29. März 2012.

Die Stadt Bonn gewinnt einen neuen, schlagkräftigen Namensträger hinzu; neben einen ICE, ein Containerschiff und einen Lufthansa-Jet tritt die Bonn – auch unter dem Namen A 1413 bekannt, wird die Bonn seine Klassen-Geschwister in Puncto Leistungsfähigkeit noch übertreffen.

Das dritte Schiff der Klasse 702 der deutschen Marine soll laut Plan im September 2012 in Dienst genommen werden und stellt seine Vorgänger vor allem im Anschaffungspreis in den Schatten. Der Preis des Superschiffes ist mit seinen ca. 350 Millionen Euro etwa doppelt so hoch wie bei den ersten beiden Modellen „Berlin“ und „Frankfurt am Main“, möglich machen das die übliche Preissteigerung und weitere Wünsche an die Ausstattung.

Die Stadt Bonn reiht sich also in „die Riege prominenter Paten ein“ und dient nun als dritte Stadt, in der ein deutsches Parlament seinen Sitz hatte, als Namensgeber für eines der größten Kriegsschiffe der deutschen Marine. Grund genug ein Modell im Maßstab 1:100 im alten Rathaus der Stadt Bonn aufzustellen? Der Einsatzgruppenversorger Bonn ist als Versorgungsschiff für militärische und humanitäre Einsätze konzipiert. Was aber, wenn die Bonn an kriegerischen Handlungen teilgenommen hat? Die „Bonn“ hat dann wohl ihre Schlagkraft bewiesen, der Blick auf das Modell im Bonner Stadthaus könnte in der Folge andere Gefühle als Stolz bewirken und auf manche eine eher befremdliche Wirkung haben.

Der kulturelle Wert eines Modells im Maßstab 1:100 hängt immer am Blickwinkel des Betrachters – für Modellbauer ist dieses Schiff garantiert eine Augenweide. Den Verlust eines der größten Umsonst&Draußen Festivals (Rheinkultur, findet 2012 erstmals seit 29 Jahren nicht statt) in Deutschland und dem größten der Region, kann der kulturelle Wert des Modells aber in keinem Fall auffangen. Auch die Ausstrahlung der Stadt wird sich verändern: Nicht nur für Pazifisten, sondern für jeden friedliebenden Menschen vollzieht sich hier ein Wandel von musikalischer, abwechslungsreicher und kostenloser Kultur mit einem Besucherschnitt von weit über 100.000 Menschen in den letzten Jahren hin zu einem Kriegsschiff.

Vielleicht hätte man ähnliche Unterstützung für Rheinkultur aufbringen sollen, wie man das für die Anschaffung dieses Modells getan hat: bereits über die Hälfte der nötigen 10.000 Euro sind privat eingesammelt worden und das obwohl nur rund 50 Personen beziehungsweise Organisationen gespendet haben.

Vielleicht kann man dieses Modell aber auch als Mahnmal für die zunehmende Militarisierung des öffentlichen Raums und bisherige Kriegseinsätze der deutschen Marine betrachten und nicht als Imagewerbung der UNO-Stadt Bonn, in der auch das deutsche Grundgesetz erarbeitet wurde.

Apropos Grundgesetz: „Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf“ (Art 87a GG) – inwiefern ein solches Superschiff, dass die Einsatztruppen vor Ort über 45 Tage hinweg versorgen kann zur Verteidigung gehört und warum ein solches (Verteidigungs)Schiff dann noch ein Modell im Bonner Rathaus mit einem Kostenfaktor von zehntausend Euro braucht, wird in diesem Zusammenhang auch bei den ärgsten Unterstützern nicht erläutert.

Auch wenn sich die Stadt selbst nicht an der Finanzierung dieses Modells beteiligt und die Kosten durch private Spenden gedeckt werden, wäre das Geld in der Pleite-Stadt Bonn deutlich sinnvoller einsetzbar. Die Frage bleibt, ob sich die Stadt an der Ausstellung eines solchen Modells überhaupt beteiligen sollte – auch wenn es ein Geschenk ist.

„Ein Schiff wird kommen / Und meinen Traum erfüllen / Und meine Sehnsucht stillen“

Nana Mouskouri hat in den 70er Jahren die Sehnsucht nach einem Schiff und seiner Besatzung besungen und möglicherweise wird auch Bonns Sehnsucht nach Anerkennung, die die Stadt durch den Verlust des Status als Bundeshauptstadt verloren hat, gestillt. Der Traum, einem Kriegsschiff als Namenspate zu dienen, wurde bereits Wirklichkeit. Hoffentlich wird aus diesem Traum kein Alptraum und das Image der Stadt Bonn durch kriegerische Einsätze des Einsatzgruppenversorgers Bonn nicht beschädigt.

Foto: Wikipedia / EGV Berlin

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