Alles rund?
Auch in Haiti hat König Fußball für Ablenkung gesorgt
19. Juli 2010.
Die WM 2010 ist vorbei, die Heroen des Rasens können wieder auf ihr menschliches Normalmaß heruntergezoomt werden. Hornissenschwärme brauchen nicht mehr zu befürchten, nicht wahrgenommen zu werden angesichts der akustischen Übermacht weltweit geblasener Vuvuzeelas. Daß außer Ghana keine afrikanische Mannschaft den Weg bis ins Viertelfinale schaffte, hinterlässt allerdings einen leicht bitteren Nachgeschmack. Nun spielen sie doch schon seit Jahren in den diversen europäischen Spitzenclubs, und doch reicht es immer noch nicht! „Es fehlt halt die Charakterstärke”, würde Günter Netzer sagen.
Ein gelungenes Spektakel für Milliarden von Menschen haben sie da inszeniert, die Herren von der FIFA. Vier Wochen lang prägte König Fußball die Wahrnehmung der Welt. Nun aber holen sie uns wieder ein, die Krisen in all ihrer banalen Grausamkeit – die sprudelnde Ölquelle am Boden des Golfes von Mexico, die Unerträglichkeit des Seins in Gaza, die ungelösten Probleme der internationalen Finanzwirtschaft, Afghanistan, Darfur, Irak,… Haiti.
Ein halbes Jahr nach dem verheerenden Erdbeben ist die Lage auf dem halben Eiland immer noch desaströs. Einige Tage vor dem großen Finale in Johannesburg fand sich auf der Homepage von tagesschau.de eine rührende Fotoreportage über die Fußballbegeisterung der in Trümmern und unter Zeltplanen hausenden Haitianer. Wo immer ein elektrischer Anschluß funktionierte, stellten findige Bewohner der Geisterstadt Port-au-Prince ein altes Röhrengerät auf irgendeinen Betonsockel und verfolgten die Spiele. Nach Aussagen des Reporters hielten sie nach dem Ausscheiden der letzten afrikanischen Mannschaft nur noch zu Deutschland.
Beim Anblick der Bilder musste ich unwillkürlich an meinen letzten Besuch in Haiti im Jahr 1995 denken, als Freunde mich zu einem denkwürdigen Open-Air-Konzert im Fußballstadion der Hauptstadt einluden. „Bouyon racines” (Wurzelsuppe) hieß die Veranstaltung, die in der Euphorie nach der Rückkehr des drei Jahre zuvor von Militärs vertriebenen Präsidenten Aristide stattfand. Das Stadion hatte schon jahrelang keinen Ball gesehen, entsprechend verwahrlost war sein Zustand. Auf der improvisierten Bühne, die anstelle eines der demontierten Tore aufgebaut war, tummelte sich, was Rang und Namen in der Musikszene der Karibik hatte. Selbst die legendäre kubanische Salsakönigin Celia Cruz gab dem Land ihre Aufwartung.
Zehn Jahre später lieferte in dem wieder hergerichteten Stadion die brasilianische Fußballmannschaft in Anwesenheit ihres Präsidenten Lula da Silva in einem Freundschaftsspiel gegen Haiti einen Beweis ihres Könnens. Brasilien hatte sich als „Lead Nation” der internationalen Blauhelmtruppe nach der Deportation des seit 2001 erneut amtierenden Aristide in die Herzen der Haitianer spielen wollen.
Seit dem 12. Januar 2010 aber dient das Stadion als eines von über tausend Zeltlagern für all jene, die aus den Trümmern ihrer Häuser entkommen konnten.
Eine weitere Anekdote darf nicht unerwähnt bleiben. Anfang März 2010 organisierte der DFB mit Hilfe des Privatsenders SAT 1 und der Redaktion der Sendung „ran” ein Benefizspiel für die Erdbebenopfer, bei dem die haitianische Nationalmannschaft gegen ein Team aus abgehalfterten Bundesligaveteranen antrat. Als Manager der haitianischen Mannschaft konnte die rheinische Frohnatur Rainer Calmund gewonnen werden, als Reporter der ehemalige Juniorpartner von Harald Schmidt, der unsägliche Oliver Pocher. Was sich dann auf dem Rasen des Augsburger Stadions abspielte, war eine 90 Minuten dauernde quälende Peinlichkeit, die schließlich mit 6:0 für die Gäste ausging. Die Mischung von bemühter Betroffenheit und niveaulosem Klamauk – z.B. in Szene gesetzt von einem Pocher, der zum Ende der Partie auch noch in die Rolle des „Titan” Oliver Kahn schlüpfte, um Torschüsse der Haitianer durchzulassen – wurde vom haitianischen Botschafter mit einer höflichen Dankesrede quittiert, wonach solche Veranstaltungen sicher dazu beitragen könnten, das Selbstbewusstsein und den Stolz der Haitianer zu heben.
Derweil nimmt die Tragödie in Haiti weiter ihren Lauf. Tausende von Hilfsorganisationen aus aller Welt tummeln sich zwischen den Ruinen der Hauptstadt und ihres Umfelds, auf der Suche nach sinnvollen Maßnahmen für den „geregelten Mittelabfluß” und treten sich dabei gegenseitig auf die Füße, machen sich untereinander das bedingt geeignete lokale Personal abspenstig, schaffen Begehrlichkeiten, die sie, wenn überhaupt, nur kurzfristig bedienen können. Die noch existierende Regierung steht mit dem Rücken zur Wand, findet keinen Rückhalt in der Bevölkerung, hat keinen Plan, wie sie der Dimension der Katastrophe begegnen kann.
Wie stark der Bann des runden Leders und seiner Akteure auch noch nach dem Ende des Spektakels sein kann, beweist eine Szene, die sich am 15. Juli, dem traditionell mit Massendemonstrationen begangenen Geburtstag des abhanden gekommenen „Messias” Aristide, vor dem zerstörten Präsidentenpalast in Port-au-Prince abgespielt hat. Gut die Hälfte der Demonstranten verließ die zornige Geburtstagsfeier, als die Nachricht die Runde machte, daß der argentinische Fußballstar Lionel Messi dem Land einen Besuch abstatttete und sich auf dem Weg zum Präsidentenpalast befand. Wenn schon der Messias nicht auf wundersame Weise auftauchte, dann wollte man doch zumindest einen Blick auf den leibhaftigen Messi geworfen haben. Auf diese Weise hat der torlos gebliebene Stürmerstar dem abgesetzten Priester-Präsidenten, der ihm möglicherweise in seiner Exilresidenz in Kapstadt voller Anerkennung zugeschaut hatte, einen höchst widersprüchlichen Dienst erwiesen. Ob Diego bei der Aktion seine göttliche Hand im Spiel hatte?
