Demo: 25.000 fordern Agrarwende in Berlin

Für eine bäuerliche, solidarische, ökologische Landwirtschaft

21. Januar 2013.

Am Samstag haben sich in Berlin zu Beginn der weltweit größten Landwirtschaftsmesse, der „Internationalen Grünen Woche“ über 25.000 Menschen unter dem Motto „Wir haben es satt! Gutes Essen. Gute Landwirtschaft. Jetzt!“ trotz -5°C und beißendem Wind versammelt und ein Ende der Agrarindustrie gefordert.

Schon das dritte mal in Folge findet diese Demonstration jetzt statt, die Forderungen konnten sich bisher kaum verändern. Zahlreiche Aktionen über das Wochenende machten Druck, 70 Trecker aus ganz Deutschland sind angereist, Imker protestierten vor dem Kanzleramt gegen die Agrarlobby-treue Politik der Bundesregierung, die Slow Food Jugend mobilisierte mit einer „Schnippeldisko“.

Imker bildeten einen eigenen Block in der Demonstration, ein Wagen mit einem am Galgen baumelnden Imker sowie Plakate wie „Mein zukünftiger Job: Bestäuber“ machten auf den alarmierenden Zustand der Bienen aufmerksam. Bienen und andere Insekten leiden unter der industriellen Landwirtschaft, die mit starkem Einsatz von Pestiziden, mit der „Vermaisung“ der Landschaft zu Gunsten von Agrosprit und Biogas nicht nur die Artenvielfalt schwinden lässt, sondern direkt zu einem dramatischen Bienensterben führt. Die Folgen sind allerdings weitreichend: 70 Prozent der Nahrungsmittelproduktion und damit auch die Lebensmittelsicherheit, hängen von Bienen als Bestäubern ab! Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), kritisierte in seiner Rede vor dem Kanzleramt am Schluss der Großdemonstration: „Hoffentlich hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Rundgang auf der Grünen Woche nicht von den potemkinschen Dörfern der Agrarindustrie blenden lassen. Hinter dem schönen Schein der Messestände verbergen sich millionenfaches Tierleid, ein exorbitanter Antibiotikaeinsatz bei Masttieren und enorme Belastungen der Umwelt durch die Massentierhaltung. In der Agrarpolitik Deutschlands und der Europäischen Union sind neue Weichenstellungen überfällig. Die Bundesregierung mit Kanzlerin Merkel und Agrarministerin Aigner muss endlich dafür sorgen, dass bäuerliche Betriebe anstatt vor allem Tierfabriken gefördert werden.“ Eine solche Politik nütze nicht nur dem Tierschutz und den Landwirten, sie schaffe auch die Voraussetzungen für mehr Umwelt- und Verbraucherschutz.

Ebenso machten Gegner von Tierfabriken in Tierkostümen auf die Tierquälerei, den Antibiotikamissbrauch, Brutstätten von Killerkeimen in Großanlagen, Futtermittelimporte mit Gentechnisch verändertem Soja aufmerksam. Ein „Bankster“ jonglierte mit Früchten, die Nachricht war eindeutig: „Mit Essen spielt man nicht- Lebensmittelspekulation stoppen“. Aktivisten der jungen Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft“ hatten einen Traktoren -hänger geschmückt: Leguminosa, die Königin des Ackerbaus, thronte darauf um für die in der Biolandwirtschaft verbreitete Nutzung der Stickstoffbindenden Hülsenfrüchte als Ersatz für Stickstoffdünger zu werben. Auch zahlreiche Bauernverbände machten auf die prekäre Lage der bäuerlichen Landwirtschaft aufmerksam und forderten die Subventionsvergabe an ökologische, soziale sowie Tierschutzkriterien zu binden, an statt, wie momentan, Betriebe nach Größe zu Subventionieren.

„Trotz bisher durchgeführter Milchstreiks, dem Bäuerinnen-Camp vorm Kanzleramt und mehrerer Demonstrationen in Brüssel hat sich an der Situation der Milchbauern nichts verbessert“, sagte Johanna Böse-Hartje vom Bundesverband der Deutschen Milchviehhalter. „Die Politik geht den Weg der Liberalisierung, den Weg der Vernichtung bäuerlicher Betriebe weltweit. Nur wenn Bauern und Bürger zusammen für eine Reform der Agrarpolitik stehen, können wir unsere Bauernhöfe erhalten und erreichen, dass wir endlich unter fairen Bedingungen gesunde Lebensmittel erzeugen können.“

Die Bilanz der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP), die die Demonstranten am Wochenende ziehen, ist düster. Durch Subventionierung der Agrarindustrie wurden kleinbäuerliche Familienbetriebe in den Ruin konkurriert, die Landwirtschaft nach den Regeln der Industrie betrieben. Doch die Folgen gehen über die Grenzen hinaus: „Die heutige EU-Agrarpolitik bedroht die Existenz von Bäuerinnen und Bauern in den Ländern des Südens und damit deren Ernährungssicherung. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass eine Steigerung unserer landwirtschaftlichen Produktion und entsprechende Exporte in Entwicklungsländer einen Beitrag zur Hungerbekämpfung leisten können. Das Gegenteil ist der Fall“, so Volker Kasch, MISEREOR.

Schon am Freitag Abend machte sich ein Bus aus Bonn nach Berlin auf. Diethelm Schneider, Vorstandsmitglied der BUND Kreisgruppe Bonn und Betreiber der Informationsplattform www.oekologie-forum.de, hat den Bus schon das dritte mal organisiert. Auch ihn treibt die industrielle Landwirtschaft nach Berlin: „Das Bienensterben ist nur eine logische Konsequenz der industriellen Landwirtschaft.Nachhaltig und zukunftsfähig ist also nur der ökologische Landbau,“ erklärt er. „Fehlen blühende Ackerrandstreifen oder Hecken, wie es in der auf den Maschineneinsatz optimierten industriellen Landwirtschaft normal ist, so haben […] Insekten als natürliche Regulatoren keine Chance und damit geht das natürliche Gleichgewicht verloren“, sagt der Umweltaktivist. Auch in Bonn ließen sich zahlreiche Alternativen zum gegenwärtigen Agrarmodell leben, meint Diethelm Schneider. „Ich bin der Meinung, dass auf dem Meßdorfer Feld flächendeckend Biolandwirtschaft betrieben werden sollte, zum Beispiel durch solidarische Landwirtschaft mit dem Gut Ostler.“ Solidarische Landwirtschaft ist ein Konzept, wo sich VerbraucherInnen und Landwirte zusammen tun und eine Versorgungsgemeinschaft gründen, wie es auch das Gut Ostler in Bonn plant. Vielleicht eignet sich auch das Gelände der Ermekeilkaserne zum Thema „urban gardening“.

Die Demonstration bewertet er positiv: „Trotz Kälte waren es viele Menschen, die ein öffentliches Signal gesendet haben, dass die Bewegung nicht abebbt. Es sind immer noch wichtige Themen und es ist deshalb dringend notwendig, den Druck auf die Politiker aufrecht zu erhalten, ins besondere durch solche öffentliche Zeichen.“

Das Jahr 2013 birgt mit der Bundestagswahl und der möglichen Reform der Subventionsvergabe auf EU-Ebene die Chance, eine Agrarwende einzuläuten. Diese käme nicht gerade früh, der Zustand unserer Erde lässt angesichts des voranschreitenden Klimawandels, des Boden- und Artenverlustes, des Bienen- und Höfesterbens usw. kein langes aufschieben zu.

Dass dieses Signal auch durch die Schallschutzwände der Grünen Woche und des Kanzleramtes ankommt, bleibt nicht abzuwarten, sondern aktiv zu unterstützen, appelliert Diethelm Schneider: „Informiert euch, findet zivilgesellschaftliche Gruppen und schließt euch ihnen an oder gründet selbst eine. Engagiert euch, dann können wir etwas voranbringen!“.

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Foto: Laurin Berger

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