkaden oder doch lieber die Stadthaus-Passagen sein? Soviel Wahl ist nicht einfach, die Projekte müssen gründlich geprüft sein, das dauert Jahre.
    Sicherlich macht das Stadthaus-Geschenk in Bonn das Rennen, weil ja die Kassen leer sind und: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

    Wer erklärt den Davids, dass sie die Bonner City gefährden? Die Davids wissen doch, was läuft.

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