Interview: die BürgerEnergie Siebengebirge e.G.

„Wir wollen dezentrale Strukturen schaffen!“

15. Oktober 2013.

Die BürgerEnergie Siebengebirge e.G. treibt die Energiewende in Bonn und Umgebung voran. Bereits drei Anlagen mit einer Gesamtleistung von 400 kWp hat die Genossenschaft seit 2012 gebaut; in Königswinter auf dem Dach einer Grundschule, dem Rathaus von Königswinter-Thomasberg und zusammen mit der „Solarzelle Bonn“ auf dem Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Bonn-Ückesdorf. Für neue Projekte, neben solar auch Windenergie und Blockheizkraftwerke zu bauen, sucht die Genossenschaft geeignete Dächer und weitere Genossen, Menschen die mit einem Anteil die Finanzierung ermöglichen.
Während es den engagierten Bürgern eher an geeigneten Standorten als an begeisterten Trägern fehlt, sieht es jedoch in der Solarbranche weniger rosig aus. Die heiß diskutierte Energiewende wird immer wieder aufs Neue für gescheitert oder verfehlt erklärt.
Die Genossen der Bürgerenergie Siebengebirge nehmen die Energiewende jedoch selbst in die Hand. Warum und wie, darüber hat rhein:raum mit Michael Morawietz gesprochen.
Michael Morawietz, Bonner Bürger seit 1980, ist ehrenamtlich in der Energiegenossenschaft Siebengebirge aktiv. Als Berater von Ökolandwirten ist er auch beruflich im Umweltbereich tätig. „Es geht mir darum, den Ökosektor insgesamt weiter zu bringen, also nicht nur Energie, sondern auch biologische Lebensmittel und zum Beispiel Ökomobilität voran zu treiben“, erklärt Michael Morawietz seine Vision.

Rhein:raum: Ihr, die Bürgerenergie Siebengebirge e.G., setzt euch für eine Energiewende vor Ort ein. Ist die Energiewende in Deutschland auf dem richtigen Weg?

Die Bürgerenergie Siebengebirge e.G.

…gibt es seit 2011 mit dem Ziel, erneuerbare Energieprojekte in Bürgerhand zu bauen und zu betreiben. Anders als bei Aktiengesellschaften haben die Genossen ein Stimmrecht, egal wie hoch ihre Einlage ist. Die Planung und Betreibung von Energieanlagen auf kommunalen Dächern war für die Stadt Bonn ein Novum. Durch die kleinanteilige Finanzierung gelingt es der Genossenschaft im Gegensatz zu großen, Kreditvergabe-abhängigen Gesellschaften, trotz geringer staatlicher Unterstützung, kleine Projekte zu stemmen.

 Michael Morawietz: „Die Energiewende ist natürlich nicht auf dem richtigen Weg. Sie ist mit positiven Elementen angedacht gewesen und dann aber in den letzten Jahren immer mehr durchlöchert worden; zum Beispiel der Umgang mit der Einspeisevergütung für erneuerbare Energieanlagen. Das hat natürlich zu einer Unzufriedenheit der Anlagenbetreiber geführt. Man kann sich immer wieder darüber unterhalten, ob Gesetze angepasst werden müssen an die aktuellen Gegebenheiten. Ich denke, das ist auch beim EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) sinnvoll, dass man dort über eine Modifizierung spricht, aber im positiven Sinne. Was man als positive Veränderung werten könnte, wäre zum einem die feste Verankerung von Bürgerenergiegenossenschaften als fester Bestandteil der Energiewende. Das diese also bevorzugt und auch präferiert gefördert werden, heißt, dass Energieanlagen, die von Bürgerenergiegenossenschaften betrieben werden, bei der Einspeisung auch eine gewisse Vorrangstellung genießen. Erreichbar wäre dies durch fixe Vergütungssätze, um solche Anlagen überhaupt planen und dann auch betreiben zu können. Insgesamt brauchen wir bei der Modifizierung des EEG´s verlässliche Rahmenbedingungen, gerade für Bürgerenergieanlagen.“

Rhein:raum: Als Bürger-organisierte Genossenschaft steht ihr für eine vielmehr dezentrale, demokratischere Energieversorgung, als das einem Großkonzern möglich wäre. Hat ein Großkonzern nicht viel mehr Möglichkeiten oder Know-how derartige Projekte zu stemmen? Warum macht ihr es lieber selber?

Michael Morawietz: „Wir machen das, weil die Bürger mit der Politik der Stromkonzerne unzufrieden sind. Das sind Großkonzerne, die zwangsweise Gewinne erwirtschaften müssen, weil sie in der Regel Aktiengesellschaften sind. Wir haben den Ansatz, uns davon unabhängig zu machen, wir wollen dezentrale Strukturen schaffen. Dezentral bedeutet, dass man Energieanlagen dorthin baut, wo auch Strom verbraucht wird, also sich Verbrauch und Erzeugung an einer Stelle befinden. Beispielsweise in einer Kommune wie Bonn, wo ein direkter Verbrauch durch die Bürger stattfindet. Bei den Großkonzernen haben wir das Gefühl, dass die immer größere Anlagen bauen. Der Strom muss transportiert werden und wir wissen ja vom Netzausbau, dass dieser nicht so einfach ist. Das könnte man mit unserem Konzept ganz einfach lösen, nämlich dezentrale Anlagen schaffen, den Strom dort erzeugen wo er verbraucht wird.

Insgesamt ist das Thema Energie den Bürgern wichtig; man will sich engagieren! Wir haben in den letzten Jahrzehnten viel Atomkraft und Atompolitik gehabt. Damit haben die Stromkonzerne viel Geld verdient. Wenn es jetzt um die Stilllegung und Entsorgung dieser Anlagen und des Mülls geht, werden diese Kosten sozialisiert, d.h. der Bürger muss die Kosten der Entsorgung tragen. Das ist vollkommen inakzeptabel!“

Rhein:raum: Als Genossenschaft habt ihr ja eine ganz andere Organisationsform als ein Energieoligopolist wie RWE. Warum macht es Sinn, das heikle Thema Energie auf diese Weise zu organisieren?

Michael Morawietz: „Für die Konzerne sind Bürger Stromkäufer. Als Aktiengesellschaften müssen diese Gewinne erwirtschaften. Außerdem bestimmen sie alleine den Strompreis, sie bestimmen welche Anlagen und wo diese gebaut werden. Viele Bürger gehen seit einiger Zeit andere Wege. Aktuelle Umfragen zeigen: 80 Prozent der Bürger sind für den Atomausstieg und gleichzeitig für den Ausbau erneuerbarer Energieanlagen. Rund zwei Drittel wollen die Stromversorgung tatsächlich in die eigenen Hände nehmen. Es gibt also einen kollektiven Willen, welcher auch Ernst genommen werden sollte.“

Rhein:raum: Das hat sich gerade auch in Hamburg gezeigt, wo mit der Bundestagswahl in einem Volksentscheid über den Rückkauf der kommunalen Stromnetze vom derzeitigen Betreiber Vattenfall abgestimmt wurde. Wie sieht es in Bonn mit der Rekommunalisierung der Stromnetze aus. Zeigt sich dieser Deutschlandweite Trend auch hier?

Michael Morawietz: „Wir haben ja nicht nur das Beispiel Hamburg, sondern auch Berlin, wo es die Bürgerenergie Berlin gibt, die auch die Netzte zurückkaufen wollen. Oder im Süden der Republik die Elektrizitätswerke Schönau, eine Genossenschaft, die sowohl Strom erzeugt als auch Netze betreibt. Das sind positive Beispiele.

In Bonn haben wir die Stadtwerke Bonn (SWB), die, weil in kommunalem Besitz, sich in Bürgerhand befinden, juristisch gesehen. Die Bonner Energienetzwerke GmbH ist eine Tochtergesellschaft der SWB, also sind die Stromnetze in städtischer Hand, nur eben nicht zu 100 Prozent. Denn die flächenstarken Bezirke Beuel und Bad Godesberg sind fest in Hand der RWE bzw. deren Tochtergesellschaften und dort engagieren sich die Stadtwerke noch nicht. Der Anfang ist hier gemacht- Teile der Netze und der Versorgung liegen in kommunaler Hand. Insgesamt muss mehr Transparenz geschaffen werden!“

Rhein:raum: Ihr und zahlreiche Investoren beklagen die schlechte Vergütung von Solaranlagen, so dass auf vielen Dächern auch in Bonn zurzeit keine kleinen Kraftwerke gebaut werden. Wie finanziert ihr eure Anlagen?

Michael Morawietz: „Wie haben zurzeit drei Projekte, zwei im Stadtgebiet Königswinter, das Dritte in Bonn Ückesdorf. Das sind alles Anlagen, die wir auf kommunalen Dächern betreiben. Die Investitionskosten haben wir selbst getragen, indem wir Bürger zu Informationsabenden eingeladen und angesprochen haben. Die Veranstaltungen waren gut besucht. Die Bürger werden dann Genossen in unserer Bürgerenergie Siebengebirge e.G. Es werden  Anteile à 500 Euro gezeichnet. Die restlichen Investitionskosten sind dann über Bankkredite erbracht wurden. Ziel ist natürlich auch, durch die kleine Stückelung der Genossenschaftsanteile viele Bürger zu beteiligen. Viele Genossen haben 500 Euro Anteile, man kann aber auch mehr Einlagen zur Verfügung stellen. Jeder Bürger hat dadurch die Möglichkeit, sich zu engagieren, sich zu beteiligen. Das ist das Reizvolle an unserem Angebot, man kann mit relativ bescheidenen Anteilen an der Energiewende teilhaben. Unser Ziel ist, noch mehr Genossen zu gewinnen, schließlich brauchen wir für zukünftige Projekte eine neue Finanzierung.“

Rhein:raum: Neue Projekte- wie sieht es mit der zurzeit leer stehenden Ermekeilkaserne in der Bonner Südstadt aus? Ein solares Kraftwerk mitten in der Stadt- wäre das eine Option?

Michael Morawietz: „Grundsätzlich ja. Zu allererst muss sich der Besitzer Gedanken machen, wie er die Gebäude in Zukunft nutzen will, dann muss man sehen, welche Dächer überhaupt geeignet sind, weil nicht jede Dachfläche Richtung Süden geht. Sinnvoll ist in jedem Fall die Nutzung von Solarenergie und Solarthermie gekoppelt mit einem Blockheizkraftwerk (BHKW). Dieses Projekt käme möglicherweise  auch für Energiegenossenschaften wie unserer in Frage. Man muss die Kosten und auch die Erlöse kalkulieren. Ich bin gespannt, wie die weitere Entwicklung der Ermekeilkaserne verlaufen wird und es eventuell  Möglichkeiten zur Umsetzung unserer Ideen kommen wird.

Rhein:raum: Vielen Dank für das Interview!

Link: BürgerEnergie Siebengebirge e.G

Foto: Mark Bugnaski / JOKER

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