Unbeachtetes Haiti-Konzert
Wir brauchen kein Mitleid, sondern Respekt
9. März 2010.
So viel Benefiz für Haiti war noch nie in Bonn. Der einzige, der bei der Ankündigung der Veranstaltung in der Kreuzkirche am 28.2. eher Malefiz spielte, war das Zentralorgan des Bonner Mittelmaßes, der im Volksmund oft so gescholtene „General-Verschweiger“.
Trotz mehrfacher Pressemitteilungen von verschiedenen Seiten war ihm die mit hohem ehrenamtlichen Engagement verbundene Veranstaltung fünf Tage vor der Aufführung gerade mal eine fünfzeilige redaktionelle Notiz wert. Die mit der begünstigten Organisation „Don Bosco“ vereinbarte Anzeige erschien nach telefonischer Erinnerung schließlich in der Wochenendausgabe vom 27./28. selbst auf der Anzeigenseite, eingerahmt von Chiffre-Anzeigen à la „Sie sucht ihn/ er sucht sie“, der Angebotspalette einer Apotheke, dem kostenlosen Angebot einer Probestunde für die „Japanische Kampfkunst AIKIDO“ und einer besonders gelungenen Anzeige der Bonner Verkehrswacht.
Der Gedanke an gezieltes Verschweigen ist nicht ganz abwegig, hätte eine ordentliche Ankündigung den GA doch in einen Loyalitätskonflikt mit einem seiner bevorzugten Kunden bringen können. Für Samstag, den 27. Februar, hatte der findige Godesberger Dechant Wolfgang Picken ein bereits von langer Hand vorbereitetes Benefizkonzert für die katholische Jugendarbeit flugs umgewidmet für die Glaubensbrüder Don Boscos und deren Jugendarbeit in Haiti.
Das Pikante an diesem Konzert waren allerdings die Ausführenden: Ein Kammerorchester der Bundeswehr, das in schicker Uniform Werke von Bach, Haydn, Elgar und Holst spielte. Da Herr Picken zugleich Vorsitzender des Stiftungsrats der „Bürgerstiftung Rheinviertel“ ist – einer Stiftung wohltätiger und -habender VillenviertelbewohnerInnen -, entschied sich die Redaktion unseres Zentralorgans aus allen Rohren für diese Veranstaltung zu werben und ausführlich darüber zu berichten.
Auf der Strecke blieb dagegen die Berichterstattung über das Konzert in der Kreuzkirche, bei dem ein denkwürdiges Stück bürgerschaftlichen Engagements zur Aufführung kam. 120 Sängerinnern und Sänger aus 5 Kantoreien – Godesberg, Poppelsdorf, Oberkassel, Gummersbach und Bergneustadt – gaben ohne jegliche Gegenleistung zusammen mit einem handverlesenen Orchester von 45 Musikern und zwei herausragenden Gesangssolisten unter der Leitung des Godesberger Kantors Christian Frommelt ihr Bestes, um dem wunderbaren Werk von Johannes Brahms, “Ein deutsches Requiem”, Ausdruck zu verleihen.
Sie wurden mit kräftigem Applaus der ca. 600 Zuhörer belohnt. Der Abend spielte immerhin die stolze Summe von ca. 6.000 Euro ein, die dem Neubau von eingestürzten Schulen in Haiti zugute kommen werden.
Ein direkter Bezug zu Haiti war am Beginn des Abends hergestellt worden durch den Auftritt des eigens aus Arnsberg/Sauerland angereisten Haitianers Jean Malbranche, der in Begleitung des Bonner Musikers aus Guinea Bissao, Saico Baldé, zwei haitianische Lieder sang und einige mahnende Worte an das Publikum richtete: „Wir Haitianer brauchen kein Mitleid. Wir haben auch keine Zeit zu trauern, denn der Tod ist immer schon allgegenwärtig bei uns. Was wir brauchen, ist Respekt.“
