Stellungnahme der Werkstatt Baukultur

Kulturelles Zentrum statt weiterem Einkaufszentrum

30. August 2012.

Die Werkstatt Baukultur hat sich mit einer Stellungnahme zu den aktuellen Planungen im Victoriakarree an die Öffentlichkeit gewandt. Darin wendet sich sie sich gegen die von der Stadt bevorzugte Schaffung eines neuen Einkaufszentrums.

Hier der Text im Wortlaut:

Stellungnahme zu den aktuellen Entwicklungen des Viktoriakarrees

Durch die aktuellen Planungen im sogenannten Viktoriakarree sahen wir uns als Werkstatt Baukultur veranlasst, durch eine Podiumsdiskussion einer größeren Öffentlichkeit die städtebaulichen Überlegungen für dieses Quartier aufzuzeigen und neue Vorschläge hierfür zu unterbreiten. Die von der Stadt bevorzugte Schaffung eines Einkaufszentrums erscheint uns wenig originell: Angesichts der bereits bestehenden sehr guten Einkaufsmöglichkeiten in der Bonner Innenstadt halten wir neue Einkaufsflächen für unnötig, zumal selbst in besten Lagen immer mehr Leerstand festzustellen ist.

Des Weiteren sind die Planungen bisher nur mit wenig Bedacht für die vorhandenen kulturellen Institutionen vorangeschritten. Dies betrifft insbesondere die Gedenkstätte der Bonner Opfer der Nationalsozialismus, die in den Neubauplänen keinerlei Erwähnung findet.

Die Werkstatt Baukultur schlägt die Schaffung eines kulturellen Zentrums Viktoriakarree vor, bei dem kulturelle Nutzungen mit erster Priorität umgesetzt werden sollen, Wohnnutzung mit zweiter, Einkaufsangebote und Gastronomie mit dritter Priorität. Wir fordern die Stadt auf, die Entwicklung selber zu gestalten und ihre Grundstücke und Immobilien nicht zu verkaufen.

1. Das Stadtmuseum ist in seiner zentralen Lage unbedingt zu erhalten. Dies entspricht insbesondere den Maßstäben der Ressourcenschonung, da der im städtischen Besitz befindliche Flügel an der Franziskanerstraße erst 1998 unter Millionenaufwand saniert und neu gestaltet wurde. Darüber hinaus kämen für den Fall eines Umzugs erhebliche Kosten auf die Stadt zu, da ein sachgerechter Transport der Exponate sowie die Einrichtung neuer Museumsräumlichkeiten, für die per se strengere Auflagen gelten, teuer ist. Das Stadtmuseum muss im Zentrum Bonns erhalten bleiben und hier weiter verankert werden.

2. Die Beibehaltung der Gedenkstätte der Bonner Opfer des Nationalsozialismus an jetziger Stelle ist ebenfalls zu gewährleisten. Der Stadt kommt hier auch die Rolle zu, für eine angemessene Wahrnehmung der Bedeutung dieser Forschungsstelle Rechnung zu tragen.

3. Der Gedanke der Ansiedlung des Stadtarchivs im Viktoriakarree wurde in den lokalen Medien bereits diskutiert und wird von uns mit Nachdruck unterstützt. Das kulturelle Profil könnte hierdurch geschärft und hervorragende Synergien mit den vorhandenen Kulturinstitutionen erzielt werden.

4. Mit der Universität Bonn, die sich im Bereich des Viktoriakarrees erweitern möchte, stünde ein sogenannter Anchor-Mieter zur Verfügung, wodurch einerseits sichere Einnahmen gewährleistet sind und andererseits die kulturelle Schwerpunktbildung abgerundet würde. Auch hier entstehen wertvolle Möglichkeiten der Kooperation und des Austauschs.

Durch diese Anregungen soll die Ansiedlung von Einzelhandel keinesfalls beeinträchtigt sein. Eine Mischnutzung nach der geschilderten Priorität ist in jedem Fall wünschenswert. Sofern hierfür bauliche Veränderungen vorgenommen werden, sollen Teile des Baubestands unbedingt einbezogen und weiterentwickelt werden: Das Viktoriabad beherbergt eine der größten farbigen Fenstergestaltungen des Rheinlands; der Flügel mit der Travertin-Fassade zur Franziskanerstraße soll erhalten bleiben und weiter als Träger der Stahlskulptur „Wellenbewegung“ von Günther Ferdinand Ris dienen.

Eine Einlagerung dieser Kunstwerke ist wenig sinnvoll, da damit klar ist, dass diese in den Depots verstauben und aus dem Bewusstsein verschwinden. Das Foyer des Viktoriabads ist ein gutes Beispiel für Raumgestaltung der Nachkriegsmoderne und ihre Weiterentwicklung in der Gegenwart. Dieser Raum, der das Café Blau beherbergt, soll in seiner jetzigen Form beibehalten und ggf. weiterentwickelt werden.

 

Foto: (c) Yannik Maihoff

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