2. Juli 2013.

Urbane Landwirtschaft- Nahrungsmittelproduktion im städtischen Kontext- und urbanes Gärtnern als aktive Verschönerung des öffentlichen Raumes oder gar politisches Statement, darüber hat Rhein:raum mit Anna Wissmann gesprochen. Anna Wissmann ist Mitglied der Initiative Bonn im Wandel und im Gemeinschaftsgarten der ‚Young Organics‘ aktiv und arbeitet derzeit an einem Zwischennutzungskonzept für die leerstehende Ermekeilkaserne in der Bonner Südstadt.

In Bonn gibt es zahlreiche Gemeinschaftsprojekte. Die Initiative der Young Organics, den Gemeinschaftsgarten des Mehrgenerationenwohnprojektes Amaryllis oder auch einfache Baumscheibenpatenschaften. Laut Anna Wissmann werde die Gesellschaftliche Bedeutung von urban gardening Projekten zum Teil zwar überhöht, doch zeigen die vielen Gemeinschaftsprojekte ein neues Miteinander, die Rückkehr der Allemende, der Gemeingüter und Akzente für grünere Prioritäten in der Stadt von heute und morgen. Anna Wissmann: „[…] das Diktat des Autos zu brechen und Parkplätze zu begrünen und daher weniger für Autos zu haben, dann ist das für viele Leute jenseits des Vorstellbaren! Das heißt dieses Bild zu verändern, zu sagen ’stellt euch vor, hier wäre es grün. Stellt euch vor, hier wäre gar kein Asphalt mit weißen Linien und Autos drauf, sondern hier könnte auch etwas anderes sein.’“ Den ersten Teil des Interviews lesen Sie hier!

Im zweiten Teil geht es um die temporäre Zwischennutzung der Ermekeilkaserne in der Bonner Südstadt, städtische Selbstversorgung und ihre Grenzen, um mögliche Parallelen der urban gardening Bewegung zu anderen Brandherden des Protestes und die Frage, ob Gärtnern wirklich politisch sein kann! All dies lesen Sie hier!

Rhein:raum: Du hast bereits das Wohnprojekt Amaryllis angesprochen, wo keine dauerhafte Nutzung vorgesehen ist und die Gärten in Hochbeeten sehr mobil sind. Wie könnte denn eine temporäre Zwischennutzung der zurzeit ungenutzten Ermekeilkaserne aussehen?

Anna Wissmann: „In der Ermekeilkaserne ist es ja so, dass das Gelände zum großen Teil aus asphaltierter Fläche mit einzelnen Rasenflächen und alten Bäumen besteht – also keine menschenfeindliche Umgebung. Es ist eine sehr große Fläche, die da frei wird und vermutlich mehrere Jahre ungenutzt da liegen wird. Das ist in Bonn in der Innenstadt ja sehr sehr selten! Bonn unterscheidet sich sehr stark von Berlin oder z.B. typischen Ruhrgebietsstädten mit großen Leerflächen und Industriebrachen. Deshalb ist dieser jetzt frei werdende Raum etwas sehr besonderes, das sich nutzen ließe.

Ich kann verstehen, wenn man sagt, dass ein Garten etwas ist, daß ich über Jahrzehnte hege und pflege und der eigentlich nach zehn Jahren erst ausgereift ist. Deshalb ist hier der Schwerpunkt anders zu setzen, d.h. man pflanzt keine Bäume oder legt es auf eine längerfristige Entwicklung an, aber man kann auch innerhalb weniger Monate zum einen das Bild sehr stark verändern und zum anderen viele Dinge möglich machen, die sehr wertvoll wären. Dabei denke ich vor allem an den Aspekt des Lernens und des Zusammenkommens. Das man z.B. Workshops für alle anbietet und beispielsweise Themen wie ‚Gemüsegarten für Anfänger‘ oder ‚Methoden des naturnahen Gärtnerns‘ lernt. Das sind alles Sachen, die man dort gut machen kann, und lernen lässt sich in zwei oder drei Jahren wunderbar. Natürlich ist es schade, wenn es nachher dann vorbei ist, aber deshalb sollte man sich nicht davon abbringen lassen, nur muss man überlegen und mit den enormen kurzfristigen Möglichkeiten anfangen. Das Interessante an der Lage der Ermekeilkaserne in der Südstadt ist ja, dass es eine wunderschöne Wohngegend ist, die aber praktisch keinen öffentlichen Raum hat, sondern nur die Straßen und die privaten Hintergärten. Das ist alles wunderschön – gegen die Wohnqualität lässt sich nichts sagen – aber es gibt keinen öffentlichen Platz. Auf einem Parkplatz treffe ich mich ja mit niemandem, ich hätte auch keinen Grund, dahin zu gehen. Die Ermekeilkaserne gibt es, seit es dieses Viertel gibt, d.h. sie war noch nie für die Bürger als öffentlicher Raum zugänglich. Diesen jetzt zugänglich zu machen, lässt sich auch innerhalb kürzester Zeit realisieren. Meine Erfahrung mit dem Gemeinschaftsgärten zeigt, dass so etwas sehr schnell geht. Gerade das gemeinsame Hochbeete Bauen, Pflanzen und Arbeiten bringt die Leute zusammen. Und das Gelernte nimmt man ja mit.“

Rhein:raum: Immer wieder melden sich Landwirte zu Wort und fragen, wie man denn bei einigen Salatköpfen in einer Kiste von städtischer Selbstversorgung oder dergleichen sprechen kann. Worum geht es- um Selbstversorgung oder mehr um das Symbol, das Lernen und die Gemeinschaft?

Anna Wissmann: „Es hat keinen Sinn, sich vor ein Ein-Quadratmeter-Hochbeet mit den zwei Salatköpfen zu stellen und zu sagen ‚Ich ernähre hier die Stadt‘. Genauso wenig macht es Sinn, sich als Kritiker davor zu stellen und zu sagen ‚Was ihr hier macht ist Blödsinn, denn ihr ernährt ja nicht die Stadt damit!‘ Eigentlich geht es um etwas anderes. Das sollte man auch sehr klar mitteilen. Ich verbringe sehr viel Zeit in einem Gemeinschaftsgarten und ernte auch Gemüse, kaufe aber auch auf dem Markt für meine eigentliche Ernährung ein. Ich bräuchte viel mehr Wissen, Arbeitszeit und Können um mich komplett selbst zu versorgen! Darum geht es nicht. Es gibt schon eine gewisse transformative Kraft in diesem urbanen Gärtnern, aber ich sehe es nicht so, dass wir uns plötzlich alle von unserer eigenen Stadtfläche selber ernähren. Das ist illusorisch.

Es geht darum Gemeinschaft wieder zu formen, uns wieder kennenzulernen, zu lernen, uns aufeinander zu verlassen, zu vertrauen und zu sehen, daß mein Gegenüber vielleicht nicht nur mein Konkurrent auf dem Job- und Wohnungsmarkt ist oder ein Mit-konsument mit der gleichen T-Shirt Marke. Es geht in einem Garten relativ schnell tiefer. Dort treffen auch sehr unterschiedliche Menschen aufeinander, denn zwei Gärtner haben eigentlich immer etwas miteinander zu Reden, und das unabhängig davon, ob und was ich studiert habe oder woher ich komme.

Anna Wissmann ist freiberufliche Projektmanagrerin. Davor hat Sie lange bei International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM) in Bonn, in der der selben Position gearbeitet. Aktiv ist Sie bei der Bonner Initiative „Bonn im Wandel“ und bei den „Youg Organics“. Studiert hat Sie u.a. beim King’s College London, University of London, The College of St. Mark and St. John in Plymouth und dem Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Uni Bonn.


Laurin Berger war langjährig aktiv bei der Jugendaktiongruppe (JAG) von Greenpeace Bonn. Er absolvierte verschiedene Praktika bei NGOs in Bonn, u.a. beim Netzwerk Friedenskooperative und studiert derzeit Ökologische Agrarwissenschaften an der Uni Kassel am Standort Witzenhausen.

Die Gemeinschaft zu bilden und zu stärken empfinde ich als sehr wichtigen Aspekt und das Lernen über das Gärtnern oder die Produktion. Ich glaube, das wichtigste was wir lernen müssen, ist der Respekt vor dem, was der Bauer tut. Das ist vielen Menschen verloren gegangen, weil wir nicht mehr wissen, was dahinter steckt, einen Salatkopf, den wir nur noch als fertiges Produkt kennen, jede Woche auf den Markt oder in den Supermarkt zu bringen. Eher ein Gefühl für Qualität, Frische oder die Wichtigkeit der Regionalität zu bekommen- das sind Dinge, die man durch diese eigenen Versuche auch lernen kann.“

Rhein:raum: Dort kommt ja auch wieder die Verbindung zum Anspruch der Transition-Town-Initiativen, resilientere, also widerstandfähigere, Städte zu schaffen, zum Tragen. Wenn die Menschen wieder über ihre Nahrungsmittel Bescheid wissen, haben sie vielleicht auch einen anderen Umgang damit.

Anna Wissmann: „Genau und ich bin mir sehr sicher, daß wenn ich dann mal meine eigenen Tomaten geerntet habe, daß ich dann die im Winter, die von weither kommen und nach Nichts schmecken, nicht mehr würdige und mich nach Alternativen umsehe .Und das ganz ohne einen ideologischen Überbau, ohne dass ich mir überlege, dass ich die lokale Wirtschaft fördern will, lande ich auf der Suche nach dieser Qualität tendenziell eher auf dem Bauernmarkt, bei der solidarischen Landwirtschaft oder der lokalen Gemüsekiste.“

Rhein:raum: Insgesamt erfreut sich urban gardening großer Beliebtheit und gilt oft als Modeerscheinung. Andere Akteure sehen es als „Widerstand gegen ein übermächtiges System“ an. Ist es nicht auch eine Antwort auf die vielfältigen Krisen unserer Zeit?

Anna Wissmann: „Es ist beides. In den Medien ist es eindeutig eine Modeerscheinung. Tomaten auf einem Berliner Parkplatz sind ja sehr fotogen usw. Ich finde es schön, dass es in den Medien so präsent ist. In der Hinsicht ist es aber auf jeden Fall auch eine Mode. Doch generell, wenn ich mir die Entwicklungen in der Welt anschaue, dann sehe ich, dass doch viele Leute zusammenkommen und etwas gemeinsam tun. Der Sinn beim Gärtnern ist sehr schnell gegeben und erschließt sich sofort – spätestens bei der Ernte. Das kann eine Antwort sein! Und es ist ein Weg, wie wir uns auf zukünftige Veränderungen vorbereiten können; und auch zukünftige Krisen. Durch Stärkung der Gemeinschaft, vielleicht auch dadurch, dass wir im Kleinen wieder anfangen, die Städte umzubauen, zumindest was Ideen angeht, wie Städte aussehen könnten.“

Rhein:raum: Im Moment sieht man, wie sich beispielsweise in der Türkei, wo es eigentlich „nur“ um die Errichtung eines Einkaufszentrums geht und woraus eine ganze Protestbewegung entstanden ist, der Frust entlädt. Genauso wie in Brasilien der Protest gegen den schlechten Öffentlichen Nahverkehr zur Infragestellung vieler Schieflagen wird. In wie weit ist denn die Urban gardening Bewegung ein Phänomen, wo Menschen beginnen wieder selbst zuzupacken, sich verselbstständigte Strukturen wieder aneignen und eine Art Stadtentwicklung von unten beginnen?

Anna Wissmann: „Als Protest würde ich es nicht unbedingt sehen, dafür ist es eigentlich zu sanft und nicht so sehr gegen etwas, sondern für etwas anderes. Als Gärtner hat man zumindest das Bedürfnis, seinen Garten bis zur Ernte zu behalten, also ist es etwas anderes als eine Barrikade zu errichten oder ein Transparent zu entrollen. Deshalb würde ich es nicht in die Kategorie Protest einordnen. Es geht darum, Vorstellungen wie die Welt werden könnte, jetzt, im Kleinen sichtbar zu machen. Das, was wir anstreben – z. B. eine Stadt, in der Menschen gemeinschaftlich leben und vielleicht das Grün die Überhand hat, und nicht Infrastruktur für Autos. Insofern ist es schon eine Demonstration, aber nicht in dem Sinne von Protestaktionen, sondern in dem Sinne von ‚wir zeigen hier wie das aussehen könnte oder wie wir hoffen, daß es wird‘.“

Rhein:raum: Die Urban Gardening Bewegung hat eine andere Angangsweise- Lösungsfokussiert und nicht auf das Problem gerichtet wie häufig der Protest.

Anna Wissmann: „Es geht nicht darum, das eine oder das andere zu tun. Ich denke, die Kombination ist gut. In den Protest geht viel Kraft, ein Garten gibt, abgesehen von der körperlichen Anstrengung, viel Kraft, was die Kombination wichtig macht. Wenn jetzt alle in ihre Gemeinschaftsgärten zurückziehen würden, würden viele wichtige Dinge auf der Straße nicht mehr passieren.

So müssen wir in der Ermekeilkaserne zwar nicht protestieren, aber zuerst geht es immer darum, sich diese Möglichkeit zu … erkämpfen – das ist vielleicht zu viel gesagt, aber zu erstreiten. Hier in Bonn ist einfach sehr wenig Platz, es gibt keine Flächen, die darauf warten, begärtnert zu werden – man muss sich Zugang verschaffen, das heißt politische Arbeit leisten.

Es geht um die Frage, ‚wohin soll sich unsere Stadt entwickeln? Wenn da ein Gelände frei wird, sollen dann da mehr Luxusappartments drauf und noch eine Tiefgarage vielleicht? Oder sollen wir damit lieber eine sinnvolle Stadt-Weiterentwicklung betreiben?'“

Rhein:raum: Der Prozess politisiert die Menschen also eher, als daß die Handlung an sich politisch ist.

Anna Wissmann: „Ich denke schon. Es stellt einfach in Frage, was als Normal angesehen wird. In einer Stadt wie Bonn, wo viele Menschen mir mehr Geld leben, ist es inzwischen völlig normal, dass dort teure Wohnungen gebaut werden und sonst nichts passiert, was zur Stadtentwicklung beiträgt. Dem wollen wir etwas entgegen stellen, und zwar nicht nur als Konzept mit Zeichnungen und Ideen, sondern auch als konkretes, erlebbares Bild. Und sagen, ‚in diese Richtung könnte man das auch betreiben, so könnte das auch aussehen und sich anfühlen‘. Ich glaube, das ist sehr sehr wichtig. Natürlich, Menschen die sich im Garten kennen lernen, können auch eher noch etwas anderes gemeinsam machen, als Leute, die sich nur um ihre Parkplätze streiten. Das ist eine andere Form der Begegnung und so kann man sich dann auch organisieren und andere Projekte in Angriff nehmen.“

Vielen Dank für das Interview.

 

 

Links zum Thema Urban gardening:

Christa Müller, Informelles Gärtnern. Zur Freestyle-Architektur des Urban Gardening, in: Bauwelt 39/2012
http://www.bauwelt.de/sixcms/media.php/829/bw_2012_39_0016-0019.833811.pdf

Martin Ottmann, Auf dem Weg in die postfossile Gesellschaft, in: GA 3./4.11.12
http://www.bonn-im-wandel.de/wp-content/uploads/2012/11/GA-Artikel_12-11-03.pdf

Viola Brocker, Ein kleines Stück Eden, in Robin Wood, Heft 111, April 2011
http://www.robinwood.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Magazin/2011-4/111-6-11-titel.pdf

Jan Spille, Osthain Grüner Weg: Urban Gardening mit Businessplan, in: Stadtrevue, Heft 8/2012
http://www.stadtrevue.de/archiv/archivartikel/2836-obsthain-gruener-weg-urban-gardening-mit-businessplan/

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