6. September 2013.

Am 26.05.2013 gaben die Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn, das Bundesverteidigungsministerium und das Außenministerium bekannt, dass sie gemeinsam die Einrichtung einer so genannten „Henry Kissinger Professur“ für Internationale Beziehungen und Völkerrechtsordnung planen. Anlass ist der 90. Geburtstag des prominenten Namensgebers. Henry Kissinger ist nicht irgendwer: Er bestimmte von 1969 bis 1977 maßgeblich die US-amerikanische Außenpolitik mit. Zunächst als Nationaler Sicherheitsberater und dann, zeitweilig in Personalunion, als Außenminister.

Liest man die Pressemitteilungen, in welchen die Universität und die beiden Ministerien die Einrichtung der Professur bekanntgeben, so kann man nicht nur den Eindruck gewinnen, Henry Kissinger sei ein mit allen Wassern gewaschener Politiker – was er war – sondern auch ein großer Friedenspolitiker. Westerwelle dazu:

…über den Autor: Lukas Mengelkamp ist Arbeitsvorstand der Grünen Hochschulgruppe ghg-campus:grün Bonn.

„Henry Kissinger hat sich in herausragender Weise um Friedenspolitik und Entspannung, um Sicherheit und Abrüstung in der Welt verdient gemacht.“

Ist es da nicht völlig unverständlich, dass die Friedens- und Bürgerinitiativen, Parteien und Bonner Hochschulgruppen, darunter die Grüne Hochschulgruppe, gegen die Henry Kissinger Professur sind? Schließlich wird da ein großer Mann geehrt und auch noch endlich Geld in das unterfinanzierte Bildungssystem investiert. 250.000 Euro vom Verteidigungs- und 50.000 Euro vom Außenministerium.

Wer sich nun wundert und deshalb die Mühe macht, Informationen über Henry Kissinger zu suchen, wird bald feststellen: Der Mann ist offensichtlich nicht nur ein einflussreicher und großer Außenpolitiker gewesen, sondern auch noch Friedensnobelpreisträger! Nun scheint es grundsätzlich unverständlich, dass die der Professur kritisiert wird.

Bemüht man sich allerdings noch ein wenig intensiver um Informationen, erfährt man auch, wofür er den Nobelpreis bekommen hat: Für die „Beendigung“ des Vietnamkriegs. Tatsächlich ging der Krieg nach Abschluss der Pariser Friedensverträge 1973 noch bis 1975 weiter. Er endete mit der Einnahme Saigons, der Hauptstadt des mit den USA verbündeten Südvietnams durch die nordvietnamesische Armee. Der Friedensvertrag war nicht viel mehr, als eine Regelung für den Rückzug der US-Truppen aus dem Krieg. Den Krieg beendete er aber nicht. Noch viel wichtiger aber: Henry Kissinger ordnete während der Verhandlungen immer wieder schwere Flächenbombardements auf Vietnam an, um den Druck auf die Gegenseite zu erhöhen. Bei diesen Bombardements kamen Tausende Zivilisten ums Leben. Henry Kissinger ist weiterhin für Flächenbombardements auf die neutralen Staaten Kambodscha und Laos verantwortlich; durch diese kamen nach konservativen Schätzungen 200.000 Menschen um, andere Schätzungen gehen von bis zu 950.000 Toten aus. Die Bombardierungen destabilisierten beide Staaten und trugen so zur Machtübernahme der Roten Khmer in Kambodscha bei. Die Roten Khmer begingen bald darauf Völkermord an den Kambodschanern.

Unter Henry Kissingers Ägide fallen noch weitere Vorfälle und Maßnahmen, welche Zweifel an seiner Vorbildrolle für Forschung und Lehre säen: Seit der Wahl des sozialistischen Präsidenten Chiles, Salvador Allende, setzte die CIA auf Weisung Kissingers sämtliche Hebel in Bewegung um Allende zu stürzen. Rechte Paramilitärs wurden mit Geld und Waffen unterstützt, damit diese Anschläge auf Personen des öffentlichen Lebens und wichtige Einrichtungen begingen. Prominentestes Opfer war 1970 der militärische Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte René Schneider. Dieser stand den von der CIA unterstützten Kräften im Militär im Wege, welche durch einen Putsch Salvador Allende stürzen wollten. Bis 1973 wendete die CIA 13 Millionen Dollar auf, um rechte (Para-)Militärs zu unterstützen. Am 11. September 1973 wurde die demokratisch gewählte Regierung Allendes schließlich gestürzt. Während des Putsches kamen 3.000 Menschen ums Leben, Tausende wurden gefoltert oder mussten ins Exil gehen. Öffentliche Einrichtungen wie Fußballstadien wurden als Konzentrationslager genutzt. Zeitweilig waren allein im Estadio Nacional in der Hauptstadt Santiago de Chile 40.000 Menschen interniert.

1970/71 unterstützte Kissinger das Vorgehen der pakistanischen Armee gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Ostpakistan/Bangladesch. Während der Unruhen im Vorfeld des Bangladesch-Kriegs und im Krieg selbst kamen bis zu 3 Millionen Zivilisten ums Leben. 1975 billigte Kissinger darüber hinaus ausdrücklich die Invasion Osttimors durch die indonesische Armee. Bis zur Unabhängigkeit Osttimors 1999 kamen 100.000 Menschen ums Leben, bei einer Gesamtbevölkerung von 800.000. Kissingers zynische Begründung für die Unterstützung Pakistans und Indonesiens war, dass man wichtige Verbündete nicht verprellen wollte.

Was bleibt also von dem Friedensnobelpreisträger übrig, welcher in Bonn durch eine Professur geehrt werden soll? Anscheinend nicht viel. Durchaus kann man Kissingers Verdienste um die Entspannungspolitik zwischen den USA und der Sowjetunion anerkennen. Die Entspannung des Kalten Krieges in Europa ging allerdings mit einer Eskalation in der restlichen Welt einher.

Ist es möglich, die Verantwortlichkeit Henry Kissingers für die Ereignisse in Vietnam, Kambodscha, Laos, Chile, Bangladesch und Osttimor einfach auszublenden? Denn nur dann kann man sich einbilden, dass dieser Mann ein Vorbild für Wissenschaft und Lehre sei. Kommt man zu dem Schluss, dass man diese Ereignisse nicht von der Person Kissinger trennen kann, so muss man sich folgende Frage stellen: Kann man nach jemanden, der für Handlungen verantwortlich ist, welche nach geltendem Internationalen Recht als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewertet werden können, eine Professur für Völkerrechtsordnung benennen?

 

Foto: Alexander Boden

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