Interview mit Philipp Ingenleuf:

Schluss mit der atomaren Teilhabe!

25. Juli 2013.

Deutschland atomwaffenfrei? Falsch. Auf dem Fliegerhorst Büchel in der Südeifel sind zur Zeit etwa 20 Atomwaffen stationiert. Der Bonner Philipp Ingenleuf ist empört. Als Mitarbeiter des Netzwerk Friedenskooperative und Koordinator der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ setzt er sich aktiv für eine atomwaffenfreie Welt ein, wie er Rheinraum im Interview berichtet.

rhein:raum: Philipp, du bist Mitorganisator der Protestaktionen am Fliegerhorst Büchel. Erzähl uns doch, worum es bei der Aktion geht.

Philipp Ingenleuf: Mit den Protestaktionen am 11. und 12. August wollen wir ein deutliches Zeichen für den Abzug der in Büchel stationierten Atomwaffen setzen. Dies geschieht mit viel Musik und bunten Aktionen. Ein Personenbündnis hat sogar zur gewaltfreien „Musikblockade“ des Fliegerhorstes aufgerufen.
In Büchel lagern zur Zeit rund 20 strategische Atomwaffen, die der NATO zur Verfügung stehen.Im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl möchten wir daher natürlich Druck auf die Parteien und einzelne Abgeordnete ausüben sich verstärkt für den Abzug der Atomwaffen einzusetzen. Im Jahr 2010 hat der Bundestag die Regierung einstimmig aufgefordert, sich für den Abzug der in Deutschland stationierten Atomwaffen einzusetzen. Bis heute hat sich an der Lage aber nichts geändert. Höchste Zeit also, um der Politik einen Denkzettel zu verpassen!

rhein:raum: Was findet denn am 11. und 12. August in Büchel genau statt? Was ist geplant?

Philipp Ingenleuf: Als Auftakt zu der Veranstaltung gibt es am Sonntag um 11:55 Uhr ein Konzert der „Lebenslaute“ vor dem Haupttor des Fliegerhorstes Büchel. Anschließend geht es ab 14 Uhr zu den anderen sieben Toren, an denen wir mit unterschiedlichen Themen aktiv sein werden.
Am Haupttor, aber auch an den weiteren Toren, wird es bis Montag Mittag eine Menge Konzerte geben, unter anderem von Nina Hagen, Wareika, Guaia Guaia und vielen weiteren. Ganz nach dem Motto „rhythm beats bombs“.
Die Aktionen und Sitzblockaden enden am folgenden Tag um 6 vor 12. Anschließend machen sich alle wieder zum Haupttor auf, wo es einen gemeinsamen Abschluss geben wird.

rhein:raum: Warum fängt die Aktion um 5 vor 12 an und endet um 6 vor 12?

Philipp Ingenleuf: Die Uhrzeiten stehen symbolisch für die nukleare Abrüstung. US-Wissenschaftler setzen diese Uhrzeit fest um der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, wie nah die Welt an einer nuklearen Katastrophe steht. Durch die verschiedene Ereignisse, z.B. der Atomwaffentest Nordkoreas oder neue Spannungen zwischen Indien und Pakistan, wurde die Uhr vorgestellt auf 5 vor 12.
Wir hoffen, dass sie bald wieder zurückgestellt wird und dass unser Protest einen kleinen Beitrag dazu leisten kann.

rhein:raum: Nun wird es aber sicherlich auch viele Leute geben, die einer Blockade/ Aktion des Zivilen Ungehorsams skeptisch gegenüber stehen, z.B. weil sie rechtliche Konsequenzen befürchten. Was kannst du uns dazu sagen?

Philipp Ingenleuf: Diese Bedenken sind verständlich. Aber man kann an den Protesten auch teilnehmen, ohne zu Blockieren. Es wird während der gesamten Zeit die Möglichkeit geben ganz legal gegen die in Büchel gelagerten Atomwaffen zu protestieren. Wir haben für die Dauer der Proteste an allen Toren Mahnwachen angemeldet. Wer sich dort aufhält, wird rein gar nichts zu befürchten haben.
Die Teilnahme an der Sitzblockade geschieht auf rein freiwilliger Basis. Jeder sollte sich im Vorfeld überlegen, ob er an der Blockade teilnehmen will oder nicht. Auf der Webseite www.atomwaffenfrei.de sind dazu auch weitere hilfreiche Rechtsinformationen zu finden.

rhein:raum: Sind die Atomwaffen, die in Büchel gelagert werden, denn wirklich eine Gefahr für uns?

Philipp Ingenleuf: Ja, davon bin ich fest überzeugt. Atomwaffen sind eine Bedrohung für die gesamte Menschheit. Es gibt zahlreiche Fälle, in denen Atomwaffen durch Unfälle oder falschen Alarm beinahe explodiert oder eingesetzt wurden. Es gibt tausende alarmbereite nukleare Sprengköpfe. Dadurch ist die Gefahr ungeheuerlich groß. Die Folgen wären fatal. Schon die Lagerung von Atomwaffen ist unverantwortlich. In Büchel gibt es beispielsweise keinen ausreichenden Brandschutz. Bei einem Brand könnte im schlimmsten Fall hochgiftiges Plutonium austreten.

rhein:raum: Kannst du uns sagen, was die zentralen Forderungen der Kampagne „Atomwaffenfrei jetzt!“ sind?

Philipp Ingenheuf: Die Aktion „Atomwaffenfrei jetzt!“ hat drei konkrete Forderungen.
Zunächst einmal Fordern wir einen sofortigen Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland. Im Grunde genommen fordern wir damit nur, was die Politik schon längst beschlossen hat. Deshalb: Schluss mit der atomaren Teilhabe! Wir wollen Druck machen, damit Deutschland seinen Teil zu einer atomwaffenfreien Welt beiträgt.
Außerdem sprechen wir uns gegen eine Modernisierung von Atomwaffen aus. Die B61-Bomben zu modernisieren wäre ein fatales Zeichen gegen die Abrüstung für andere Staaten. Dazu wären Unmengen an Geld nötig, das wir viel besser im sozialen Sektor gebrauchen können oder zum Kampf gegen den Klimawandel und Armut.
Und zuletzt sind wir für ein generelles Verbot von Atomwaffen. Jeder Einsatz von Atomwaffen ist ein nicht hinnehmbarer Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht, da sie keinen Unterschied zwischen Kämpfern und Zivilisten macht. Auch sind die Langzeitfolgen für kommende Generation, sowie die schweren Umweltschäden,fatal.

 

Philipp Ingenleuf studierte Internationale Beziehungen am University College Maastricht (BA) und an der London School of Economics (MSc). Seit 2011 engagiert er sich innerhalb Friedensbewegung und ist seit 2012 Mitarbeiter des Netzwerk Friedenskooperative/ Friedensarbeiter. Er ist Koordinator der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ und gehört zum SprecherInnen Kreis der „Kooperation für den Frieden„.

rhein:raum: Zum Abschluss: Wie schätzt du die Erfolgschancen der Aktion in Büchel ein? Glaubst du, ihr könnt eine nachhaltige Veränderung bewirken?
Philipp Ingenleuf: Unser Vorhaben ist sicherlich nicht einfach, aber ich denke, dass wir durchaus etwas bewegen können. Wir werden sicherlich ein größeres Medienecho erzeugen und viele Menschen erreichen können. Das Problem ist noch, dass den wenigsten Menschen bewusst ist, dass es in Deutschland immer noch Atomwaffen gibt und deutsche Piloten, die trainiert sind, diese abzuwerfen. Dabei spricht sich eine überwiegende Mehrheit von etwa 80 Prozent der Deutschen klar gegen Atomwaffen aus. Höchste Zeit also, dass wir dieser Stimmung in der Bevölkerung einen Ausdruck verleihen, um Druck auf die Politik auszuüben.
Der Abzug der Atomwaffen aus Büchel ist ein erster wichtiger Schritt hin zu einer weltweiten Abrüstung. Sollten die Atomwaffen aus Deutschland abgezogen werden, dann würden weitere Länder wie die Niederlande, Belgien und Italien sicher folgen. Dies wäre ein riesiger Erfolg und könnte weitere Schritte hin zu einer atomwaffenfreien Welt mit sich ziehen.

rhein:raum: Das sind ja ein durchaus optimistisches Fazit. Vielen Dank für das Gespräch!

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