Kommentar zum Merkelbesuch

Bonn im Angie-Wahn?

26. August 2013.

Bühne frei für die Wohlfühlkanzlerin. Am vergangenen Samstag machte Angela Merkels Wahlkampftour Halt in Bonn. Dort hielt sie eine flammende Rede über… naja, worüber eigentlich? Und eine „flammende“ Rede war es eigentlich auch nicht. Na gut, ein paar Sätze zur politischen Lage gab „Mutti“ schon von sich. Etwa zur Arbeitslosigkeit, zur Steuerpolitik und, ach ja, zum Berlin/Bonn-Gesetz hat sie auch was gesagt. Dazu stünde sie im übrigen. Es gäbe da ja auch ganz klare Zahlenvorgaben.

Und was hat sie noch zur politischen Lage gesagt? Mal nachdenken… Genau, fast wäre der deftigsten Teil der Wahlkampfrede in Vergessenheit geraten. „Mutti“ ist ganz entschieden gegen die Einführung eines „Veggie-Days“. Ein wirklich wichtiges Thema, das unbedingt in einer halbstündigen Rede behandelt werden muss. Immer wieder fällt das Wort „Freiheit“. Da geht es nun einmal an die grundlegendsten Werte unserer Gesellschaft, die künftig nicht nur am Hindukush, sondern auch mitten in bundesdeutschen Kantinen verteidigt werden müssen. Das hat „Mutti“ ganz richtig erkannt.

Gott sei dank haben wir noch Menschen, die uns vor dem Verlust unserer Freiheit schützen. Um nicht falsche Assoziationen zu wecken: als Angela Merkel am Samstag über Freiheit sprach, da hat sie natürlich nichts zum aktuellen NSA-Skandal gesagt. Warum auch? Verdirbt doch nur die Laune zu hören, dass unsere Mails mitgelesen werden.

Und unsere „Mutti“ hat auch keine Zeit für so etwas. Dafür menschelt sie viel zu gern mit dem Bonner Publikum. Sie habe früher auch mal in Bonn gewohnt. Damals, zu Kohls Zeiten. Im schönen Muffendorf habe sie in einer Wohnung direkt am Hang gewohnt, plaudert sie. Das kommt an! Zahlreiche Merkel-Fans halten begeistert Schilder mit der Aufschrift „Angie“ in die Luft.

Zugegeben: „Mutti“ tut ihr Möglichstes, um das Wir-Gefühl zu beschwören. Dabei verfällt sie bei Zeiten in endlose Aufzählungen, um zu zeigen, wie vielfältig WIR sind.

Und das Publikum dankt mit einem regelrechten Merkel-Personenkult. Merkel-Kritiker, die sich am vergangenen Samstag ebenfalls auf dem Marktplatz einfanden, wurden teilweise einfach mit einem Sichtschutz aus „Angie“-Plakaten verborgen. Ein wahrer Fan der Kanzlerin kann doch unmöglich zulassen, dass ihr Auge mit handfester Kritik konfrontiert wird. Nicht nachdem man „Mutti“ bei Liedern wie „Simply The Best“ oder „Nur noch kurz die Welt retten“ in Empfang genommen hatte.

Tja, das Mutti-Fieber ist eben ansteckend. Sogar die Süddeutsche betitelt Merkels Bonn-Besuch: „Ein Tag mit der Königin“. Hoffen wir, dass das ironisch gemeint war. Und wenn nicht? Dann können wir nur noch hoffen, dass der Merkel-Kritiker recht behalten wird, der am vergangenen Samstag das Schild mit der Aufschrift „Merkelitis ist heilbar“ trug.

 

Legt den Leo an die Kette!

Nicht nur SPD-Nachwuchs war am Samstag mit Schildern vor Ort, um auf die Schattenseiten der Kanzlerin aufmerksam zu machen. Friedensbewegte nutzten die Gelegenheit und kritisierten die deutsche Rüstungsexportpolitik. Mehr zum Thema: rhein:raum im Gespräch mit Friedensaktivist Martin Singe

Foto: rhein:raum

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