Kein Festspielhaus zum 250. Geburtstag Beethovens

Roll over Beethoven

8. Mai 2012.

 

In unserer Rubrik „Mein Artikel“ präsentieren wir diese Woche eine kritische Auseinandersetzung mit dem geplanten Festspielhaus Beethoven in Bonn. Lohnt sich der Bau eines Tempels der klassischen Musik und wenn ja für wen?

Mit diesen und weiteren Fragen zum Thema hat sich unser Leser André Berbuir gelungen zynisch beschäftigt und kommt am Ende seines Artikels zu einem interessanten Vorschlag. Aber lesen sie selbst: (Die Red.)

 

Wenn ich den Namen Beethoven höre, denke ich an die 9. Sinfonie und an Schillers „Ode an die Freude“ aber auch immer an „Roll over Beethoven“ in der Version von Status Quo, obwohl ich diese „Schrammelband“ eigentlich gar nicht mag (die ELO-Version ist schon cooler). Eine Textzeile ist mir sofort im Ohr „Roll Over Beethoven, tell Tchaikovsky the news“. Das Original komponierte Chuck Berry, nahm es Mitte der ´50er Jahre auf und zeigte spätestens zu diesem Zeitpunkt einen Generationenwechsel an: Beethoven und Tchaikovsky sind überholt, Rock ’n’ Roll ist die Musik der Gegenwart.

Wer welche Musik und warum hört, ist mir eigentlich ziemlich Schnuppe. Früher kaufte man LPs und nahm Kassetten auf, jetzt sind es CDs oder MP3-Files die man sich aus dem Netz zieht. Man hört sich die Musik zu Hause, im Auto, unterwegs als MP3 oder wo auch immer an – ganz wie man es selber bevorzugt. Will ich einen Interpreten oder eine Band „live“ sehen, kaufe ich mir eine Konzertkarte und fahre bzw. gehe dahin. Es gibt überall größere und kleinere Hallen, wo diverse Interpreten auftreten und die Veranstalter müssen sehen, wie sie das entweder kostendeckend hin kriegen oder aber bei richtig angesagten Bands auch ganz gut Geld verdienen. Manche Eintrittskarten sind mittlerweile dermaßen teuer, dass man sich fragt, wer geht denn eigentlich dahin. Später erfährt man erstaunt, dass das Konzert ausverkauft war.

Nun stelle ich mir mal vor, dass ich ein großer Freund der klassischen Musik und der Oper wäre. Dann habe ich in unserer Region die Möglichkeit, entsprechende Häuser in Bonn, Köln oder sonst wo aufzusuchen. Wollte ich mal was besonderes Erleben, würde ich mir Karten für die Festspiele in Bayreuth oder Salzburg (versuchen) zu besorgen. Eintrittskarten für Opern oder klassische Konzerte sind in aller Regel subventioniert. An dieser Stelle will ich mir die Diskussion ersparen, wie hoch die Subventionen der Opernhäuser, Festspielhäuser usw. denn nun wirklich sind oder ob sich die Frage der Subventionierung durch Überalterung und natürliche Auslese bei den Besuchern in den kommenden Jahren sowieso von alleine lösen wird. Aber ein Statement aus dem Interview von Herrn OB Nimptsch im GA muss ich an dieser Stelle zitieren:“…Ich halte es zum Beispiel nicht für richtig, dass wir für einen Abend in der Oper bei einer Vollkostenrechnung 200.000 Euro aus dem Bonner Haushalt ausgeben, während über 50 Prozent der Zuschauer aus dem Rhein-Sieg-Kreis kommen.“ Für einen Abend in der Oper 200.000 Euro – Whow! Und über 50% der Zuschauer kommen aus dem Rhein-Sieg-Kreis – na Gott sei Dank – denn sonst würde es ja heute noch nicht mal voll. Aber nein so war das wahrscheinlich nicht gemeint, es sollte wohl eher bedeuten, dass sich der Rhein-Sieg-Kreis finanziell beteiligen soll. Dann sollte man aber auch bei den aktuellen Planungen schon daran denken, wie man z.B die Herkunftsländer der unzähligen ausländischen Gäste im neuen Festspielhaus zur Kasse bitten kann….

Womit ich mich aber auseinandersetzen will ist die These, dass die Kommunen in Sachen Kultur auch einen breiten gesellschaftlichen Auftrag haben und der Preisgestaltung selbstverständlich Grenzen gesetzt sind. Wer hat den Kommunen denn diesen „breiten gesellschaftlichen Auftrag“ zur Subventionierung von Opern oder klassischen Konzerten gegeben? Die sogenannte „breite Masse“ doch wohl nicht, die gehen lieber zu Andrea Berg, Helen Fischer oder Pur (die Reunion wird kommen) bis hin zu Adele, Coldplay, Rammstein oder was auch immer…… und zahlen mal locker 50 bis über 100 € pro Karte.

Was ich auch in der Zeitung gelesen habe. Ein großer Dirigent will nicht mehr in der Bonner Beethovenhalle auftreten, weil die Bedingungen dort nicht mehr zu vertreten wären. Ok – soll er halt woanders auftreten, und der, der den Künstler unbedingt erleben will, fährt dahin, wo er Auftritt.

Ja, die Bonner sollen ihr Alleinstellungsmerkmal – als Geburtsstadt Beethovens – nutzen. Genauso wie es Salzburg mit Mozart geschafft hat. Und als nächstes sollte unbedingt geprüft werden, ob die Produktion von Beethoven-Kugeln aufgenommen werden muss, damit nicht nur Haribo das Alleinstellungsmerkmal für den Bonn geprägten Süßwarenmarkt besitzt. Ach so – ja, die Touris kommen heute bereits auch – Dank Beethoven – nach Bonn. Dafür braucht man sich nur mal 5 Minuten vor das Geburtshaus Beethovens zu stellen.

Mit einem Festspielhaus werden auch architektonisch interessierte Menschen angezogen, dass Stadtbild verschönert und natürlich Arbeitsplätze geschaffen. Kann mir mal einer sagen wie viele?

Gerne setze ich mich dem Vorwurf aus, das Gesamte nicht genug überblicken zu können, die Chancen die das Festspielhaus der Stadt Bonn und der Region bietet nicht sehe, die Leistungen eines Beethoven oder Mozart nicht würdige, ich irgendwie kulturell dermaßen unterbelichtet bin, dass es sich nicht lohnt, darüber weiter zu diskutieren.

Auch wenn jetzt die Freundinnen und Freunde der klassischen Musik aufstöhnen werden und das elitäre Bildungsbürgertum kopfschüttelnd ihr Unverständnis ausdrücken mag.

Ich sage es mal so: Ein einflussreicher und elitärer Kreis sichert sich selber die Möglichkeit, die Musik live zu hören, die er hören will. Verbunden mit dem wunderbaren Statement, dass dieser Kulturgenuss natürlich allen Menschen offen steht. Dank der günstigen, subventionierten Preise sollte oder muss sich jeder Mensch so ein tolles Erlebnis gönnen. Pech nur, dass das so gut wie keiner macht bzw. vielleicht ein- zweimal im Jahr. Und so sind die Kulturbefliessenen unter sich – so wie sie es letztlich auch gerne haben.

Was rege ich mich eigentlich auf? Das Beethoven-Festspielhaus wird rein über private Gelder finanziert – ist doch super! 30 Millionen kommen von der Deutschen Post/DHL, weitere Unterstützung kommt von der privaten Wirtschaft, die IHK engagiert sich und weitere Großsponsoren und private Geldgeber werden gesucht. Der Bonner OB weiß, dass Beethoven in China ein Gigant ist – chinesische Unternehmen sollten gezielt für ein finanzielles Engagement in Bonn angesprochen werden, während das Beethoven-Orchester durch China tourte (6 Konzerte!). Toller Ansatz!!! Rammstein ist in den USA auch ein Gigant, der Madison Square Garden war vor 2 Jahren in 30 Minuten ausverkauft.

Und wenn das Ding mal steht, dann soll der Betrieb des Hauses über eine Betreiberstiftung gesichert werden: 39 Millionen vom Bund, 5 Millionen von der Sparkasse, 3 Millionen vom Rhein-Sieg-Kreis und 50.000(!) von der Stadt Bonn. Mit diesen „privaten“ Geldern werden dann jährlich 1,4 Mio. € erwirtschaftet ergänzt durch Kartenverkauf, Vermietungen und Geldern von weiteren Fördern.

Eine gute Idee hatte der Bonner OB und zwar die, mit der Stadt Köln zu kooperieren, um Geld zu sparen. Davon ist man aber scheinbar wieder weg. Stattdessen bleibt die Oper, bleibt die Beethovenhalle und das neue Festspielhaus soll noch hinzu kommen und das alles in einer Stadt von rd. 320.000 Einwohnern. Aber dafür gibt es keine Konzerte mehr auf dem Museumsplatz und die Rheinkultur ist auch beerdigt.

Ein „Haus der Musik“ – an Stelle eines elitären Festspielhauses – als kultureller Tempel für die Vielfalt der Musik und offen für jede Sparte – das wäre was! Und ich glaube, Beethoven hätte das auch gut gefunden.

Foto: JOKER

Artikel zum gleichen Thema

Zum Artikelarchiv ...

Vorheriger Artikel:

Nächster Artikel:

Artikel RSS
Kommentare RSS
rhein:raum Twitter