Kommentar: Festspielhaus beerdigt

Der Spuk ist vorbei

22. April 2010.

Oberbürgermeister Nimptsch und Stadtdirektor Kregel trugen gestern gemeinsam mit den Vorstandsvorsitzenden von Post, Telekom und Postbank das großspurige Projekt Beethoven-Festspielhaus zu Grabe. Offizielle Sprachregelung: Man hat sich “darauf verständigt, das Projekt Festspielhaus vorerst nicht weiter zu verfolgen.”

Das rührige Engagement, mit dem sich zunächst die inzwischen verstorbene SPD-Lokalpolitikerin Karin Hempel-Soos, später die ehemalige Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann, zeitweilig aber auch Bonns neuer Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch und zuletzt vor allem der ehemalige Post-Propaganda-Chef Manfred Harnischfeger jeweils selbst ein übergroßes Denkmal herbeireden wollten, dürfte damit vorläufig ein Ende gefunden haben.

Allen in der Öffentlichkeit diskutierten Finanzierungsmodellen war zueigen, dass sie einerseits die Baukosten auf abenteuerliche Weise verniedlichten (Mit 75 Mio € sollte alles bezahlt sein). Andererseits wurde stets verlangt, dass die Stadt Bonn den Pomp des Festspielhauses Jahr für Jahr auf Kosten der übrigen Kulturausgaben und sozialer Leistungen zu unterstützen habe. Diese plakative Umverteilung von Steuereinnahmen fand nicht viele Freunde.

Ebenso regte sich Widerstand gegen das ewige Schlechtreden der bestehenden Beethovenhalle, an dem sich auch der General-Anzeiger weidlich beteiligte. Selbst der betagte Kurt Masur, ehemaliger Dirigent des Leipziger Gewandhausorchesters, der durch seine kurzfristige Teilnahme am Ende der DDR eine bemerkenswerte Bekanntheit erlangt hatte, wurde bemüht, die schlechte Akustik zu beklagen.

Dabei ist gerade das Leipziger Gewandhaus ein gutes Beispiel dafür, dass beste Raumakustik erst im bestehenden Gebäude durch nachträgliche optimierende Eingriffe erzielt werden kann. In Leipzig taten zahllose Soldaten der Nationalen Volksarmee Dienst, indem sie wochenlang das Publikum simulierten, während die Akustiker ihre Maßnahmen testeten.

Jahrzehnte später und 400 km weiter westlich wurden Pappkartons verwendet, um die Anwesenheit von Bundestagsabgeordneten zu simulieren. Beim Bundestag-Neubau in Bonn konnte die Raumakustik ebenfalls erst nach Fertigstellung des Baus mithilfe von örtlichen Versuchen richtig eingestellt werden.

Auch die berühmte Berliner Philharmonie von Hans Scharoun wurde erst durch die Eingriffe der Akustiker zu dem was sie schon immer ist – ein exquisites Konzerthaus. Auf dem Foto (oben) sind die nachträglich eingehängten parabolischen Akustik-Segel gut zu erkennen, die dafür sorgen, dass der Klang optimal im Raum verteilt wird, .

Postbank, Telekom und Post haben nun 75 Millionen Euro frei, mit denen sie ausnahmslos alle beklagten Mängel in der bestehenden Beethovenhalle abstellen können. Wenn sie wollen. Die BonnerInnen würden es ihren DAXen sicherlich danken.

Foto: Andreas Praefcke / wikipedia

  1. Günther Montag sagt:

    Sehr geehrter Herr Schoffel, die Vernunft hat endlich gesiegt. Da geht mir als altem Bonner Bürger das Herz auf.

  2. Postkunde sagt:

    Ich hätte gerne, dass die Deutsche Post keine Filialen schließt, insbesondere nicht die sehr gut besuchte Filiale in der Lessingstraße/Südstadt. Dann soll die Post auch aufhören, darüber nachzudenken, die Samstagszustellung aus Kostengründen einzustellen.

    Wenn die Post ihre Kernaufgaben ordentlich erfüllt – zu angemessenen Preisen bei angemessener Lohnzahlung – dann darf sie über Prestigeprojekte nachdenken. Vorher nicht.

  3. Nicht Bonn, sondern Wien, die Stadt, in die Ludwig van… mit 17 Jahren übersiedelte, ist die Beethovenstadt ersten Ranges.
    Mit der Bonner Ammenmärchenversion wurde viel Selbstbeweihräucherungspropaganda getrieben.
    “Die frühen, noch in der Bonner Zeit entstandenen Werke Beethovens umfassen zehn heute bekannte Kompositionen aus dem Zeitraum 1782–1785, die im Bemühen, ihn zu einem Wunderkind zu stilisieren, fast alle veröffentlicht wurden”(s. Wikipedia).
    Viele Befürworter schienen diese Wunderkindthematik für sich selbst aktivieren zu wollen, abgesehen von den Bonner Geschäftsleuten, denen jedes “Hochfahren” des Bekanntheitsgrades von Bonn am Herzen liegen muss.
    Viel schlimmer ist aber die Volksverdummung, die mit dem Bestandsbau und seinen angeblichen technischen Problemen seitens des Städtischen Gebäudemanagements (SGB) getrieben wurde.

    Noch im Juni 2005 heißt es im Gutachten der “renommierten Akustiker”:

    “Bei der ”umfangreichen” Lösung lässt sich eine sehr gute
    Konzertakustik realisieren. Die Nachhallzeit wird auf ein
    deutlich höheres Niveau angehoben, das “den heutigen
    Hörgewohnheiten entspricht”.
    http://www.probeethovenhalle.de/attachments/File/Gutachten_Graner_2005.pdf

    Nachdem das SGB unter Friedhelm Naujoks mehrfach beim Belügen von Ausschüssen und Ratsmitgliedern ertappt wurde (letztmalig durch Abteilungsleiter Frenzel am 15.04.2010, Stichwort Aula KAG und Legionellen) wundert es nicht, dass derselbe SGB Mann, bei einer Ortsbegehung mit einem ortsansässigen Architekten das Gebäude im Bonner Generalanzeiger akustisch schlecht machte (Befehl von oben, eventuell von ganz oben?).
    Stumpfsinnig wurde diese “fachliche” Meinung auch in den Medien übernommen, bis sie sich zu einem Selbstläufer für Gutgläubige entwickelte.

    Dezidierte Fachkompetenz von Prof. Mainzer und Prof. Kier wurde mit der empirischen und “subjektiv belasteten” Akustikwissenschaft abgewürgt.
    Im Rückblick, ist nicht nur dieser rhein:raum Artikel erfreulich, sondern auch beim Nachlesen die anderen Beiträge, welche sich dem gängigen Dilettantismus entgegenstellten:

    “Die Rede von der angeblich miserablen Akustik der Beethovenhalle ist Propaganda. Mag sein, dass manche, geschult am CD-Klang, eine sahnigere Akustik schöner finden. Und wie jede Architektur ist auch die der Beethovenhalle zeitgebunden. Um sie ganz zu verstehen, braucht es die Fähigkeit zur historischen Einordnung und ein offenes Auge und Ohr”.
    http://www.faz.net/s/Rub4D7EDEFA6BB3438E85981C05ED63D788/Doc~E70EF43F83FF2424DB95F22A895D39286~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Vielleicht lässt sich nun im weiteren Verfahren bei der Sanierung, oder der Kopplung von Alt – Neu (Schuster Entwurf) das Wissen verwenden, das bisher in der Diskussion aktiviert wurde, das im Netz zu finden ist, und das selbst von Nicht – Fachleuten wie Herrn Frenzel (SGB) leicht hätte eingesetzt werden können:

    “Zum Schluss muss mit einem weiteren Märchen aufgeräumt werden: kein Konzertsaal lässt sich vorab zu 100% optimal planen. Helmholtzresonatoren und Akustiksegel – sind der Beweis dafür, dass Oper- und Orchestergebäude wie Musikinstrumente nach der Herstellung “gestimmt” und nachgerüstet werden müssen.
    Das Argument die alte Beethovenhalle gehöre wegen ihrer schlechten Akustik auf den Müll ist in seiner Schlichtheit nicht haltbar (siehe: Tonmeistertagung 2004) und Kapitel 22 im Master Handbook of Acoustics und dient wohl, wie der propagierte Abriss des Stadthauses, lediglich dazu vom leeren Instandsetzungstopf des SGB abzulenken.
    Motto im Bundesdummsdorf Bonn: größere Steuerausgaben für einen Neubau sind “nachhaltig” besser als geringere Haushaltsmittel für eine Instandsetzung”.
    http://rheinraum-online.de/2010/02/07/was-kostet-das-festspielhaus-beethoven/

  4. Festspieler sagt:

    Die Rechnung ist doch ganz einfach: Ist erst mal der Beschluss für Abriss und Neubau gefallen, hat der Instandsetzer 15 Jahre Ruhe. Bröckelnden Putz am Altbau kann er mit “Reparatur lohnt nicht, da bald abgerissen” rechtfertigen, und beim Neubau wird einige Jahre kein Putz bröckeln. Also kann man wieder mal eine Lücke überbrücken, denn der Neubau wird ja aus einem anderen Topf bezahlt.

    Dass der Neubau dann wenige Jahre später wieder herunterkommt, der Putz anfängt zu bröckeln usw., damit soll sich dann der Nachfolger herumschlagen. Und vielleicht gibt es dann ja wieder rührige Zeitgenossen, die den alten Schandfleck abreißen und neubauen lassen….

  5. Nils Nußbaum sagt:

    Ich frage mich, wie es weitergeht mit der Beethovenhalle, Bonn wird das neue bald fertige Kongreßzentrum übernehmen und dann die Veranstaltungen in der Beethovenhalle ganz abziehen, das bedeutet, es wird kein Geld hineininvestiert, weil man noch am WCCB knabbern wird. Das Ende der Halle scheint dann anders besiegelt und dann bröckelt der Denkmalschutz und dann wird das Festspielhaus wiederbelebt!?

  6. Festspieler sagt:

    Sie glauben doch nicht im Ernst, das Festspielhaus würde besser instandgehalten als die Beethovenhalle oder die anderen städtischen Liegenschaften, Schwimmbäder, Schulen, Altes Stadthaus, Godesberger Rathauszeile?

    Nein, da wird verrotten gelassen bis nur noch der Abriss bleibt.

    Da ist was faul am ganzen System. Vom Bund, der den Kommunen zu viel Last auflegt, bis hin zu den Schulden, die man machen darf, und den Verpflichtungen, die man nicht einhält, und der Intranzparenz.

  7. irritiertes Nordlicht sagt:

    Felix von Grünberg, die soziale Stimme Bonns, ist “einfach traurig”, dass das Festspielhaus nicht gebaut wird.
    Nachzulesen auf seiner Internet Seite…..”auch der Bonner Norden und die Beueler “Nachbarschaft” hätten davon sehr profitiert.”

    Dann müssen die Hartz IV-Empfänger und andere weniger Betuchte im Bonner Norden wohl auch richtig traurig sein, dass das Festspielhaus nicht kommen wird und die Daxe stattdessen sich vorerst stärker im Bereich Bildung, Soziales engagieren werden.

    Wer hätte das vermutet?

    Felix von Grünberg wird unser soziales Gewissen in Düsseldorf, na dann….

  8. Der WDR bringt in der Lokalzeit einen äußerst interessanten Beitrag zu den beiden Bonner “größenwahnsinigen Seifenblasenprojekten” WCCB und Beethovenfestpielhaus:

    http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/lokalzeit_bonn.xml

    Erkentnis: nicht nur die Verwaltung war unter dem Regime der Ex – Ob mit diesen Projekten völlig überfordert (Uni – Wirtschaftswissenschaftler Urs Schweizer), sondern die beiden “Leuchtturmprojekte” selbst waren in sich nicht schlüssig, so der Soziologie Prof. Jürgen Friedrichs aus Köln.

    Merkwürdigkeit am Rande: der Bonner Pressemitteilungschef aus dem Stadthaus spricht bei der Beethovenhalle von “nach oben offenen Kosten”, hat aber scheinbar nicht gemerkt, dass beim Beethovenfestspielhaus nicht nur die Kosten sondern auch der Betrieb nach oben offen sind, bzw. jetzt: offen waren!

    Froh über den beendeten Spuk ist auch Generalintendant Klaus Weise: “man könne sich keinen Rolls Royce leisten, den man weder versichern noch betanken kann”. Ob das der Bonner Pressesprecher wohl versteht?

  9. Spätestens mit der Millionenfalle XXXVI im Bonner Generalanzeiger ist es raus: die BonnerInnen werden verarscht, wo sie gehen und stehen.
    Der GA Beitrag vom 08.02.2010 “Eine Mischung von Partykeller und Fabrik”
    http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=696741&bid=801975
    und der dazugehörige Kommentar “Das ist unzumutbar”
    http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=696711
    vom 08.02.2010 lassen erkennen wie das funktioniert, wenn man gleichzeitig den Link zum “Baulichen Optimierungsprogramm für die Beethovenhalle” aufruft:
    http://www.probeethovenhalle.de/attachments/File/Gutachten_Graner_2005.pdf
    Als Anlage zu dieser Beschlussvorlage DS. NR. 0511042 vom 07.04.2005, findet man das Gutachten Graner Akustik:
    “Bei der ”umfangreichen” Lösung (800.000,00 Euro)lässt sich eine sehr gute Konzertakustik realisieren. Die Nachhallzeit wird auf ein deutlich höheres Niveau angehoben, das ”den heutigen Hörgewohnheiten entspricht”.

    Die Verwaltung (Federführung Ogilvie, SGB/Naujoks, u.a.) kommt 2005 zu folgendem Ergebnis:

    “In der Gesamtbetrachtung beläuft sich das vorgeschlagene
    Investitionsvolumen für die Beethovenhalle einschließlich der
    Beseitigung des Sanierungsstaues auf insgesamt 1,9 Mio. EUR.
    Die Verwaltung vertritt die Auffassung, dass dieser Betrag für die
    Wettbewerbsfähigkeit der Beethovenhalle, für die Arbeit des
    Beethovenorchester Bonn und der jährlichen Internationalen
    Beethovenfeste sowie für die Akzeptanz der Halle für die übrigen
    Veranstalter von großer Bedeutung ist.

    Dies gilt auch vor dem Hintergrund der Projektidee des Kulturrates aus
    dem Jahr 2002, einen sponsorenfinanzierten Neubau/Umbau/Anbau der
    Beethovenhalle zum Jahr 2020, dem 250. Geburtstag Ludwig van
    Beethovens zu realisieren (siehe auch Stellungnahme der Verwaltung zur
    Großen Anfrage der FDP in der Sitzung des Kulturausschusses am
    17.02.2005, DS-Nr: 0510203 und im Bonner Hallenkonzept unter A V 2 b
    und B II 3).
    Nach heutigem Erkenntnisstand kann man nicht damit rechnen, dass ein
    solches Projekt mit einem Investitionsvolumen von 45 Mio. EUR
    mittelfristig mit Hilfe von Sponsoren realisiert werden kann.
    Ausserdem verlangt ein solches Projekt auch einen finanziell
    gesicherten Betrieb auf künstlerisch höchst anspruchsvollen Niveau.
    Deshalb sind die vorgeschlagenen Investitionen für einen angemessenen
    Übergangszeitraum zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der
    Beethovenhalle wirtschaftlich gerechtfertigt”.(gez. Dieckmann)

    Was sagt uns das?

    Die differenzierte Kostenschätzung des SGB ging von insgesamt 1,9 Mio. Euro ist 5 Jahre später lt. GA Bericht auf “deutlich über 20 Millionen Euro” angewachsen. “Eine genaue Kostenanalyse steht aber noch aus”.
    (Zur Erinnerung: die steht übrigens immer noch seit Jahren für das SPD – Lieblingsabrissobjekt Stadthaus aus, verantwortlich: “Immernocheinbißchen – Gebäudemanager” Naujoks)

    Und weiter:

    In 2005 war noch kein Sponsor Investor für einen Neubau/Umbau/Anbau mit geschätzten Kosten von 45 Mio. Euro in Sicht.
    Um auf Nummer sicher zu gehen, packten die Daxe noch einmal 25 Mio. Euro oben drauf = 70 Mio. Euro.
    Merkwürdigerweise wurden dann irgendwann im Laufe des Wettbewerbsverfahrens die Umbau/Anbaukonzepte (Schuster/Schuster, Citterio, Chipperfield, Allies + Morrison) zu Gunsten der Neubauentwürfe rausgekegelt, was zur Folge hat, dass nun mit einem dreistelligen Millionenbetrag gerechnet werden musste.

    Als flankierende Maßnahme war es also nötig, die Beethovenhalle schlechtzureden. Was man dazu benötigt?

    1. einen kompetenten Abteilungsleiter des SGB (Befehlsnotstand):
    http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=696688
    und
    2. einen unabhängigen externen Gutachter für Schäden an Gebäuden, der das feststellt, was 2005 schon bekannt war und “persönlich die Beethovenhalle für nicht denkmalwürdig hält”:
    http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=696693

    Dieses schlitzohrige “Bonner Strickmuster” hat beim WCCB (man denke an die Hotelzimmermasche) zum Super-Gau geführt, und in Folge zum Absturz des Haushaltes und damit zur Aufgabe des Projektes Bonner Beethovenfestspielhaus.

    Allerdings, so OB Nimptsch ist das “Fenster” noch nicht geschlossen
    http://www.bonn.de/tourismus_kultur_sport_freizeit/bonn_ist_kultur/festspielhalle_beethoven/01005/index.html?lang=de
    und, oh Wunder, auf einmal spielt der Denkmalschutz wieder eine Rolle!

    Fazit: Wer alles mit allem in Verbindung bringt, dem stürzt die Welt analog zusammen.

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