27. Juni 2013.

Stadtgärten sprießen in jeder Groß- und Kleinstadt empor, auch in Bonn. Immer häufiger tauchen die Begriffe „Urbane Landwirtschaft“, „Guerilla gardening“ oder „Urban gardening“ auf.

Dabei beschreiben sie eine große Bandbreite von Formen des Gärtnerns. Urbane Landwirtschaft kann ein stadtnaher Betrieb wie das Gut Ostler im Meßdorfer Feld betreiben, aber auch eine Gruppe engagierter Bürger auf einer Industriebrache oder gar einem Hochhausdach wie in New York. Auch urbane Gärtner pflanzen Gemüse auf ungenutzten Flächen in transportable Hochbeete, Grünanlagen oder Vorgärten. Guerillagärtnern dagegen geht es nicht nur ums Gemüseanbauen, sondern um mehr Grün und Bunt im städtischen Betondschungel. Sie bepflanzen neben unbebauten Grundstücken auch Risse im Beton, alte Schuhe auf Stromkästen oder werfen ironischerweise Samenbomben.

Lebensmittelskandale, eine Vielzahl an uns mehr oder minder betreffenden Krisen, der Wunsch nach „gutem Essen“ oder auch sozialem Miteinander, Integration und gelebter Solidarität- was sind die zahlreichen Motivationen hinter diesen nur teilweise neuen Phänomenen? Alles nur eine vorübergehende Modeerscheinung? Darüber hat rhein:raum mit Anna Wissmann, Mitglied der Initiative Bonn im Wandel, gesprochen. Anna Wissmann ist im Gemeinschaftsgarten der Young Organics und in der Initiative Bonn im Wandel aktiv und arbeitet derzeit an einem Zwischennutzungskonzept für die leerstehende Ermekeilkaserne in der Bonner Südstadt. Hier lesen Sie den ersten Teil des Interviews:

 

Rhein:raum: Was bedeutet Urban Gardening?

Anna Wissmann: „Ich würde urban gardening [urbanes Gärtnern] deutlich von urban agriculture [urbane Landwirtschaft] unterscheiden. Urban agriculture würde ich als professionell betriebene Landwirtschaft die aber innerhalb einer Stadtgrenze stattfindet und die sich auschließlich auf Produktion richtet beschreiben. Urban gardening würde ich dann im Kontrast dazu sehen, als meistens kleiner von der Fläche her und von Leuten in ihrer Freizeit betrieben, die Eßbares produzieren, aber auch die Fläche verschönern wollen. Das kann also eher einen künstlerischen Charakter haben -Intervention im öffentlichen Raum – zum Beispiel Guerila gardening oder pop-up Aktionen wie mobile Pflanzkisten oder die Begrünung einer Parkbucht für einen Tag, die dann plötzlich zur Liegewiese oder zum Spielplatz wird. Es gibt in Bonn aber auch längerfristige Projekte, z.B. so etwas wie Baumscheiben-Patenschaften, wo Leute auf dem Bürgersteig vor ihrem Haus den Hundedreck aus den Beeten entfernen und Blumen pflanzen – als Verschönerung des öffentlichen Raumes. Es gibt auch noch die traditionellen Formen wie Schrebergärten oder modernere Gemeinschaftsgärten, die zwar den Schrebergärten recht ähnlich sind, wo aber noch der Gemeinschaftsaspekt dazu kommt. Man arbeitet gemeinsam und teilt sich was geerntet wird. Urban gardening ist also sehr vielfältig.“

Rhein:raum: Was hat die Initiative Bonn im Wandel für Projekte?

Anna Wissmann: „In Bonn gibt es zur Zeit mehrere Gemeinschaftsgärten, die aktiv sind. Der eine ist der in Villich-Müldorf im Rahmen des Mehrgenerationenwohnprojektes Amaryllis. Dort bauen die Leute in Hochbeeten, aus Holz gezimmerten und mit Kompost befüllten großen Kisten, Gemüse an. Sie wissen dort nicht, wie lange sie die Fläche wirklich nutzen können, deshalb gehen sie da nicht in den Boden, sondern bauen eben diese Hochbeete. Jeder kann sein eigenes Hochbeet bauen, bepflanzen und beernten. Es finden gemeinsame Arbeitsaktionen statt, Treffen, regelmäßige kleine Veranstaltungen. Dann gibt es den „Young Organics“ Gemeinschaftsgarten im Meßdorfer Feld. Das ist ein Stück des Feldes, das vom Gut Ostler bewirtschaftet wird und das wir in Unterpacht nutzen. Er wurde vor drei Jahren von Menschen, die in Bonn in den internationalen NGOs [Nicht-regierungs Organisationen] arbeiten, gegründet. Die haben sich gesagt, ‚wir reden dauernd mit und über Kleinbauern und wie deren Lebensbedingungen zu verbessern sind – ob es jetzt Fairtrade oder Biolandbau ist – doch wir tun es vor allem theoretisch und vom Computer aus und wir wollen jetzt selber auch etwas machen und kennen lernen, was es bedeutet, selbst etwas anzupflanzen und Gemüse zu produzieren‘. Da hier viele in kleinen Wohnungen wohnen und keinen Garten am Haus haben, haben wir uns als Gemeinschaftsgarten die Fläche gepachtet. Dort wird so gewirtschaftet, dass alle gemeinsam auf der Fläche arbeiten und alles pflegen und die Ernte unter allen aufgeteilt wird. Das ist durchaus sehr spannend zu sehen, weil die sehr verschiedenen Menschen aus aller Welt kommen und erfahrene Gärtner neben solchen, die hier überhaupt erst auf die Idee gekommen sind und für die das ganz neu ist, arbeiten. Man kann also unheimlich viel lernen. Außerdem gibt es immer wieder kleinere Aktionen, wo z.B. in der Innenstadt Leute mit einem bepflanzten Bollerwagen durch die Gegend ziehen. Bonn hat eine recht dichte und mit Autos gefüllte Innenstadt, deshalb haben wir dann mal einige Parkplätze für ein Wochenende übernommen und mit Rasen, Liegestühlen und Blumenkästen verschönert, einen temporären Garten geschaffen.“

Rhein:raum: Es ist also wesentlich mehr als nur unpolitisches unkrautzupfen, sondern es geht ja durchaus eine gesellschaftliche, politische Nachricht davon aus. Wie könnte diese Lauten?

Anna Wissmann: „Ja. Ich habe das Gefühl daß das urbane Gärtnern etwas überhöht wird und dem zu viel aufgebürdet wird, nach dem Motto es wäre jetzt die Rettung unserer Gesellschaft. Das sehe ich so nicht. Allerdings gibt es bei den zahlreichen Gemeinschaftsgärten und kleinen Aktionen im öffentlichen Raum einen besonders wichtigen Aspekt, nämlich den der Gemeinschaft. Wir sind ja gewöhnt für uns zu sein. ‚Ich wirtschafte für mich selbst, ich verdiene mein Geld und kaufe für mich alles was ich brauche.‘ Daher bin ich auf andere Leute überhaupt nicht angewiesen und wenn ich das nicht aktiv verfolge, habe ich recht wenig Gemeinschaft. So bekommen wir oft die Reaktion, wenn Leute in unsere Gärten kommen: ‚Gibt das denn nicht unheimlich viel Streit? Kommt dann nicht einer und nimmt die ganzen Erbsen weg?‘ Also diese Idee, gemeinschaftlich etwas zu machen und daran vor allem Spaß zu haben, sich die Früchte der Arbeit zu teilen, ist für viele Menschen relativ weit weg. Genauso, dass ich Blumen an die Straße pflanze und diese verschönere – da habe ich ja keinen Gewinn von. Das ist auch nicht mein Besitz den ich mit einem höheren Wert versehe, sondern das ist einfach Gemeinwohldenken und das ist meiner Meinung nach auch ein ganz wichtiger politischer Aspekt dieses Phänomens. Wenn es darum geht im innerstädtischen Raum zu intervenieren und Plätze zu begrünen, das Diktat des Autos zu brechen und Parkplätze zu begrünen und daher weniger für Autos zu haben, dann ist das für viele Leute jenseits des Vorstellbaren! Das heißt dieses Bild zu verändern, zu sagen ’stellt euch vor, hier wäre es grün. Stellt euch vor, hier wäre gar kein Asphalt mit weißen Linien und Autos drauf, sondern hier könnte auch etwas anderes sein.‘ Diese Ideen überhaupt erst mal sichtbar zu machen, das ist auch schon ein politisches Statement.“

Rhein:raum: Durch diese Ideen der Gemeinschaft kommen eigentlich schon ‚alte‘ Konzepte wie die Allmende oder die „Commons“- die Gemeingüter- wieder zum Tragen.

Anna Wissmann: „Genau, und von denen ist ja nur wenig übrig! Gerade in Städten sind diese auch nur noch begrenzt nutzbar, als dass ich mich da ins Café setzen kann oder ich gehe da zum Einkaufen hin. Da bin ich nicht als Bürgerin sondern als Konsumentin unterwegs. Das Gärtnern ist aber etwas völlig anderes als Konsum!“

Rhein:raum: Die Nutzung des Raumes ist also nicht zwingend an den Konsum gekoppelt!

Anna Wissmann: „Genau, ich kann den begärtnerten öffentlichen Raum insofern konsumieren, als daß er dann verschönert ist und ich mich gerne dort aufhalte, das heißt ich darf mich dort aufhalten, ohne dass ich einen Cappuccino bezahle und das ist etwas, was inzwischen sehr ungewöhnlich geworden ist. Wenn man unser Stadtzentrum ansieht, dann ist das die Fußgängerzone mit den Läden und sobald diese geschlossen sind, ist dort auch keiner mehr. Das heißt, dort findet fast ausschließlich nur der Konsum statt. Sobald ich dort aber etwas anderes ermögliche und überhaupt den Leuten vor Augen führe, daß es andere Dinge gibt, hat das eine Wirkung, denn Gärten wirken eigentlich auf alle positiv. Es ist keine Protestaktion, sondern eine direkte Verschönerung und Verbesserung des Umfeldes, die jeden anzieht.“

Weiter mit dem Interview geht es in einigen Tagen!

 

Links zum Thema Urban gardening:

Christa Müller, Informelles Gärtnern. Zur Freestyle-Architektur des Urban Gardening, in: Bauwelt 39/2012
http://www.bauwelt.de/sixcms/media.php/829/bw_2012_39_0016-0019.833811.pdf

Martin Ottmann, Auf dem Weg in die postfossile Gesellschaft, in: GA 3./4.11.12
http://www.bonn-im-wandel.de/wp-content/uploads/2012/11/GA-Artikel_12-11-03.pdf

Viola Brocker, Ein kleines Stück Eden, in Robin Wood, Heft 111, April 2011
http://www.robinwood.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Magazin/2011-4/111-6-11-titel.pdf

Jan Spille, Osthain Grüner Weg: Urban Gardening mit Businessplan, in: Stadtrevue, Heft 8/2012
http://www.stadtrevue.de/archiv/archivartikel/2836-obsthain-gruener-weg-urban-gardening-mit-businessplan/

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