Gemeinsame Erklärung

Naturschutzverbände für nachhaltigen Tourismus

16. Januar 2011.

Der BUND im Rhein-Sieg Kreis und der RBN (Bergischer Naturchutzverein) in Windeck sehen in ihrem Engagement für die Erhaltung der einmaligen Landschaft und der Artenvielfalt im Windecker Ländchen eine Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung des Tourismus in Windeck. Nur wenn es gelingt, Natur und Landschaft zu bewahren und behutsam, nach fachlichen Kriterien zu entwickeln, hat der Tourismus in Windeck langfristig eine Chance.

Die Naturschutzverbände in Windeck bedauern die unsachgemäße und polemische Darstellung der CDU Ratsfraktion im Mitteilungsblatt der Gemeinde Windeck, die den Naturschutzverbänden unterstellt, dass sie sich gegen eine Aufwertung des Tourismus in Windeck stellen. Genau das Gegenteil ist der Fall: Durch das Bemühen der Naturschutzverbände, das einmalige Landschaftsbild zu erhalten, Fauna und Flora zu schützen, gewinnt Windeck an Attraktivität, wird der Tourismus aufgewertet.

Es wäre hilfreich gewesen, wenn die CDU in Windeck sich sachkundig gemacht, das Gespräch mit den Naturschutzverbänden gesucht hätte, um dann vielleicht durchaus unterschiedliche Positionen zu formulieren. Naturschutz steht heute oft vor komplexen Herausforderungen und lässt sich nicht mit einfachen Plattitüden gestalten.

Hier unsere zentralen Thesen, die auf fachlichen Recherchen und gesetzlichen Grundlagen beruhen:

Die beiden Konfliktfelder – Elisenthal/Pulvermühle und Fahrradbrücke über die Sieg bei Dreisel – können nicht pauschal in einen Topf geworfen werden, sondern erfordern eine differenzierte Betrachtung:

1. Ausbau der Elisenthals

Der von der Gemeinde Windeck beim Kreis beantragte Ausbau des Elisenthals im Bereich der Pulvermühle ist aus der Sicht der Naturschutzverbände BUND und RBN nicht zu verantworten. Sie vertreten die Auffassung, dass eine Wegeführung unmittelbar zwischen den Ruinen zu einer erheblichen Störung der Tierwelt führt und bestimmte empfindliche Arten vertreibt. Noch sind diese Ruinen und das umliegende Areal einigermaßen unberührt und bilden einen hochwertigen Lebensraum für zahlreiche Vogel-, Fledermaus- und Amphibienarten. Vor allem für Mittel-, Grau- und Schwarzspecht, aber auch für den seltenen Schwarzstorch, der im Elisental vorkommt, ist das abwechslungsreiche, urige und von zahlreichen Tümpeln und Seggenfluren durchzogene Bachtal Rückzugsraum und wertvolle Nahrungsfläche.

Aufgrund der Nähe zu einem Brutplatz des Schwarzstorches, der weit aus näher liegt als vom Gutachter der Gemeinde angenommen, muss das Tal auf jeden Fall als „essentieller Nahrungslebensraum“ und Teil der Nestumgebung aufgefasst werden. Das führt auf Grund artenschutzrechtlicher Vorschriften zu einem direkten Schutz des Tales und zu einem Ausschluss der beantragten Maßnahmen. Die Information, Fledermäuse würden gar nicht vorkommen, lässt sich nicht aufrecht erhalten. Als besonders kritisch bewerten die Naturschützer, dass der Gutachter seine Einschätzung im Wesentlichen aus einer einzigen Ortsbegehung des Areals am 15.4.2010 ableitet.

Eine derart oberflächliche Betrachtung kann in der gegebenen Situation nicht ausreichen, widerspricht den Vorschriften zum Artenschutz und wird daher von den Naturschützern nicht akzeptiert.

Da Schwarzstorch, Eisvogel und Wasseramsel, Amphibien und verschiedene Specht- und Fledermausarten betroffen sind, wäre eine ausreichende Erfassung erforderlich gewesen. Ebenso hätten umfangreiche Kartierungen aus den Flurbereinigungs-verfahren, die in den vergangenen Jahren im Bereich des Tales stattfanden, ausgewertet und berücksichtigt werden müssen. Das Eingriffsgebiet ist mit herausragender Bedeutung Teil des Biotopverbundnetzes des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW.

Die Behauptung der Gemeinde Windeck, eine Lenkung der „Besucherströme“ sei erforderlich, wurde nicht mit Zahlen belegt oder nachgewiesen. Es obliegt dem Antragsteller, einen Bedarf nachzuweisen.

Die Beteiligung des Landschaftsbeirates im Zuge des Befreiungsverfahrens für Schutzgebote des Landschaftsschutzes erfolgte mit falschen Informationen durch die Gemeinde Windeck. Der Beirat wurde hinsichtlich der Beschilderung und der Betroffenheit der Arten falsch informiert. So wurde behauptet, das Betretungsverbot für die Bruchwaldflächen sei im Gelände längst dargestellt und Fledermäuse hätten in dem Gebiet gar keine Quartiere. Die Angaben zur Lage des Schwarzstorchnestes waren, wie schon ausgeführt, falsch und wurden im Beirat mit 2.000 bis 3.000 m völlig falsch angegeben.

Fazit: Das Elisenthal ist ein schützenswerter Land-schaftsteil und muss unter Naturschutz gestellt werden. Die Zustimmung des Beirates zur Befreiung vom Landschaftsschutz erfolgte auf Grund unzureichender Informationen und eines äußerst fragwürdigen Gutachtens, das den Beiratsmitgliedern zudem nicht vorlag.

Geschieht der geplant Ausbau, verliert das Elisenthal seinen ursprünglichen Charakter, schützenswerte Arten werden gefährdet – die Chancen für einen nachhaltigen Tourismus bleiben auf der Strecke.

2. Fahrradbrücke über die Sieg zwischen Schladern und Dreisel

Die Naturschutzverbände haben bereits im März 2010 in einem gemeinsamen Brief an den Landrat herausgestellt, dass ein durchgehender Fahrradweg an der Sieg bis nach Au nicht nur wünschenswert, sondern auch eine touristische Aufwertung der oberen Sieg bedeutet und vielen Menschen eine wertvolle Kultur- und Naturlandschaft näher bringen könnte. Gerade deswegen ist es wichtig, dass die Einmaligkeit unseres Naturraumes als zukunftsweisendes Potenzial bei den Vorgaben zur Planung der Fahrrad-Brücke berücksichtigt wird. Insgesamt und im Detail sollte das Radwegprojekt zur Lenkung der Besucherinnen und Besucher beitragen und der Natur an der Sieg zum Vorteil gereichen.

Diese Position wurde auch in der Presse veröffentlicht und dürfte der CDU bekannt sein. Der jetzige Planungsstand setzt jedoch andere Prioritäten, denen die Naturschutzverbände nicht zustimmen können. Dazu ist eine Auseinandersetzung mit folgenden Fakten erforderlich:

  • Die Sieg ist ein europaweit relevantes FFH- und Naturschutzgebiet mit einer herausragenden Bedeutung für den Artenschutz. Die vorgesehene Stelle für den Brückenbau ist ein zentraler Überwinterungsort für Gänsesäger, dort befindet sich ein Kormoranschlafplatz, das Gebiet wird vom Schwarzstorch als Nahrungsraum genutzt (Brutpaare sind in der Nähe). Der Waldwasser-läufer und Flussregenpfeifer sind dort als Zugvögel, die vor allem im Juli/ August durchziehen, nachgewiesen, der Wald ist mit Spechtarten reich ausgestattet (Schwarzspecht, Kleinspecht u.a.). Von den Baumaßnahmen werden prioritäre FFH-Lebensraumtypen betroffen sein.
  • Es gibt an der Sieg in NRW kein Strecke mehr, die so ungestört, so naturnah und vom Menschen wenig beeinflusst ist, wie dieser Bereich an der Sieg zwischen Schladern und Dreisel, der damit insgesamt Rückzugsraum störungsanfälliger Tierarten ist.

Für die Naturschutzverbände widerspricht das geplante Vorhaben der NSG-Verordnung sowie den Entwicklungszielen für die Sieg. Die aturschutzverbände stellen deutlich heraus, dass sie eine Fahrrad-Brücke an dieser Stelle nicht akzeptieren können. Wir haben dieses bereits mehrfach und frühzeitig zum Ausdruck gebracht.

Die Ansicht der Naturschutzverbände entspricht der Rechtslage, die für das Vorhaben unter den gegebenen Umständen keine „Öffnungsoptionen“ zulässt.

Alternative Wegführungen sind ernsthaft zu prüfen. Die Naturschutzverbände wissen sehr wohl, dass alle anderen Wegführungen Nachteile haben, da sie länger, steiler und wohl auch teurer sind. Sie wissen, dass viele Menschen einen durchgehenden Fahrradweg an der Sieg wünschen und gerade Naturschützer sind auch gerne mit dem Fahrrad unterwegs. Sie begrüßen die Unterschriftensammlung und setzen darauf, dass eine sachgemäße Auseinandersetzung erfolgt. Mehrheitsmeinungen müssen aber nicht unbedingt richtig und sachgemäß sein, wie viele Beispiele belegen.

Die immer wieder – so auch von der CDU – angeführte Diskussion um den schützenswerten Gänsesäger und der Vorschlag, die geplante Brücke in den Winter-monaten zu sperren, greift zu kurz. Wie bereits ausgeführt, geht es insgesamt um eine schützenwerte Flora und Fauna, um mehrere Arten, deren Lebensraum durch den Brückenbau und den hierdurch in diesen bisher ruhigen Bereich hinein gelenkten Besucherstrom gefährdet wird. Betroffen ist im Übrigen nicht nur das Winterhalbjahr. Mit der Unterschutzstellung der Siegufer wurden landschaftsökologische Zielsetzungen beschrieben, die nicht unter den Tisch fallen dürfen. Die einfache Lösung einer Brückensperrung ist nicht sachgerecht. Sie lässt viele Argumente und Probleme unberücksichtigt.

Fazit: Der Brückenbau ist in diesem FFH- und Naturschutzgebiet nicht möglich. Der Gesetzgeber hat hier bewusst einen hohen Schutzstandard gesetzt, der weiter gewährleistet werden muss. Die geplante Fahrradbrücke gefährdet mit ihren direkten und indirekten Auswirkungen schützenswerte Pflanzen und Tiere. Ein einmaliger Siegabschnitt droht seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren. Alternativen für den Siegfahrradweg müssen geprüft und gefunden werden. Eine touristische Aufwertung ist nur möglich, wenn der Besonderheit unseres Naturraumes als zukunftsweisendes Potenzial der Planung Priorität eingeräumt wird.

Paul Kröfges

Landesvorsitzender NRW/BUND Windeck

Hans Heiner Heuser

Vorsitzender RBN Windeck

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