10. Oktober 2010.

Hingehen! Theater im Ballsaal in Bonn-Endenich. Dort spielt das Bonner “Fringe Ensemble” die “Heilige Johanna der Schlachthöfe”, ein Hauptwerk von Bert Brecht, brandaktuell zur heutigen Wirtschaftskrise.

Mit minimalistischem Aufwand ist dem Fringe-Ensemble hier ein unglaublicher Kraftakt gelungen. Minimalistisch heißt ja nicht: wenig Aufwand, sondern: sehr viel Aufwand aber mit sparsamsten Mitteln.

Nur sechs SchauspielerInnen spielen mehr als 20 Rollen in unentwegt wechselnder Besetzung – eine Spezialität des Fringe Ensembles. Regisseur Frank Heuel greift nebenbei richtig “klassisch” in die Vollen:

Theaterblut schon in den ersten Szenen, ein frisch gebratenes Steak an der Wand, vier (schöne) nackte Männer in Eiswürfeln und Johanna in Plastik eingeschweißt… Und all das wäre nichts ohne die rundweg herausragenden Leistungen der SchauspielerInnen. Hut ab vorm Fringe Ensemble!

Achtung, Live-Event! Anders als bei guten Kinofilmen kommt sowas nicht irgendwann mal im Fernsehen. Nicht mal bei arte. Also: Hingehen.

Brechts Theaterstück “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von 1929/30 ist heute ein Klassiker und gilt als eines “der reichsten, glänzendsten, virtuosesten, freilich auch grimmigsten und schockierendsten Stücke, die Brecht geschrieben hat”. Eine sehr vornehme Umschreibung für eine, aus heutiger Sicht, doch recht holperige Collage zahlloser guter Einzel-Szenen. Mit sehr feinsinnigen Methoden hat das Fringe-Ensemble jedoch alle Holpersteine weggezaubert.

Es geht um Büchsenfleisch in Chicago 1929. Der Büchsenfleischkönig Pierpont Mauler trickst auf Anraten seiner Freunde von der Wall Street nicht nur seine Büchsenfleisch-Konkurrenten aus, sondern auch deren Viehlieferanten. Das liberale Spiel der Marktkräfte führt wegen seiner immanenten Idiotie (= Prinzip des Eigennutzes) zwangsläufig zum Kollaps des Fleischmarktes. Diese Zwangsläufigkeit wird im zweistündigen Theaterabend detailliert erklärt. Die ausgesperrten Arbeiter beginnen derweil zu verhungern, zu erfrieren, zu streiken und von der Polizei erschossen zu werden.

Johanna, die das Gute will, vermittelt zeitweilig zwischen Oben und Unten, gerät so “zwischen die Fronten” und stirbt, 25jährig, an Lungenentzündung wegen Hunger und Armut.

Der Fleischkönig Pierpont Mauler hat inzwischen neue Tipps aus New York bekommen: Fasse deine ehemaligen Konkurrenten in einem “Ring” zusammen, beschränke dirigistisch das Produktionsvolumen, entlasse ein Drittel der Arbeiter und kürze deren Lohn ebenso stark. Und das macht er auch.

Die sterbende Johanna wird zeitgleich – gewissermaßen als Marketing-Maßnahme – von allen übrigen Beteiligten, die sich auf diesen neuen Deal einlassen, zur “Heiligen” erhoben.

Zwei Stunden stimm- und bildgewaltiges Theater vom Aller-aller-Feinsten!  Auch der Bonner General-Anzeiger ist begeistert: “In ihrer Ästhetik reagiert diese Inszenierung kongenial auf Brecht, sie ist selbst klassisch in der Anwendung ihrer Mittel. Rollenwechsel, Bilder und Sprachbehandlung sind derart virtuos, dass man sich manchmal etwas weniger Perfektion wünscht.”

Versteckt neben dem Kino “Rex” und hinter der irischen Kneipe “Fiddlers” steht in Bonn-Endenich der alte Ballsaal, die einst wichtigste Tanz-Tenne aus vergangenen Zeiten, als Endenich noch gar nicht zu Bonn gehörte. Hier ist heute das Bonner Fringe Ensemble zu Hause (fringe ist ein aus dem englischen kommender Begriff für freie Theaterarbeit) und entwickelt seit Jahren eine herausragende Produktion nach der anderen.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe in der Version des Fringe Ensembles ist heute abend (Sonntag 10. Oktober, Frongasse 9, Bonn-Endenich) zu sehen und dann, nächsten Monat, nur noch fünf Mal in Bonn: von Mittwoch 3. November bis Sonntag 7. November 2010.

Foto: Ralf Emmerich

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