7. Februar 2013.

Ende 2. Quartal 2013 zieht das „Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr“ (BAIUDBw) aus der Ermekeilkaserne in der Bonner Südstadt aus. Was dann kommt ist (noch) umstritten. Die Bürgerinitiative zur zivilen Nutzung der Ermekeilkaserne beschäftigt sich schon seit 2005 mit den Möglichkeiten der Umnutzung der Kaserne. Nun hat sie einen umfangreichen Entwurf für ein integratives Nutzungskonzept erarbeitet, das das Gelände sinnvoll an die Bedürfnisse der Bonner Bürger anpassen soll. Ziel der Initiative ist, ein Generationen verbindendes, ökologisch nachhaltiges, inklusives und Interkulturelles Quartier zu gestalten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen viele Aspekte berücksichtigt werden, dazu gehören die Themen Kultur, soziale Aspekte, Generationenmischung, Wohnen, Öffentlicher Lebensraum, Ökologie, Mobilität und Arbeit.

Aufgrund der besonderen Lage und der Größe – immer hin 24,700 qm – kann es jedoch zu Nutzungs- und Interessenskonflikten kommen, denn auch viele Investoren haben großes Interesse an einer lukrativen und gewinnbringenden Vermarktung des Geländes.

Über das Nutzungskonzept der Initiative und eine mögliche zivile Zukunft der Kaserne, haben wir mit Britta Körschgen gesprochen! Britta Körschgen ist, auf gemeinschaftliche Wohnformen spezialisierte, Architektin in Bonn und in der Initiative für die zivile Nutzung der Ermekeilkaserne aktiv. Sie hat federführend an der Erarbeitung des Integrativen Nutzungskonzeptes mitgewirkt.

Wie sieht es konkret mit der Umgestaltung der Ermekeilkaserne aus, was sind die Schwerpunkte der Inititiave und was möchtet ihr erreichen?

Britta Koerschgen: „Wir möchten erreichen, dass der Standort Ermekeilkaserne ein Ort der Vielfalt und des Zusammenlebens in neuen Nachbarschaften wird. Auch die Bewohner der Südstadt sollen in das Gesamtkonzept einbezogen werden und ein Austausch zwischen den neuen und alten Bewohnern stattfinden. Weitere Ziele sind die Realisierung eines interkulturellen Bürger- und Stadtteilzentrums, das ein Quartiers-Mittelpunkt werden soll. Es soll als Kommunikations-Plattform, als Treffpunkt für den Nachbarschaftaufbau und eine soziale Vernetzung im Quartier, sowie als Austauschplattform für einen interkulturellen Dialog dienen.

Neben diesem interkulturellen Bürgerzentrum verfolgen wir als weiteres Ziel, dass erschwinglicher Wohnraum realisiert werden soll – auch für niedrigere Einkommensschichten. Wir möchten, dass verschiedene gemeinschaftliche Wohnprojekte von Baugruppen umgesetzt werden: Unter anderem ein Co-housing-Projekt und Mehrgenerationswohnprojekte.“

[Co-housing: Modell aus Skandinavien, wo sich Gemeinschaften der Größe von einem Haus bis zu einer Siedlung bilden, um gemeinsamen Besitz und Nutzung von Freizeitanlagen, Haushaltsgeräten und Räumen, um das Zusammenleben der Nachbarn sowie um die effiziente Zusammenlegung von Alltagsaufgaben zu verwirklichen. Anm. der Redaktion]

Ihr habt auch andere Faktoren in eurem Nutzungskonzept genannt, wie Mobilität, Ökologisch nachhaltiges wohnen sowie ein anderes Gemeinwesen.

Britta Koerschgen: „Wichtig ist uns, dass ein ganzheitlicher Planungsansatz umgesetzt werden soll und ein Generationen-verbindendes ökologisches, nachhaltiges und inklusives Quartier entstehen soll.“

Wie soll dass Konzept umgesetzt werden, welche Teilschritte seht ihr, welche Hindernisse bestehen?

Britta Koerschgen: „Es ist ja so, dass das Gelände der Bundeswehr bzw. der BImA (Bundesanstalt für Immobilien Aufgaben) gehört, und Mitte des Jahres frei werden und dann verkauft werden soll. Wichtig wäre es, dass die Stadt ihr Erstzugriffsrecht ausübt, damit überhaupt die Möglichkeit besteht, Zugriff auf das Grundstück zu bekommen und nicht letztendlich nur der höchst bietende Investor den Zuschlag erhält. Auf Grund der Lage des Geländes, das wirklich ein Filetstück von Bonn ist, gibt es natürlich sehr viele Interessenten und Investoren, die das Grundstück erwerben wollen, um dort lukrative und hochwertige Eigentumswohnungen zu vermarkten. Da will die Initiative mit ihrem Ansatz versuchen, im Sinne der Interessen breiterer Bonner Bürgerschaften, ein anderes Konzept zu verwirklichen.“

Es besteht also durchaus ein Nutzungskonflikt zwischen den Investoren und dem Anliegen der Initiative?

Britta Koerschgen: „Zunächst insbesondere ein Interessenskonflikt.“

Es ist ja ein sehr umfangreiches Projekt, es steht ein gewisses Ideal von Stadtplanung dahinter. Gibt es bereits vergleichbare Projekte, die man zu Rate ziehen kann?

Britta Koerschgen: „Ja, es gibt durchaus das ein oder andere was in der Richtung realisiert worden ist. Zum einen das schon etwas länger existierende Projekt in Freiburg, die Siedlung Vauban. Ein weiteres, für uns sehr interessantes Modellbeispiel, ist das Projekt Möckernkiez in Berlin. Das ist von der Größe her fast vergleichbar mit dem Ermekeil-Gelände. Die Ermekeilkaserne hat rund 25.000 Quadratmeter Fläche, der Möckernkiez sogar 30.000 qm und dieses Projekt wird komplett von einer bürgerschaftlich ins Leben gerufenen Genossenschaft realisiert.“

[Das Quartier „Vauban“ , auf ehem. Französischem Militärgelände, ist ein z.T. Autofreier Stadtteil von Freiburg mit einer Solarsiedlung, 600 Arbeitsplätzen und 4.800 Einwohnern. Der Möckernkiez ist ein im Bau befindliches gemeinschaftliches und Generationen verbindendes Wohnprojekt, das ökologisch nachhaltig, barrierefrei, interkulturell und sozial integrativ sein soll. Anm. d. Red.]

Und wie kann man da eine Bilanz ziehen, hat das gut funktioniert?

Britta Koerschgen: „Das Möckernkiezprojekt tritt zur Zeit in die Bauphase ein. Die Siedlung Vauban in Freiburg läuft sehr gut, ist aber kein reines Genossenschaftsprojekt.“

Du hast bereits das Genossenschaftssystem angesprochen. Ist das, vor dem Hintergrund der leeren Stadtkassen in Bonn, auch eine Idee zur Finanzierung für die Ermekeilkaserne?

Britta Koerschgen: “Das erste Ziel, das wir jetzt verfolgen, ist, eine gemeinsame Entwicklungsgesellschaft zu gründen, in der zum einen die Stadt vertreten ist und zum anderen ein Investor, der das Kapital hat, um das Gelände zu kaufen, denn die Stadtkassen sind ja leer. Als dritter Partner im Bunde dieser Entwicklungsgesellschaft soll die Initiative vertreten sein. Im zweiten Schritt ist dann der Ansatz, dass eine Genossenschaft gegründet wird, an der sich möglichst viele Bonner Bürger mit solidarischem Kapital beteiligen können. Ein Rechenbeispiel: Wenn beispielsweise 1.000 Leute 1.000 EUR geben, hat man schon 1.000.000 € zusammen, und dieses geliehene Kapital kann durchaus auch verzinst werden. Es kann eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten entstehen: Einmal für die Stadt, die Einfluss auf die Gestaltung ihres städtischen Raums behält und zudem preisgünstigen Wohnraum für ihre Bewohner vorhalten kann – aktuell eine Mangelware in Bonn. Zum anderen profitieren die Bürger, die neben der Möglichkeit zur Mitgestaltung ihres Lebensumfeldes, auch von einem preisgünstiger Wohnraumangebot und von der Verzinsung ihrer Kapitaleinlage profitieren können.“

Du hast euer integratives Nutzungskonzept vorgestellt und als den nächsten anstehenden Schritt die Inanspruchnahme des Erstzugriffsrecht der Stadt dargestellt. Ist das auch euer nächster Meilenstein? Wo steht ihr in der Planungsphase?

Britta Koerschgen: „Wir haben jetzt dieses integrative Nutzungskonzept erarbeitet und das ist eine Grundlage mit der wir dann in weitere Gespräche mit Politik, Verwaltung und potentiellen Bündnispartnern, sowie möglichst vielen Bürgern eintreten wollen. Wir wollen das Interesse der Bürger wecken und sie motivieren diese Idee mitzuentwickeln und mitzutragen. Und dann ist das nächste dringliche Ziel, das jetzt ansteht, dass der Stadtrat eine Absichtserklärung zum Erwerb dieses Grundstückes geben muss und die Verwaltung beauftragt wird, die nötigen Dinge vorzubereiten und in die Verkaufsverhandlungen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) zu treten. Das ist jetzt das erste zu erreichende Ziel.“

Wie lange seit ihr jetzt schon dabei, dieses Ziel zu verwirklichen?

Britta Koerschgen: „Die Initiative hat sich im Herbst 2005 gegründet und seitdem engagieren sich eine Reihe von Bürgern. Seit letzten Herbst steht das Datum `Mitte 2013` für die endgültige Räumung der Kaserne fest und dadurch gibt es für uns nun mehr Zeitdruck, denn es ist jetzt echter Handlungsdruck entstanden.“

Du hast viele eurer Motivationen angesprochen – zum Beispiel keine Trennung von Wohnen und Arbeiten oder neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens wie Co-housing. Viele davon stellen eine Neuerung im Vergleich zur momentanen Nutzung der Stadt dar. Welches Gesellschaftsbild oder Modell von Gesellschaft steckt dahinter?

Britta Koerschgen: „Zum einen möchten wir das Thema Nachhaltigkeit berücksichtigt sehen, auf verschiedenen Ebenen: Ökologische Gesichtspunkte und auch den der Generationenmischung. Außerdem ist uns ein wichtiges Anliegen, mit diesem solidarischen Projektansatz aufzeigen zu können, welche Kraft und Potenziale zur Mitgestaltung die Bürger selber an der Hand haben. Oft hat man ja das Gefühl, sich nur mittellos in der Hand von Investoren zu befinden und da nichts entgegensetzten zu können. Dieses solidarische Modell zeigt eine Möglichkeit auf, wie man durch gemeinschaftliches Handeln sein Lebensumfeld mitgestalten kann und zudem auch noch erschwinglichen Wohnraum schaffen kann – und das trotz knapper öffentlicher Kassen.“

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Laurin Berger

Ermekeilkaserne Zivil! Initiative zur zivilen Nutzung der Ermekeilkaserne from Netzwerk Friedenskooperative on Vimeo.

Fotostrecke Ermekeilkaserne

Fotostrecke Markt der Möglichkeiten

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