Gärtnerisches Engagement in der Ermekeilkaserne

Ein Ort des Eigensinns und des selbstbestimmten Tuns

24. Juni 2014.

Urbanes Gärtnern liegt im Trend. Überall sprießen sie aus dem Boden, die Gemeinschaftsgärten, die sich in allen erdenklichen Formen und Varianten präsentieren. Seit diesem Führjahr grünt und blüht es auch im Innenhof der Ermekeilkaserne in Bonn. Über 100 Engagierte bepflanzen hier an die 50 Kisten mit Kartoffeln, Kohlrabi, Salat und anderen Leckereien – dazwischen blühen bunte Blumen.

Wer das Gelände betritt, fühlt sich wie in eine neue Welt entrückt, in der die Zeit langsamer läuft und andere Gesetze walten. Hinter dem stählernen Eingangstor der Kaserne verbirgt sich ein stressfreier Ort, eine Oase der Ruhe für überbeanspruchte Städter/innen. Zwischen den Pflanzkisten laden Tische und Gartenstühle zum Träumen und Kaffeetrinken ein – dass einige davon selbst zusammengezimmert sind, verleiht dem Garten einen zusätzlichen Charme.

Während man hier sitzt und das Ergebnis der emsigen Arbeit genießt, scheint einem die Frage nach dem Warum plötzlich beinahe hinfällig. Urban Gardening ist ein weltweites Phänomen, das immer weiter wächst und wie es scheint eine Vielzahl von Funktionen erfüllt. Der persönliche Antrieb kann dabei so unterschiedlich sein, wie die Menschen, die sich daran beteiligen. Katja de Bragança gehört zu den Aktiven im Ermekeilgarten und beschreibt ihre persönliche Motivation wie folgt: „Wenn ich diese Arbeit hier mache bin ich aus meinem beruflichen Alltag draußen, da werden andere Ebenen berührt. Ich habe Kinder, ich habe Enkel, und da spüre ich eine Verantwortung. Und das spüre ich bei vielen, die hier sind.“

Ein Gefühl von Verantwortung, Spaß an der praktischen Auseinandersetzung mit der Natur, das Interagieren mit Menschen, denen man im Alltag nicht begegnen würde, ein Voneinander-Lernen und Miteinander-Tun – Die Liste der Themen, die in unterschiedlicher Gewichtung im Fokus der Beteiligten stehen ist lang. Berührt werden persönliche, soziale, ökologische und ökonomische Ebenen. Der Garten schafft einen Rahmen, in dem Austausch, Lebensraumgestaltung, gesellschaftliche Entwicklung und persönliches Wachstum stattfinden kann.

Die Produktion von Nahrungsmitteln scheint dabei nur ein Aspekt unter vielen zu sein. Diese erfolgt auch im Ermekeilgarten nach umweltverträglichen Kriterien. Torfhaltige Blumenerde, Kunstdünger und Pestizide sowie genmanipuliertes Saatgut werden weitgehend vermieden. Was sich nicht vermeiden lässt sind Einflüsse, die aus der Luft bzw. dem Regenwasser hinzukommen. Dass Stadtgemüse mehr Schadstoffen ausgesetzt ist und in sich aufnehmen kann als Gemüse vom Land ist jedoch eine Befürchtung, die sich so nicht bestätigen lässt. „Manche Luftschadstoffe werden vom Wind sehr weit transportiert und beeinträchtigen auf dem Land produziertes Gemüse ebenso wie das in den Städten.“ erklärt Dr. Joe Nasr von der Ryerson University in Toronto und fügt hinzu: „In der Vergangenheit war die Bleibelastung die größte Sorge der urbanen Gärtner, seit dieses aber in den meisten Ländern aus dem Benzin genommen wurde, stellt es keine Gefahr mehr dar.“

Ganz gleich ob gesünder als Landgemüse oder nicht, der Enthusiasmus, mit dem die Ermekeilgärtner/innen hier bei der Sache sind, wirkt so belebend, dass solche Fragen zweitrangig werden. Urban Gardening ist ein Lebensgefühl, eine Verbindung mit dem Hier und Jetzt und der Mut, das eigene Umfeld zu verändern. Als politische Aktivisten wollen sich viele von ihnen jedoch nicht unbedingt sehen, auch wenn ein urbaner Garten im öffentlichen Raum immer auch ein politisches Statement ist. Mit den Worten Christa Müllers, Soziologin und geschäftsführende Gesellschafterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis, setzt er der Tendenz zur „Ökonomisierung der Gesellschaft einen Ort des Eigensinns und des selbstbestimmten Tuns entgegen“. Öffentlicher Raum soll dem Gemeinwohl zugute kommen, ein Anspruch, dem die Ermekeil-Initiative mit ihrem Gartenprojekt bereits gerecht wird.

Und wem es jetzt in den Fingern juckt, der kann zu den Öffnungszeiten in der Ermekeilstraße vorbeischauen (Juni: Di-So, 14-20 Uhr) und selbst aktiv werden. Erst kürzlich wurden weitere Pflanzkisten gebaut und das Gartengelände erweitert. Darüber hinaus sind Sachspenden willkommen, die den Gärtner/innen ihre Arbeit erleichtern.

Foto: Ines C. Schäfer

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