Masterplan Innere Stadt Bonn
Beuel gehört nicht dazu
21. November 2010.
“Mitreden erwünscht!” Das Stadtplanungsamt hatte zum 1. öffentlichen Forum zum Masterplan Innere Stadt geladen und rund zweihundert interessierte BürgerInnen ließen sich nicht lange bitten. Sie brachten am Freitag viele Vorschläge zur Zukunft der Bonner Kernstadt mit in den völlig überfüllten Kapitelsaal des Münster Carrés.
Der “Masterplan Innere Stadt Bonn” hat die Bonner Innenstadt im Visier und die direkt angrenzenden Stadtviertel, also Bonn-Castell, Nordstadt, Weststadt und Südstadt.
Beuel gehört nicht dazu. Endenich und Poppelsdorf auch nicht und Bad Godesberg schon gar nicht. Jedoch hat man sich einen Blick über den Tellerrand verordnet und will auch die Wechselbeziehungen zu den benachbarten Bonner Stadtteilen nicht außer Acht lassen.
Grundgedanke bleibt indes: Identitätsstiftend für alle Städte dieser Welt ist stets die Innenstadt. Das gilt für Paris, London und Berlin genauso wie für Siegburg, Meckenheim oder Bonn.
Stadtbaurat Wingenfeld hat sich das sportliche Ziel gesetzt, bis September 2011 die über einhundert aktuell bestehenden Einzelprojekte und -konzepte sowie ergänzende Anregungen der BürgerInnen unter einen Hut zu bekommen. Eine kleine Auswahl: Bäderkonzept, barrierefreie Planung, Denkmalpflegeplan, Einzelhandelskonzept, Fahrradrouten, Gestaltungssatzung, Grünflächenkonzepte, Integriertes Handlungskonzept Bonn, Konzept Mietfahrräder, Jugendförderplan, Lärm-Aktionsplan, Luftreinhalteplan, Moscheenstandorte, Nutzungs- und Veranstaltungskonzept, Uni-Campus etc. etc. – All das und noch viel mehr soll der Masterplan laut einstimmigem Stadtratsbeschluss vom Mai 2009 innerhalb eines Jahres vernünftig zusammenbringen!
Die Erstellung dieses Masterplans wurde für eine viertel Mio. Euro in die Hände von zwei Aachener Professoren gelegt. Die inhaltliche Koordination übernimmt nun das Büro “Scheuvens + Wachten” aus Dortmund – Prof. Kunibert Wachten ist gleichzeitig Inhaber des Lehrstuhls für Stadtplanung in Aachen. Um die Moderation kümmert sich Prof. Selle vom Büro “Netzwerk”, hauptberuflich Inhaber des Lehrstuhls für Planungstheorie und Stadtentwicklung, ebenfalls in Aachen.
“Erste Sichten” nannte Kunibert Wachten seinen Vortrag aus städtebaulicher Sicht über Bonns aktuelle Situation und lieferte, perfekt bebildert, eine sehr profunde Bestandsaufnahme. Insbesondere im Vergleich mit seiner Powerpoint-Präsentation vom September 2010, mit der er seine Gesprächspartner in der Stadtverwaltung aus der Reserve locken wollte, kann man erkennen, dass hier beiderseits gute Arbeit geleistet wurde. Das Bild von Bonn, das er gestern Abend zeichnete, verwies recht punktgenau sowohl auf die unübersehbaren Konfliktfelder als auch auf die Vielzahl der Konsens-Themen. Soweit so gut.
Wir befinden uns zur Zeit am Ende von Phase 1 (Analysieren, Erkunden, Entdecken, Zusammenführen) der Masterplan-Entstehung. Auch am Ende von Phase 2 (Vertiefen, Eckpunkte, Selbstversichern) ist ein öffentliches Forum geplant, ebenso zum Schluss, Phase 3 (Ergebnisse, Entscheidungen).
Die “Innere Stadt Bonn” schneidet in der Gesamtschau schon heute sehr gut ab. Das Einzelhandelsangebot der Innenstadt bewerten die Professoren z. B. sehr positiv. 30 % der gesamten Verkaufsfläche Bonns (30 % von gut 416.000 qm) befinden sich hier. Vor einer sprunghaften Vergrößerung der Innenstadtverkaufsflächen warnte Prof. Wachten ganz ausdrücklich. Besondere Skepsis verdienten Projektideen wie Beethovengalerie, Victoria-Carré oder der Ersatz des Stadthauses durch ein Einkaufszentrum.
Das Stadthaus, gab er zu verstehen, sei sicherlich nicht besonders schön, erfülle aber an seinem Standort als starker Frequenzbringer eine sehr wichtige Funktion für die Bonner City.
Wertvoll sei auch, dass es in der näheren Umgebung der Bonner City preisgünstigere Ladenlokale für Einzelhändler gebe, die in der hochpreisigen Innenstadt keine Chance haben. Gerade diese Geschäfte, die mehr bieten können als das einheitliche Bestsellerangebot der großen Filialisten, seien es schließlich, die die Attraktivität einer Innenstadt ausmachen, so Prof. Wachten.
Unnötig stiefmütterlich behandle Bonn hingegen seine Stadteingänge, seine Freianlagen (z.B. den alten Friedhof) und seine Rheinfront.
Während breiter Bonner Konsens in Fragen wie Stärkung des innerstädtischen Wohnens, Revitalisierung brachliegender Flächen oder Aufwertung der Grünanlagen festgestellt wurde, wurden als kontroverse Problemfelder erkannt: Beethovenhalle/Festspielhaus, Stadthaus, Bahnhofsvorplatz, City-Ring und die zunehmende “Eventisierung” des öffentlichen Raumes.
Die letzte Stunde der Veranstaltung gehörte den versammelten BürgerInnen. Echte MigrantInnen waren nicht darunter, wohl aber viele Zugezogene. Viele von ihnen forderten, die Stadt möge sich mehr dem Rhein zuwenden. Vielen missfielen die überall in der Stadt parkenden Autos und Fahrräder. Und die Graffittis. Und das Fehlen öffentlicher Sitzgelegenheiten und Toiletten. Das liegenbleibende Laub der Kastanien. Die unwürdige Erscheinung des zentralen Omnibusbahnhofs. Das Fehlen eines Bürgerzentrums in der Südtstadt.
Es wurden auch Wünsche geäußert. Aufladestationen für Elektro-Autos. Smart-Vermietung nach dem Bahn-Modell “Rent-a-Bike” zur Verringerung des Autoverkehrs. Kostenloser Öffentlicher Personen-Nahverkehr, wie angeblich in einer niederländischen Gemeinde erfolgreich erprobt. Gezielte Baumfällungen und Aussichtsplattformen am Venusberg. Und immer wieder die Berücksichtigung von Bonn-Beuel.
Doch Beuel gehört nicht dazu, bekräftigte der Chef des Stadtplanungsamtes Isselmann noch einmal am Ende der Veranstaltung. Obwohl man natürlich über eine zweite Personenfähre nachdenken könne.
Foto: Lothar Schenkelberg
