Ob rot, ob schwarz, ob gelb, ob grün
Fortschritt in Bonn: Immer nur Beton
24. Oktober 2011.
Folgenden Gastbeitrag reichte senior.bonn am Wochenende bei uns ein.
“Fortschritt basiert für einen Sozialdemokraten immer noch vor allem darin, möglichst viel Beton zu verbauen. Je mehr Straßen, Brücken und Parkhäuser mit großem Pomp eingeweiht werden, desto mehr frohlockt des Sozialdemokraten Herz.”
Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Mit dieser Aussage hat Özdemir zweifellos Recht. Aber er vergisst dabei, dass dieses Motto auch für die anderen Parteien gleichermaßen gilt, auch für die Grünen selbst. Özdemir könnte dies in Bonn eindrucksvoll verfolgen. Alle großen Bonner Bauvorhaben wurden und werden unter Mitwirkung und ohne Proteste der Grünen abgewickelt.
Ein abschreckendes Beispiel können alle Bonner Bürgerinnen und Bürger zur Zeit am sogenannten „Bonner Bogen“ verfolgen. Neben dem Kameha Grand Hotel und den bereits fertigen Bürogebäuden gähnt eine riesige Baugrube. Früher stand darauf eine Verlängerung des angrenzenden Wäldchens. Die Bäume wurden nach einem einstimmigen Beschluß der Beueler Bezirksvertretung beseitigt. In der Baugrube sollen weitere riesige Bürogebäude entstehen. Die Bäume davor, die zur Zeit noch den Blick zum Rhein behindern, sollen nach Fertigstellung gefällt werden. Ein Investor hat selbstverständlich Anspruch auf freien Blick zum Rhein. Hinter dem Hotel entsteht zur Zeit ein Park-Hochhaus und Bürogebäude, genannt „Haus der freien Berufe“. Die Bauvoranfrage für ein weiteres gigantisches Großprojekt auf dem noch freien Gelände von 33.000 Quadratmeter läuft bereits. Mit einer Genehmigung durch die Stadt Bonn und die Absegnung durch alle politischen Gremien ist mit Sicherheit zu rechnen. Eine schöne landschaftliche Lage ist für Politiker und Investoren ein Verkaufsargument, weiter nichts. Die Erhaltung von Natur wird sofort vergessen, wenn ein sogenannter Investor mit Geldbündeln winkt.
Auch das letzte größere freie Grundstück in Beuel, das sogenannte „Rathausdreieck“ westlich vor dem Beueler Rathaus steht nun zur Bebauung an. Hier sollen ein fünfgeschossiges Hauptgebäude entlang der Sankt-Augustiner-Straße, ein viergeschossiges Eckgebäude zur Friedrich-Breuer-Straße, ein eingeschossiger Pavillon am Rathausvorplatz und eine Tiefgarage unter dem Rathausvorplatz entstehen. In den zwei Gebäuden am Konrad-Adenauer-Platz sind ein neues Ärztehaus, ein Supermarkt sowie neue Innen- und Außengastronomie vorgesehen.
Auf dem Grundstück hätte auch eine ansprechenden Parkanlage angelegt werden können. Und das ohne Kosten für die Stadt Bonn. Ein Bonner Gärtnermeister hatte bereits einen Entwurf vorgelegt und Bonner Gartenbaubetriebe hatten angeboten, die Grünflächen in Partnerschaft zu pflegen und angesichts der guten Sichtbarkeit eine „Ganzjahres-Gartenschau“ als Darstellung ihrer fachlichen Kompetenz zu zeigen. Aber dieser Vorschlag fand keine Zustimmung, weder in der Stadtverwaltung noch bei den Bonner Parteien. Verständlich - er hätte ja zu keiner Steigerung des Betonverbrauchs geführt.
Die Frage, ob im „Beueler Rathausdreieck“ eine Parkanlage erstellt werden sollte, wurde auch in der Internet-Umfrage der Stadt Bonn im vorigen Jahr (Bürgervorschlag B852 bei „Bonn packt’s an“) gestellt. Von den Bürgerinnen und Bürgern die sich zu diesem Thema äußerten, stimmten ca. 75% für den Park und gegen die Bebauung. Dazu zwei kurze Kommentare von Beueler Bürgern:
„Fühle mich ärztlich schon gut versorgt, Supermärkte stehen mir 5 zur Verfügung, Cafe kann ich an jeder Ecke trinken. Und ehrlich, einen großen Elektrofachhandel brauche ich auch nicht. Ich brauche einfach etwas Grünfläche, auf den mein Blick sich ausruhen kann und nicht schon wieder eine hohe Wand, die mir die Sicht versperrt.“
und „Eine schön gestaltete Grüne Oase im Herzen von Beuel ist tausendmal mehr wert, als die gleichen Geschäfte noch einmal bauen zu lassen. Ich schätze die individuelle Vielfalt der Geschäfte im Herzen von Beuel. Bitte rettet die grüne Lunge von Beuel und schafft Spielraum für Kinder und einen Augenschmaus für alle.“
Eine „grüne Lunge“, eine „Grünfläche“ – welchen Profit bringen die? So werden die Bonner Politiker einschließlich der Grünen gedacht und die Bebauung genehmigt haben. Als seien die Meinungen der Bürgerinnen und Bürger sowieso völlig bedeutungslos. Ebenso wie die in allen Sonntagsreden immer wieder geforderte Erhaltung und Förderung der Natur.
Herr Özdemir hat mit seiner Aussage zweifellos Recht - aber sie gilt für alle Parteien, einschließlich seiner eigenen.
Foto: BetonMarketing Deutschland GmbH

Im heutigen „General-Anzeiger“ (Freitag, 28. 10. 2011, Seite 15, Lokales) findet sich ein Artikel, der geradezu eine Ergänzung zu dem obigen Artikel hier in „rheinraum-online“ darstellt. Dort, wo die darin erwähnte „Baugrube gähnt“, sollen ab März 2012 die Bauarbeiten für das Büro Campus Rheinwerk 3 mit 20.800 Quadratmetern vermietbarer Fläche beginnen. Drei langgestreckte Baukörper sollen entstehen. Der „General_Anzeiger“ hat ein Bild, wahrscheinlich eine Computer-Simulation, abgedruckt, das einen Eindruck vermittelt, wie diese Gebäude am Rheinufer aussehen werden. Bäume sind auf dem Bild keine zu sehen. Die Bäume, die heute noch die Allee zum Rheinufer hin säumen, werden verschwinden. Man kann nur jeder Bonner Bürgerin und jedem Bonner Bürger empfehlen, mit dem Bild aus dem „General-Anzeiger“ auf dem Papier oder im Kopf einen Spaziergang zu der Baugrube am „Bonner Bogen“, direkt nördlich des Kamaha-Grandhotels zu unternehmen. Wenn man sich dann vorstellt, wie dieser Standort nach Fertigstellung der Bürogebäude aussehen wird, dann gewinnt man die Gewissheit, dass die Beteuerungen aller Bonner Parteien, CDU, SPD, FDP, Grüne und Linke, hinsichtlich Landschafts- und Naturschutz weiter nichts sind als heiße Luft. Das rücksichtslose Wirtschaftswachstum hat immer Vorrang.
@Julia Domna
Die Stadt muss entwickelt werden. Aber nicht um jeden Preis. Auf dem Bahnhofsvorplatz in Bonn steht ein gesichtsloser Klotz, mit noch einer zusätzlichen Einkaufspassage zur Diskussion, der rein gar nichts mit Bonn und seiner unmittelbaren Umgebung zu tun hat. Dieses Teil könnte auch in der tiefsten Provinz stehen….(Vielleicht geht ja die Entwicklung in diese Richtung). In allen Absichtserklärungen der Parteien und Dr. Stephan Eisel, kann man es aber anders wahrnehmen. Da steht so etwas wie „ Raum für Verkehr, Raum für Bebauung, Raum für Grün und Erholung…Seit dem ein Investor Geld bietet, sind alle auf „Tauchstation“.
In Beuel ist „das grüne Dreieck“ eigentlich noch ein guter Gegenpol zur Asphaltwüste, die sich – besonders optisch bis auf die Kennedybrücke fortsetzt. Ein Verlust wäre schmerzhaft.
Im Bonner Bogen sollte man optimistisch denken. Auch im Umfeld zeitgemäßer Glasbauten haben Bäume durchaus eine Daseinsberechtigung, sie werden mit Sicherheit kommen.
Hallo sigiW,
Sie haben sicherlich Recht: zwischen den neuen Bürogebäuden am Bonner Bogen werden zur Auflockerung des optischen Eindrucks einige Bäume gepflanzt. Trotzdem bin ich traurig wenn ich daran denke, dass die schöne Allee zum Rhein hin vor der jetzigen Baugrube nach Fertigstellung der Bürogebäude verschwinden wird weil der Investor eine freie Sicht zum Rhein fordert.