Der Einfluss der Medien im mittleren Osten und Nordafrika

Medienworkshop beim Global Media Forum 2012

28. Juni 2012.

Vom 25. bis zum 27. Juni konnten sich über 1.500 Vertreter aus Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft über Kultur, Bildung und die Rolle der Medien austauschen. Das von der Deutschen Welle inzwischen zum fünften Mal ausgerichtete World Media Forum im alten Bundestag in Bonn sollte drei Tage lang den interkulturellen Dialog über globale Probleme fördern. Das Kernelement bildeten hierbei die zahlreichen Workshops und Podiumsdiskussionen.

Die Themenschwerpunkte reichten von umweltpolitischen Themen wie nachhaltiger Entwicklung, über bildungspolitische Herausforderungen dieser Zeit oder globale Wissensvermittlung via Internet bis zur medienwirkungspolitischen Fragen, etwa wie moderne Medien über militärische Konflikte berichten und welchen Einfluss internationale Berichterstattung auf die politische Kultur lokaler Akteure entwickelt.

Der Einfluss der Medien auf die politische Kultur im mittleren Osten und Nord Afrika

Sobald es um den arabischen Frühling geht, wird auch der Einfluss Sozialer Medien wie Facebook oder Twitter beschworen. Immer wieder wird hervorgehoben, wie die jungen, internetaffinen Generationen Aufrufe zu Versammlungen und Protesten via Twitter starten, Medienvertreter informieren sich über aktuelle Ereignisse in Syrien, indem sie auf (Quellen wie) Facebook-Profile vermeintlicher Protagonisten der Zivilgesellschaft oder Opposition zurückgreifen.

Aber welche Rolle spielen Medien in den politischen Veränderungen der Region? Und wie ist der Einfluss sozialer Medien zu bewerten? Welche Rolle spielen neue Medien wirklich?

Diesen Fragen widmete sich am ersten Konferenztag ein Workshop, der von der Konrad Adenauer Stiftung organisert wurde. Zu den Diskutanten auf dem Podium gehörten Shahira El Rafei, leitende Redakteurin der größten ägyptischen Tageszeitung Al-Ahram, die Freie Journalistin und Autorin Jasna Zajcek, die unter anderem für die TAZ und Le Monde Diplomatique aus dem Libanon und Syrien berichtet sowie die Politikwissenschaftler Omar Abassi aus Marokko und Oraib Al Rantawi aus Jordanien. Moderiert wurde die Diskussion von Anne Allmeling.

Im Mittelpunkt der Diskussion standen dabei die unterschiedlichen Rollen der staatlichen und privaten Medien. So warf etwa Shahira El Rafei die Frage auf, wie man sich eine positive Rolle der ägyptischen Medien beim politischen Entwicklungsprozess unter den derzeitigen Bedingungen vorstellen solle und verwies auf die Berichterstattung des staatlichen Fernsehens oder des Privat-Senders Al-Mehwar. „Erst haben sie Mubarak mit Lobeshymnen überhäuft, jetzt kommen sie nicht mehr aus dem Schwärmen für die Revolution.“ Es könne nicht als Fortschritt bezeichnet werden, wenn jetzt lediglich neue Akteure hochgepriesen würden. Eine kritische Auseinandersetzung sei wichtig, um die Bevölkerung auch zu befähigen, sich kritisch gegenüber Führungspersonen, auch aus dem eigenen politischen Lager zu verhalten. Es könne keine politische Kultur wachsen, wenn die Medien nur nach neuen Heilsbringern suchten.

Dabei sieht sich auch ihr eigenes Blatt, die staatliche Zeitungs Al-Ahram, dem Vorwurf ausgesetzt, die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz lange Zeit verschwiegen und dann heruntergespielt zu haben. Die meisten ägyptischen Medien stecken so in einem Dilemma. Der journalistische Anspruch kann nicht immer aufrechterhalten werden, solange ein Informationsministerium die Ausgaben auf „Korrektheit“ überprüft. Weil viele Ägypter den heimischen Fernsehsendern und Zeitungen misstrauen und sie der Lüge bezichtigen, weichen sie auf panarabisches Satelliten-TV aus. Nach Oraib Al Rantawi könne man deren Einfluss gar nicht überschätzen. Eine einzige Polit-Talkshow auf Al Jazeera erreicht immerhin 15 Millionen Zuschauer. Die meisten arabischen TV-Stationen unterstehen allerdings den Königshäusern der Golsstaaten. Al Arabiya ist fest in der Hand der saudischen Königsfamilie, Al Jazeera gehört dem Emirat Katar. Während die beiden Sendergruppen Sondersendungen zu den Protesten in Tunis und Kairo sendeten, hielt sich ihr investigatives Engagement bei den Protesten im Königreich Bahrain merklich in Grenzen. Um die Beurteilung der Rolle Al Jazeeras entbrannte auch sogleich eine angeregte Debatte. Jasna Zajcek, die zu Beginn der Massendemonstrationen in Syrien war, warf dem Sender vor, Öl ins Feuer zu gießen. Al Jazeera erfülle journalistische Ansprüche nur unzureichend, wenngleich der Sender für viele eine geeignete Alternative zum syrischen Staatsfernsehen darstelle. Oraib Al Rantawi ging noch weiter. Es stelle sich viel mehr die Frage, ob die panarabischen Sender Teil der Revolution oder Teil der Konterrevolution seien. Verschiedene Vertreter der Opposition kämen nicht adäquat zu Wort, salafistische Gruppen seien überrepräsentiert, die Berichterstattung in diesem Bezug unkritisch.

„Give Al-Jazeera some credit“

Eine Teilnehmerin aus dem Auditorium widerspach dem zwar nicht grundsätzlich, hob aber auch den Verdienst des Senders Al-Jazeeras hervor.

Bei aller berechtigten Kritik sei immer noch festzuhalten, das mit seiner Gründung 1997 erstmals ein panarabischer Informationssender etabliert wurde, der die nationalen Regierungen und politischen Systeme in vielen Punkten deutlich kritischer betrachtet, als die nationalen Medien selbst. Al Jazeera hat eine Öffentlichkeit geschaffen und sie weiter politisiert. „Give Al-Jazeera some credit.“ Die Berichterstattung ist natürlich mit Vorsicht zu genießen. Die Abhängigkeiten des Senders kennen aber auch viele Zuschauer. Das Beispiel Syrien zeigt zudem, wie schwer es ist, vertrauenswürdige Informationen zu erhalten. Eine wirklich verlässliche Quelle gibt es nicht. So berichtete Jasna Zajcek von CNN-Journalisten, die als embedded-journalists der „Freien Syrischen Armee“ durch den Norden des Landes reisten. Es sei daher kaum möglich, zuverlässige Informationen zu erhalten. Jede Gruppe getöteter Menschen, könne als Rebellen, Freiheitskämpfer, Soldaten oder Zivilisten bezeichnet werden. Es komme somit darauf an, wer die Geschichte erzähle.

Diese Feststellung trifft auch auf die zahlreichen Blogs und YouTube-Kanäle zu. Der Konflikt ist immer auch ein Kampf um die Deutungshoheit.

Facebook und Co. nicht überbewerten

Traditionelle Medien spielen immer noch die entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Informationen und der Färbung politischer Sachverhalte. Die Bedeutung der sozialen Medien nimmt allerdings stetig zu. Vor allem in Ägypten schaffe die jüngere Generation so eine Art Gegenöffentlichkeit. Mit einem Anteil von 40 Prozent sind insbesondere junge, städtische Frauen so am gesellschaftlichen Diskurs beteiligt. Auch lassen sich die inzwischen 1 Million Twitter-Accounts weniger leicht kontrollieren. Trotz dieser positiven Entwicklungen und Möglichkeiten, sollte man den Einfluss von Facebook und Co. nicht überbewerten. Es stellt sich dabei schließlich die Frage, wie repräsentativ die Online-Aktivisten für die Bewegung vom Tahrir-Platz wirklich ist. So muss etwa die Frage gestellt werden, ob ein Internetzugang nicht ein Privileg darstellt, entzündeten sich die Proteste in Ägypten, ähnlich wie in Tunesien, doch Anfangs auch wegen dem gestiegenen Brotpreis.

Die Diskussion, die sich schnell zu einer wirklich interessanten Auseinandersetzung über Medienmacht und Gegenöffentlichkeit entwickelte, konnte ihren Anspruch letztlich jedoch nicht einlösen. Der Politologe Omar Abassi, der in einem Anfangsstatement aus seinem Heimatland Marokko berichtet hatte, kam im Laufe der Debatte kaum noch zu Wort. Der anhaltende Bürgerkrieg in Syrien und die jüngsten Entwicklungen in Ägypten drängten das weniger präsente Thema Marokko schnell an den Rand. In gewisser Weise offenbarte die Fokussierung auf den militärischen Konflikt in Syrien und den Machtkampf in Kairo, wie sehr sich auch die Workshopteilnehmer nach der inländischen Medienagenda richten.

Foto: © Deutsche Welle/M. Müller

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