20. Februar 2013.

Studenten WGs, Kommunen oder Mehrgenerationswohnen sind in Deutschland bekannt, doch vom sogenannten „Cohousing“ werden wohl noch nicht viele gehört haben. In diesen Gemeinschaftsprojekten, die in Ihrer Größe von einem Haus bis zu einer ganzen Siedlung variieren können, geht es um gemeinsamen Besitz und Nutzung von Freizeitanlagen, Haushaltsgeräten und Räumen, um das Zusammenleben der Nachbarn sowie um die effiziente Zusammenlegung von Alltagsaufgaben. Dass dabei sowohl eine ressourcenschonende Lebensweise entsteht als auch ein anderes soziales Miteinander, war auch vor über 30 Jahren schon Ziel der Begründer des Modells in Skandinavien.

Die VHS Bonn bietet zu diesem Thema im März einen Vortrag an. In der Ankündigung heißt es: “`Cohousing´ – das schwedische Modell für gemeinschaftliche Wohnprojekte. In Skandinavien haben gemeinschaftliche Wohnprojekte eine lange Tradition. Sie weisen häufig deutlich stärkere Elemente von Gemeinschaftsorientierung als die deutschen Projekte auf. Dies zeigt sich sowohl in der Gestaltung und Finanzierung der Gemeinschaftsbereiche als auch in der Art der Organisation des Zusammenlebens. Der Dozent wird die Besonderheiten des schwedischen Modells des „Cohousing“ vorstellen. Dabei fließen Erfahrungen und Eindrücke aus Studienreisen ein, die er mit einer deutschen Gruppe zu Projekten in Stockholm und mit einer schwedischen Gruppe zu Projekten in Hamburg durchgeführt hat. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Margarete-Grundmann- Haus statt.“.

Wir haben mit Axel Köpsell dazu ein Interview geführt!

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rhein:raum: Cohousing ist in Deutschland noch eher unbekannt, dabei gibt es das Modell schon länger.

Axel Köpsell: „Bekannt wurde der Begriff durch Charles Durrett, der vor 30 Jahren in Dänemark Architektur studiert hat, der diese Idee dort kennengelernt hat, diese in die USA zurück mitgenommen hat und dort mehr oder weniger aus dem Boden gestampft hat. Mittlerweile gibt es über 150 Projekte dazu in den USA und er ist da sozusagen die Initialzündung gewesen.“

Rhein:raum:Du warst in Schweden unterwegs und hast dir die Projekte angeschaut- was begeistert dich denn am Cohousing?

Axel Köpsell: „Ich habe schon seit langer Zeit Baugemeinschaftsprojekte beruflich begleitet, und seit ungefähr acht Jahren auch gemeinschaftliche Wohnprojekte. Im Zusammenhang mit diesen Projekten erfuhr ich 2010 von einer internationalen Cohousing Konferenz in Stockholm, wo ich teilnahm, um internationalen Austausch und Anregungen zu bekommen. Dort ist dann der Funke übergesprungen, was ich vorher überhaupt nicht erwartet hatte. Es war für meine Frau und mich nach dem Besuch mehrerer Cohousingprojekte am Rande dieser Konferenz überhaupt keine Frage mehr, ob wir in so ein Projekt ziehen wollten, während in langen Jahren vorher ein solcher Gedanke überhaupt nicht an mich herangekommen war. Warum das so ist, lässt sich schwer beschreiben, aber es ist teilweise einfach die Atmosphäre, die man empfindet, wenn man in die Projekte hereinkommt. Da ist Gemeinschaft, das fühlt man, und das ist wirklich schwer erklärbar.“

rhein:raum: Was sind die Vorteile von Cohousing gegenüber dem „normalen“ Gemeinschaftswohnformen?

Axel Köpsell: Das `Normale` Mehrgenerationswohnen gibt es auch in Deutschland nicht. Vorweg sei gesagt, dass es auch das Cohousing nicht gibt, ich rede von der Form von Cohousing im engeren Sinne, die mich so begeistert hat – es gibt ja viele Varianten und Bandbreiten. Der Hauptunterschied und meiner Meinung nach auch der Vorteil ist im Vergleich zu skandinavischen aber auch amerikanischen Modellen, dass es einen ganz erheblich größeren Anteil an Gemeinschaftsflächen – und Aktivitäten als in den deutschen Häusern gibt.

Und das hat die Konsequenz, dass das ein solchen Umfang einnimmt, den man auch zwangsläufig nicht mehr, wie bei den deutschen Projekten, noch zusätzlich oben drauf packt auf die eigene Wohnung und damit auch auf die eigenen Kosten. Das erreicht ein Ausmaß, was nicht mehr mit zusätzlichen Kosten darstellbar ist, sondern es schafft und erfordert auch die Möglichkeit, sich im eigenen Wohnbereich etwas zu reduzieren. Kein Bewohner braucht beispielsweise mehr ein Gästezimmer, weil es einfach genug Gästewohnungen im Haus gibt, die belegt werden können. Ein Gästezimmer in der eigenen Wohnung ist erfahrungsgemäß 360 Tage im Jahr leer und dadurch, dass ich mir das mit anderen teile, führt das zu Einsparungen und es kann auf der gleichen Fläche viel sinnvolleres untergebracht werden.

Eine Konsequenz dieser großen Gemeinschaftsflächen ist, dass unterm Strich Geld gespart wird, Geld und auch Zeit, weil man in der Regel auch bestimmte Hausarbeiten teilt. Man teilt auch – und das ist meistens das Herz der Projekte, das Kochen und Essen. Das ist etwas, das für die meisten Deutschen erst mal völlig befremdlich ist, und für mich selbst ein Thema gewesen wäre, wo ich gesagt hätte, das ist nichts für mich – bis ich es kennen gelernt habe. Gemeinsames Kochen – für manchmal bis zu 150 Leute, macht erst mal Sorgen, für Leute die einen normalen Beruf ausüben und meistens auch nicht besonders gut kochen können. Doch die Erfahrungen sind, dass man zwei mal in 6 Wochen für 150 Leute kocht, aber den Rest der 6 Wochen setzt man sich an den gedeckten Tisch, wenn man will. Es entstehen Gemeinsamkeiten, man entwickelt gemeinsame Hobbys. Gerade durch gemeinsames Kochen und Essen entsteht eine andere Gemeinschaft, als wenn man sich zu einer Vollversammlung trifft und in einer Tagesordnung abgehandelt wird, wo Fahrräder stehen dürfen und wo nicht.

10173Was jedoch absolut eigenartig in der Wahrnehmung ist, dass man gleichzeitig einen viel höheren Grad an Privatheit hat – denn man betrachtet die private Wohnung wirklich als seinen Rückzugsraum. Es gibt Menschen in diesen Häusern, die haben in ihrer Wohnung noch nie Besuch gehabt, weil sie Gäste woanders empfangen. Die Wohnung ist so privat, wie ich es ansonsten nirgendwo haben kann! Das ist auch wichtig, dass es diesen Ausgleich zwischen Distanz und Nähe gibt, und das kann jeder individuell gestalten. Selbstverständlich hat jeder seine abgeschlossene Wohnung, die völlig autark ist. Aber mit Besuchern geht man in einen der diversen Gemeinschaftsräume und schließt die Tür hinter sich, und in dem Moment ist das dann auch ein privater Raum. Dafür braucht es dann allerdings auch eine ausreichend große Anzahl an Räumen, damit das möglich ist. Und die Gemeinschaftsbereiche sind die schönsten Bereiche im Haus, man hält sich ganz selbstverständlich in diesen Räumen im Alltag auf.“

rhein:raum: Warum gibt es davon bisher so wenig Projekte in Deutschland?

Axel Köpsell: „Wenig ist eigentlich noch übertrieben, im engeren Sinne kenne ich in Deutschland noch kein einziges Projekt, mit Ausnahme von Projekten, die sich um eine andere dahinter liegende Idee ranken. Beispielweise ökologischer Landbau als Idee in einem Projekt, wo Menschen zusammen leben, die das gemeinsam machen. Das einzige im deutschsprachigen Raum bestehende Projekt ist in der Nähe von Wien, wo sich jetzt auch Nachahmer finden.“

rhein:raum: Steckt hinter Cohousing eine gesellschaftliche Bedeutung dahinter, warum es das in Deutschland noch nicht gibt?

Axel Köpsell: „Häufig begegnet mir die Aussage, dass die Schweden anders sozialisiert seien, die sind das gewöhnt. Ich glaube das trifft es nicht, denn auch in Schweden ist das ein absolutes Minderheiten Modell. Insofern glaube ich dass es daran liegt, dass man es in Deutschland einfach nicht kennt.“

rhein:raum: Und gibt es ein gesellschaftliches Ideal dahinter?

Axel Köpsell: „Ein Ideal nicht unbedingt, aber es ist natürlich schon eine Rückbesinnung auf gemeinschaftsbildende soziale Tugenden aber auch bürgerschaftliche Werte in dem Sinne, dass man in dieser kleinen Gemeinschaft Probleme untereinander löst oder gar nicht erst zum Problem werden lässt, sich wechselseitig unterstützt und nicht auf den Staat wartet. Es ist so, dass in diesen Häusern Menschen unterschiedlichster Mischung von Nationalität, Alter oder Fähigkeit leben und sich wechselseitig ergänzen ohne dass man das als Hilfeleistung empfindet, sich gegenseitig zu unterstützen. Es gibt nie einen der nur gibt und einen der nur nimmt, das ist immer wechselseitig. Beispielsweise der pensionierte Mathematiklehrer, der den Kindern der alleinerziehenden Mutter Nachhilfe gibt und die Kinder für ihn im Internet recherchieren. Wo einfach ein bisschen so eine Großfamilie entsteht. In Bonn gibt es ja den Verein `Wahlverwandtschaften`, und Cohousing kann die Idee, die dieser Begriff vermittelt, meines Erachtens noch viel konsequenter umsetzen helfen als es die Wahlverwandten bisher tun.“

rhein:raum: Was gibt es denn noch für Potentiale für Cohousing in Bonn?

Axel Köpsell: „Grundsätzlich gibt es das Potential auf jeden Fall. Gerade in Universitätsstädten wie Bonn, wo eine gewisse Offenheit für Internationales besteht, sehe ich das Potential. Aber man muss sagen, dass es auf jeden Fall ein Minderheitenmodell bleiben wird. Es ist so, dass nicht nur Menschen mit überdurchschnittlich viel Geld diese Projekte realisieren können. Aber es ist schon so, dass es sich von selbst dahin selektiert, dass es immer nur Menschen sind, die sich mit viel Engagement für irgendetwas da einbringen. Und was ich auch festgestellt habe ist, dass es immer enorm individuelle Menschen sind, nicht Leute, die in der Gemeinschaft untertauchen, sondern ganz bunte Charaktere, die eben genau diese Distanz und Nähe leben und gut übereinander bringen. Cohousing-gemeinschaften haben einerseits immer einen engen Zusammenhalt untereinander, sind anderseits aber absolut das Gegenteil von `gated communities´. Es herrscht große Offenheit nach außen, viel ausgeprägter als bei anderen Häusern, denn Einzelne können so offen und einladend gar nicht sein wie eine Gruppe.“

rhein:raum: Wo in Bonn würde sich diese Wohnform anbieten?

Axel Köpsell: „Wenn das Modell insgesamt bekannter wird, kann es in sehr vielen Gemeinschaftswohnprojekten neue Impulse geben. Gerade in der Ermekeilkaserne sind wir jetzt mit einer Kerngruppe dabei, dieses klassische schwedische Modell realisieren zu wollen. Letztes Jahr habe ich eine Exkursion nach Schweden angeboten, wo wir uns solche Projekte angesehen haben. Das werden wir dieses Jahr wiederholen, um das kennenzulernen.“

Vielen Dank für das Interview!

Interview: Laurin Berger

Axel Köpsell hat Studienreisen zu vielen verschiedenen Projekten in ganz Deutschland, in Schweden, Österreich und in die USA durchgeführt. Er ist Diplom-Kaufmann und Diplom-Ingenieur, lebt in Nörvenich nahe Köln und ist als Projektsteuerer im Bauwesen tätig.

Das Konzept „Cohousing“ ist in Deutschland also vergleichsweise neu, bietet aber ein interessantes Experimentierfeld für neue Interpretationen von Gemeinschaft! Es folgen zwei Veranstaltungshinweise zu „Cohousing“, die auch (natürlich) im Terminkalender von „rhein:raum“ zu finden sind!

12.03. -Köln: Vortrag zum Thema „Co-Housing“ anhand von Praxisbeispielen auch aus dem Ausland mit Axel Köpsell (Co-housing-experte), 19 Uhr, Haus der Architektur Köln, hdak-Kubus, Josef-Haubrich-Hof, VA: Haus der Architektur Köln (hdak) [im Rahmen der Reihe „Jeden Dienstag 19 Uhr – eine Stunde Baukultur“]

Weitere Informationen:
Haus der Architektur Köln, Josef-Haubrich-Hof 2, 50676 Köln, Tel.: 0221/3109706, Fax: 0221/331297

Email: info(at)hda-koeln.de

http://www.hda-koeln.de/2013-03-12.html

20.03. – Bonn: Vortrag und Diskussion „`Cohousing` – das schwedische Modell für gemeinschaftliche Wohnprojekte“ mit Axel Köpsell, 18-20 Uhr, Margarete-Grundmann-Haus, Lotharstr. 84-86, VA: VHS Bonn in Kooperation mit dem Margarete-Grundmann-Haus

Weitere Informationen:
VHS Bonn, Wilheimstr. 34, 53103 Bonn, Tel.: 0228/77-4541, Fax: 0228/774543

Email: vhs(at)bonn.de

http://www.bonn.de/vhs

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