28. Februar 2013.

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p>Der Begründer der Transition Town Bewegung, Rob Hopkins, war am Mittwoch Abend zu Besuch in der Bonner Uni. Eingeladen hatte die Bonner Initiative „Bonn im Wandel“ zu einem Vortrag zum Thema „Potentiale der Transition-Town Bewegung zur Gestaltung einer nachhaltigen Gesellschaft“ mit dem Gast aus der Transition-Town Totnes in Südengland. Außerdem wurde der Film „Voices of Transiton“, der die junge Bewegung porträtiert, ihren Hintergrund, ihre Projekte sowie ihre Vision darstellt, gezeigt. Vor genau einem Jahr entstand auch in Bonn die Initiative „Bonn im Wandel“, die „lokal“Gruppe der Transition-Town-Bewegung. Sie gehört heute zu den aktivsten Gruppen im Netzwerk. Aktuell gibt es bereits mehrere Gemeinschaftsgärten. Dem Projekt der solidarischen Landwirtschaft, wo sich Verbraucher und Erzeuger (das Gut Ostler) zusammen tun und eine direkte Verbindung zum gegenseitigen Nutzen eingehen, haben sich in Bonn bereits 80 Haushalte angeschlossen. Die Bonner “Zukunftsgärten” versorgen Kitas, Kindergärten und Schulen mit gesundem Gemüse aus der Region. In der offenen Werkstatt entstehen Lastenräder für die Auslieferung der Produkte an die Mitglieder der solidarischen Landwirtschaft. Neben weiteren „urban gardening“ Aktionen entsteht die Regionalwährung „Bonner Blüten“, nach Vorbild zahlreicher Städte in England wie dem „Bristol Pound“ oder aber auch dem „Chiemgauer“. So zieht die Bonner Gruppe eine positive Bilanz des ersten ereignisreichen Jahres, getragen von einer Handvoll engagierter Menschen unterschiedlichsten Alters. Vielen wird es so gegangen sein wie Daniela Baum, einer jungen Mitstreiterin. Sie habe „viel zu lange passiv darauf gewartet, dass sich etwas ändert“.

Der Aktivist und Resilienz Forscher aus Irland, Rob Hopkins, lebt heute in der südenglischen Stadt Totnes, die zu den ersten Transition Towns überhaupt gehört. Er hat Bücher zur Energiewende und Anleitungen zu konkretem Wandel geschrieben und ist Begründer der Bewegung.

Dass sich etwas ändern muss, machte Rob Hopkins an einem einfachen Beispiel klar. So habe der amerikanische Klimaaktivist Bill Mckibben kürzlich in einem Bericht vorgerechnet, dass das Emissionspotenzial der Ölressourcen der Erde Fünf mal höher sei, als das maximal für das Weltklima verträgliche Pensum, um unter dem 2°C Ziel zu bleiben. Hopkins machte noch einmal klar, wir seien wie ein Fuchs, der mehr Energie auf der Jagd nach Hasen verbraucht, als ihm die Beute zurückgeben kann.

Die Transition-Town-Bewegung warnt vor unserer hohen Abhängigkeit vom billigen Öl. Doch mit dem von Jahr zu Jahr folgenlos neu verkündetem Erreichen des sogenannten „Peak oils“, des Ölfördermaximums, wird die Grundlage unserer Lebensweise teurer – die externalisierten Kosten der fossilen Energieträgermal außen vorgelassen. Die Bewegung belässt es jedoch nicht dabei, im Gegenteil, sie hat den Anspruch an der Lösung zu arbeiten, anstatt sich am Problem abzuarbeiten. Ziel der Bewegung ist die regionale Resilienz, die Widerstandsfähigkeit gegen äußerliche Schocks, zu stärken. Auch eine innere Resilienz, um dem unausweichlichen Wandel des „post- oils“ gewachsen zu sein, sei wichtig, sagte Rob Hopkins vor dem größten und gutgefüllten Hörsaal 10 der Uni Bonn. Wie auch die Bonner Initiative wollen die engagierten Menschen einen gesellschaftlichen Wandel in diese Richtung lenken.

Hopkins nannte zahlreiche Beispiele aus den hunderten von Städten im Wandel. In Bristol lässt sich der Bürgermeister sein Gehalt komplett in der Lokalwährung auszahlen. Diese soll die regionale Wirtschaft fördern. Bürger haben gemeinsam eine Bäckerei finanziert und bekommen ihr Geld zurückgezahlt, zuzüglich von Zinsen in Form von Brot. Gemeinschaftliche dezentrale Energieprojekte haben Städte unabhängiger gemacht. Landwirtschaftliche Gemeinschaften haben sich nach der Frage, wie sich die Stadt selbst ernähren kann, gegründet. Die Liste ist lang, aber auch die der noch kommenden Projekte.

Ein Zuhörer meldet Bedenken an, wie dieses Konzept denn funktionieren soll. Nicht vereinbar mit dem Kapitalismus, wäre Massenarbeitslosigkeit die Folge. Hopkins Antwort darauf, regt zum Nachdenken an: „Eine Post-Wachstumsgesellschaft ist nicht etwas, das wir uns aussuchen können. Es ist ein unvermeidbarer Wandel!“

„Jedes Ende ist der Anfang von etwas Neuem“ ist Robs etwas plakative Aussage. Doch er ergänzt, unser Problem sei das Festhalten am Ende, weil wir nicht wüssten, was das Neue sein werde. Das, so Hopkins, sei eine „Einladung etwas zu tun“.

Wir haben mit Rob Hopkins über diese und weitere Themen gesprochen, hier das Interview:

rhein:raum: Peak-oil (Ölfördermaximum), Krise,

Systemzusammenbruch – das macht Angst, daraus wird kaum eine konstruktive Reaktion entstehen. Wie überkommt man das und beginnt daraus zu Handeln anstatt zu verzweifeln? Wie macht die Transition Town Bewegung das?

Rob Hopkins: „Ich glaube, es ist sehr sehr nutzlos herum zu gehen und allen Menschen angsterregende Geschichten zu erzählen. Üblicherweise ist die natürliche Reaktion der Menschen auf erschreckende Informationen, diese zu ignorieren oder diese mit Partys zu übertünchen oder sich einfach zu verziehen. Wenn die Transition Bewegung von diesen Dingen spricht, dann immer im Kontext von dem “was kann man dagegen tun” ; immer in dem Zusammenhang, dass es darauf eine Antwort gibt und dass diese eine Antwort ist, die in der Tat unser Leben und dessen Qualität sowie unser Wohlbefinden verbessert. Es ist aber sehr wichtig, dass die Menschen die Belange und Herausforderungen, vor denen wir stehen, verstehen, weil sonst können wir nichts dagegen tun! Es ist wirklich wichtig, dass diese auf die Lösung fokussiert dargestellt werden, mit anderen Menschen in der Nähe, die das unterstützen können; wir müssen klar machen, dass dies eine großartige Gelegenheit ist, etwas außergewöhnliches zu tun, etwas zu tun, worüber unsere Kinder und Enkelkinder bedeutende Lieder singen werden!”

rhein:raum: Die Transition-town-Bewegung ist eine Graswurzelbewegung. Wandel geht nicht von Wirtschaft und ihrer Technologie, genauso wenig von Politik von oben aus, sondern von engagierten Menschen, die aber auch nicht an die üblichen “Entscheidungsträger” appellieren. Sind derart umgreifende globale Krisen oder Herausforderungen wie der Klimawandel auf diese Weise zu lösen? Kann das die Politik ersetzen?

Rob Hopkins: „Ich glaube nicht, dass so etwas die Politik komplett ersetzen kann. Ich würde niemals behaupten, Transition ist alles was wir brauchen. Wir brauchen die Gemeinde Verwaltung, wir brauchen die nationale Regierung und wir brauchen internationale Antworten wie in Kopenhagen [UN-Klimagipfel 2010, Anm. d. Red.] und so weiter. Aber da fehlt ein ganz wesentliches Teilstück, und zwar was wir mit den Menschen um uns herum tun können. Dieses Stück in der Mitte. Es gibt eine Menge was wir als Einzelner tun können – also Energiesparlampen einbauen, langsamer fahren und so solche Dinge. Und es gibt Dinge, die die Behörden und die Regierung machen können. Aber dieses Mittelstück hat ein enormes Potenzial, das wir noch nicht einmal wirklich zu erforschen begonnen haben. Was ich meine ist, dass wenn wir es schaffen an dieser Stelle genug Schwung zu erzeugen, dann kann das beginnen das Regierungsdenken und die Regierungsentscheidungen zu bewegen.Und natürlich brauchen wir zusätzlich Kampagnen und Menschen, die “Nein, wir wollen das nicht” sagen und die bereit sind, klimaschädliche Dinge wie Kohleminen und Ölfirmen und dergleichen zu stoppen. Aber gleichzeitig müssen wir zeigen , dass die Alternative ökonomisch durchsetzbar ist, und dass diese kommen kann, ohne auf eine Erlaubnis zu warten!“

rhein:raum: Ist es also eine Mischung aus beidem?

RH: „Eine Kombination, auf jeden Fall!“

rhein:raum: Du sagst, die Krise ist als Chance zu sehen. Gegenwärtig befindet sich Europa in einer grundlegenden multiplen Krise, soziale Krise, wirtschafts- Krise. Ist das unsere Chance, auch wenn diese Krise noch nicht die des Peak-oils, des Ölfördermaximums ist?

RH: „Ja, ja,(nickt zustimmend) das ist ein unglaublich wichtiger Moment in dieser Zeit. Die Menschen, die diese Krise verursacht haben, spielen eine sehr kleine Rolle in der Suche nach Lösungen dafür und es braucht ein neues Denken und einen neuen Ansatz. Unsere heutige Zeit, wo die Krise sehr offensichtlich und klar ist, ist eine Zeit die wirklich nach neuen Ideen und neuen Denkern ruft. Und ich glaube wir beginnen das zu erkennen,und das ist sehr aufregend!“

rhein:raum: In Griechenland gibt es das Nahrungsproblem für viele Menschen bereits ohne Peak-oil. Kann die Transition-town Bewegung auch auf die enorme soziale Krise in den Südeuropa aber auch immer mehr im westlichen Mitteleuropa eine Antwort geben?

RH: „Eine Menge passiert mit Transition in Spanien, und in Portugal, und in Italien. Es sieht anders aus als in Deutschland oder in Großbritannien und funktioniert eher als “Geschenk-Ökonomie”, wo nicht sonderlich viel Geld zirkuliert. In Bonn kann man einen Film zu Transition zeigen und Fünf Euro dafür nehmen und die Menschen werden kommen. Wenn man das gleiche in Portugal macht,wird niemand kommen, weil Fünf Euro eine Menge Geld sind. Die Transition Bewegung entwickelt sich dort anders und sieht anders aus, aber die Idee in einer Situation wie der momentanen Wirtschaftskrise käme jemand um zu helfen, ist unrealistisch. Also müssen wir uns umsehen, wie wir die Dinge anders machen können und wir sehen die selbst organisierten Ansätze zu Ernährung und Energie an diesen Orten. Das soll aber nicht heißen, dass die Lösung für eine derartig tiefe und profunde Krise ausschließlich aus der Transition Bewegung kommen wird, aber der Gedanke, diese Orte resilienter, widerstandsfähiger zu machen, und besser vorbereitet um Schocks zu widerstehen [ist der Hauptansatz der Transition Idee. Ergänzung d. Red.] Das sind also die Orte, wo wir demonstrieren müssen, ob das nun Transition heißt oder nicht, ist völlig unwichtig!“

rhein:raum: Du hast dich eben in deinem Vortrag dafür entschuldigt, den Deutschen noch von gemeinschaftlich getragenen erneuerbaren Energieprojekten zu berichten. Ich hatte eigentlich vor zu fragen, was du von – aus meiner Sicht – der von oben verordneten Energiewende hältst. Diese Frage wird eigentlich überflüssig. Du plädierst dafür, eigene Geschichten zu schreiben, anstatt sich an der gängigen Geschichte wie „dieses Shampoo wird dein Liebesleben verändern“ abzuarbeiten. In der Tat war mein Blick nur auf einen Teil der Energiewende gerichtet, den staatlichen teil. Dabei gibt es auch in Bonn bürgerschaftliche Energieprojekte, z.B. die Bürgersolaranlage in Beuel. Das ist so eine der eigenen Geschichten, anstatt die der teuren Energiewende, der steigenden Strompreise etc.

RH: „Ich meinte eine Zahl, die ich in Großbritannien gehört habe, nämlich dass 55 Prozent der erneuerbaren in Deutschland aus Gemeinschaftsanlagen stammen. Das ist etwas, wovon wir in Großbritannien nur träumen können!“

rhein:raum: Danke für das Interview!

RH: „Sehr gerne!“

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  1. Kathleen Battke sagt:

    Danke, Laurin und Rhein:raum, für den Artikel. Als Mitorganisatorin des Abends freue ich mich über die gute Zusammenfassung der Argumentation! Eine Anmerkung zu dem – wie Rob sagt – noch kaum erschlossenen Feld zwischen Einzelnen und politischer Entscheidungsebene: Die TT-Bewegung setzt auf die Verbindung zwischen Menschen und Gruppen, und dieser Aspekt von Gemeinschaftsbildung, Vertrauensaufbau, sozialer Verknüpfung, kollektiver Intelligenz ist aus meiner Sicht ein roter Faden dieses Ansatzes, der durch die vielen thematischen Facetten von Transition (Energie, Geld, Nahrung etc.) läuft. Hier findet das soziale Lernen und die Reifung von Aktiven zu großherzigen, verbundenen und resilienten Menschen statt. Wer will, wandelt in diesem Sinne mit uns die Rhein-Sieg-Region!

  2. [...] Interview mit Rob Hopkins über den Transition-Ansatz im Bonner Magazin rhein:raum. Er war in di…Hopkins nannte zahlreiche Beispiele aus den hunderten von Städten im Wandel. In Bristol lässt sich der Bürgermeister sein Gehalt komplett in der Lokalwährung auszahlen. Diese soll die regionale Wirtschaft fördern…. [...]

  3. [...] haben mit uns am 27.2. in der Bonner Uni gefeiert. Einen längeren Bericht über den Abend hat Laurin Berger im Rhein:Raum geschrieben. Jetzt geht’s auf ins zweite Transition-Jahr. Verbindet eure Wandelkraft [...]

  4. Sabine sagt:

    Vielen Dank für diesen Bericht. Nur ein winziger Punkt, der vielleicht auch total unwichtig ist: Rob Hopkins ist Engländer. Dass er mehrere Jahre an der Fachhochschule in Kinsale in Irland einen Kurs in Permakultur unterrichtet hat, der für die Region viele positive Veränderungen brachte, ist ganz wunderbar, macht ihn aber nicht zum Iren.

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