Parabel aus der Arbeitswelt

Intrigante Personalpolitik

29. April 2010.

B. ist 50 Jahre alt, hat der Firma seit Jahrzehnten treu gedient, war selten krank und kennt sich auf vielen Arbeitsgebieten gut aus. Ein „Allrounder“, wie man so sagt, einer, der alles kann und sich auch nicht zu schade ist für die weniger beliebten Arbeiten. Natürlich ist er nicht mehr der Jüngste, aber durchaus noch fit. Eigentlich ein wertvoller Mitarbeiter, eigentlich unersetzbar, eigentlich unkündbar. Eigentlich…

Wenn nicht der Geschäftsvorstand eine Umstrukturierung vorgesehen hätte, um der Firma eine neue Ausrichtung zu geben. Eine „zeitgemäße“ Ausrichtung. Eine „zukunftsweisende“ Ausrichtung. Eine Ausrichtung, in die der gute Mann leider nicht mehr hineinzupassen scheint. Zu alt, zu bescheiden, zu unspektakulär. Wer heute im Wirtschaftsleben etwas gelten will, muss auffallen.

W. und F., zwei junge, dynamische Bewerber, sollen die Aufgaben des Alten übernehmen (und sie haben Gönner). Zwei Spezialisten, die gemeinsam das können, was B. alleine kann, nur jeweils viel besser. Heißt es jedenfalls. Die die Firma weniger kosten (F. arbeitet quasi für lau), ihr aber viel mehr einbringen. Heißt es jedenfalls. Zwei, die sich nicht zurückhalten. Zwei, die auffallen.

Doch wie den Alten loswerden? Das Zauberwort heißt „Mobbing“.

Zuerst erhält B. einen neuen Vorgesetzten. Der ist zwar inkompetent und (wie sich später herausstellt) kriminell, aber er verspricht, dass er W. plangemäß in sein künftiges Aufgabengebiet einarbeiten wird. B. werde von diesen Aufgaben „entlastet“. Dann werden B. die vertraglich zugesagten jährlichen Schulungswochenenden vorenthalten. Die Firma muss sparen. Schließlich kostet die Einarbeitung von W. eine Menge Geld.

Als nächstes fängt man an, B.s Gesundheit anzuzweifeln. Hatte man zuvor noch mit seiner Kompetenz geworben, wirft man ihm plötzlich vor, seine Arbeit sei unterdurchschnittlich. Und um diesen Stand auch nur zu halten, müsse man ihn ein halbes Jahr lang weiterbilden. Mindestens! Und selbst dann werde er das, was F. könne, nur sehr eingeschränkt schaffen. Und dies gefährde die Zukunftsfähigkeit der Firma.

Dass F. seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen hat, und seine Zeugnisse allesamt von seinen Gönnern geschrieben wurden, dass W.s Einarbeitung viel teurer geworden ist als vorgesehen (und ein Ende ist nicht abzusehen) und dass B.s Arbeitsergebnisse darunter leiden, dass sein neuer Vorgesetzter ihn nicht seinen Fähigkeiten entsprechend einsetzt, verschweigt die Firmenleitung. Ebenso wie B.s 30-jähriges Firmenjubiläum.

B.s Freunde schweigen nicht. Sie stellen Fragen.

Zum Beispiel fragen sie, warum F.s Gönner fest die Entlassung von B. einplanen, wo doch der Vorstandsbeschluss für F.s Einstellung dies eigentlich ausschließt. Sie fragen, warum vertragswidrig B.s Schulungswochenenden gestrichen wurden. Und sie fragen, wieso B. plötzlich ein halbes Jahr Fortbildung nötig haben sollte, obwohl die Firmenleitung noch kurz vor der Umstrukturierung zwei Wochen Schulung für ausreichend hielt.

Auszubildende weisen anhand von Geschäftsakten nach, wie wichtig und wertvoll B.s Arbeit für die Firma in der Vergangenheit gewesen ist. Sie machen darauf aufmerksam, dass die Rechtmäßigkeit einer Entlassung B.s höchst zweifelhaft wäre. Sie belegen, dass B.s Gesundheit vorsätzlich schlechtgeredet wird. Und sie stellen fest, wieviel sie von dem „alten Mann“ noch lernen können, dessen Würde hier mit Füßen getreten wird.

Dann eine überraschende Wende. Die Finanzsituation der Firma wird aufgrund der allgemeinen Wirtschaftslage und W.s teurer Einarbeitung (und ein Ende ist immer noch nicht abzusehen) so prekär, dass die neue Firmenleitung in Absprache mit F.s Gönnern beschließt, F. doch nicht einzustellen. Vorerst jedenfalls. Die Einstellung neuer Manager sei den von Lohnkürzungen betroffenen Arbeitern nicht vermittelbar.

B.s Arbeitsplatz scheint gerettet. Vorerst jedenfalls!

P.S.: Geschichten wie diese ereignen sich in diesem Land tagtäglich. Unsere spielt in Bonn. Wir haben sie zwar in Details verändert, aber die Namen einiger Beteiligter können wir trotzdem preisgeben, nämlich Beethovenhalle, WCCB und Festspielhaus. Die Namen der Firma und ihrer Leitung, den von B.s Vorgesetztem und die der Gönner von W. und F. jedoch wollen wir aus rechtlichen Gründen verschweigen.

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