kurze Vermessung der Welt

Bonn ist gar nicht weit

15. März 2011.

Überall sehen wir zur Zeit kleine Deutschlandkarten, in welchen die Standorte von deutschen Atomkraftwerken eingezeichnet sind. Wo ist Bonn? Und wie verhält sich alles zum Rest der Welt? Wir wagen eine kurze Vermessung der Welt aus Bonner Perspektive.

Die drei zerstörten Siedewasserreaktoren der Kraftwerkszentrale Fukushima 1 sind von Bonn nicht einmal ein Viertel des Erdumfanges entfernt – 9.230 km, um genau zu sein. Neuseeland ist doppelt so weit weg, aber dort gibt es keine Atomkraftwerke. Japan hingegen ist voll davon. 56 Reaktorblöcke sind im Land aktiv, drei von ihnen sind inzwischen außer Kontrolle geraten.

Deutschland ist in der Fläche fast genauso groß wie Japan, hat aber ein Drittel weniger EinwohnerInnen (120 Mio zu 80 Mio). Die AKW-Bautätigkeit war in beiden Ländern sehr ähnlich: Je 400.000 Einwohner ein Atomreaktor. In Deutschland wurde allerdings gut die Hälfte von den 36 gebauten Reaktorblöcken inzwischen wieder stillgelegt, zuletzt 2005 der Druckwasserreaktor Obrigheim am Neckar. Während den JapanerInnen nun also insgesamt 56 Reaktorblöcke um die Ohren fliegen können, scheinen es in Deutschland nur siebzehn zu sein. Das jedoch nur, wenn man die Nachbarländer außer Acht lässt.

Eines der größten französischen Atomkraftwerke (AKW), etwas größer noch als Fukushima 1, steht nur 160 km entfernt von Bonn: Cattenom, vier Reaktorblöcke à 1.300 Megawatt, idyllisch an der Mosel gelegen, direkt südlich der Grenze zu Luxemburg. Wenn dort etwas schiefgeht, trägt der Westwind alles zu uns, nicht nur nach Bonn, vor allem in die Pfalz, nach Heidelberg, nach Prag etc..

Siedewasserreaktor, Druckwasserreaktor… Im Internet haben wir die alten Vokabeln wieder aufgefrischt. Schließlich ist es 22 Jahre her, dass in Deutschland die letzten AKWs fertiggestellt wurden; 1989 war Schluss. Eines noch in Greifswald, ehemalige DDR, das, obwohl gerade fertiggestellt, nur zwei Wochen nach dem Mauerfall wieder stillgelegt wurde. Und eines in Neckarwestheim, das, nach der von der aktuellen Bundesregierung durchgedrückten Laufzeitverlängerung, bis gestern eigentlich noch 25 Jahre aktiv bleiben, ab heute aber abgeschaltet werden soll. Siedewasserreaktoren wurden in Deutschland bis 1984 gebaut, Druckwasserreaktoren noch fünf Jahre danach.

Wo nun steht Bonn im internationalen AKW-Dschungel? Zunächst die Siedewasserreaktoren. Brunsbüttel und Krümmel, beide nah bei Hamburg, beide unter der Regie von Vattenfall, beide gingen in den letzten Jahren wegen heftiger Störfälle mehrfach durch die Presse. Die Entfernung zu Bonn beträgt 379 bzw. 375 km. Die uns BonnerInnen nächsten aktiven Siedewasserreaktoren stehen in Gundremmingen an der Donau, halbe Strecke zwischen Stuttgart und München, 345 km von Bonn entfernt.

Von Druckwasserreaktoren ist man in Bonn stärker umzingelt.

Nur 250 km westwärts von Bonn befindet sich das einzige aktive AKW der Niederlande. Das AKW Borssele ist genauso groß und genauso alt (1973) wie der am Samstag explodierte Reaktorblock Nr. 1 in Fukushima 1 und sollte eigentlich 2006 stillgelegt werden. Jedoch war eine der ersten Aktionen der nach acht Jahren Pause wieder an die Macht gelangten Christdemokraten, die Laufzeit flugs um gut 30 Jahre zu verlängern. Begründung: Verringerung des CO2-Ausstoßes.

In Belgien, 208 km westlich von Bonn, befindet sich das AKW Doel (Inbetriebnahme 1974). Es liegt bei Antwerpen und hat mit seinen vier Reaktoren eine Leistungsstärke von etwa 60 Prozent des AKWs Fukushima 1. Es soll mindestens bis 2015 weiterlaufen.

Das französische Cattenom, geplante Laufzeit bis 2027, 160 km südwestlich von Bonn, hatten wir bereits erwähnt. Noch näher liegt das belgische Tihange, 130 km Luftlinie bis Bonn

Das französische Chooz im Lande der „Schties“, unmittelbar an der belgischen Grenze, zweimal 1.500 Megawatt, ist 180 km von Bonn entfernt.

Das AKW Emsland bei Lingen ist 200 km von Bonn entfernt, Grohnde 220 km und Grafenrheinfeld 235 km. Philippsburg, 190 km, soll jetzt abgeschaltet werden, ebenso Biblis, das 145 km von Bonn entfernt liegt.

Bis zum ewigen Problem-AKW Fessenheim im Elsass sind es 315 km, bis Gravelines bei Dünkirchen,  ähnlich idyllisch am Meer gelegen wie Fukushima 1, sind es von Bonn gerade einmal 350 km, genau Richtung Westen.

Es gibt noch drei andere AKWs die viel näher an Bonn liegen. Doch alle drei wurden im Jahr 1988 stillgelegt. Der Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop lief nur knapp zweieinhalb Jahre (120 km von Bonn). Der Forschungsreaktor in Jülich wurde nach 21 Jahren stillgelegt (55 km von Bonn). Das AKW Mülheim-Kärlich, im erdbebengefährdeten Gebiet des Rheingrabens erbaut, war nur 100 Tage regulär in Betrieb (45 km von Bonn).

Foto: AKW Gundremmingen spiegelt sich in der Donau (Joker)

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