17. Februar 2016.

Salopp formuliert erzählten „die Alten“ vor 40 Jahren vom Krieg, heute erzählen sie vom Frieden. Aus einem bestimmten Grund: Menschen erinnern gerne an ihre Jugend. Und diejenigen, die zu Kriegszeiten jung waren, erzählen demnach vom Krieg.

Menschen, die in ihrer Jugend große Friedensbewegungen und die Aufarbeitung der Nazizeit erlebt haben, erzählen von diesen Ereignissen und empfinden die heutige Welt mit all ihren heißen Konflikten zu Recht als desaströs.

Das am 14. Februar von der Jugendakademie Walberberg organisierte Erzähl Café mochte auf Außenstehende ähnlich wirken wie die eingangs beschriebene Situation, stand jedoch für Teilnehmer unter einem vollkommen anderen Eindruck. Hier konnten Jugendliche ganz gezielt von den Erfahrungen älterer Menschen profitieren, die aufgrund ihrer Lebenserfahrungen politische Bildung und soziale Kompetenzen vermitteln können.

Der Titel der Veranstaltung: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht

Geladene Gäste: Constantin Probst und Martin Singe

Martin Singe: Seit fast 40 Jahren in der Friedensbewegung aktiv, Publizist, Mitglied im Vorstand der Trägergruppe der Jugendakademie Walberberg und beruflich im Komitee für Grundrechte und Demokratie in Köln tätig, sprach als erfahrener Aktivist über seine Eindrücke zum Thema aktuelle Widerstandsformen in unserer Gesellschaft. Hierbei vermittelte er vor allem Erfahrungen, die er aufgrund seines langjährigen Wirkens für den Frieden gesammelt hat.

Für alle die nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnten, haben wir ihm einige Fragen gestellt:

Frage: Zunächst eine persönliche Frage: Warum bist du in der Friedensbewegung aktiv geworden? Gab es einen konkreten Anlass?

Martin Singe: Mein politischer Einstieg war erst die Dritte-Welt-Bewegung, aus Empörung über Ungerechtigkeit und Hunger in einer Welt des Überflusses. Dann kam die Erkenntnis, dass die Ursachen dieser Ungerechtigkeiten in den kapitalistischen Zentren liegen, die ihren Wohlstand militärisch absichern. Anfang der 1980er Jahre war natürlich die konkrete atomare Bedrohung auch emotional fühlbar, wir waren ja fast so nah an einem Atomkrieg wie in der Kubakrise Anfang der 1960er Jahre.

Das Thema Kapitalismus und Wohlstand durch wirtschaftlichen Kolonialismus ist heute wohl genauso aktuell wie zur Zeit deines Einstiegs in die Friedensbewegung. Und es bewegt auch heute viele Menschen zu Protesten und Widerstand.

Frage: Welchen Stellenwert misst du zivilem Ungehorsam in unserer heutigen Gesellschaft bei? Wie erlebst du den Widerstand in der Gesellschaft generell?

Martin Singe: Ziviler Ungehorsam wird zum Glück in vielen politischen Bereichen eingesetzt. Anti-Atom-Bewegung, Friedensbewegung, Ökologiebewegung, Flüchtlingsinitiativen – überall werden verschiedene Formen zivilen Ungehorsams zur Veränderung der Verhältnisse genutzt. Man muss allerdings auch nicht vorschnell von zivilem Ungehorsam sprechen. Eine Blockade steht bis zu ihrer Auflösung unter dem Schutz des Versammlungsrechts und ist somit noch gar kein ziviler Ungehorsam.

Ein gutes Stichwort – denn aktiven Menschen wird es zunehmend erschwert Demonstrationen und Protestaktionen zu organisieren.

Frage: Für wie gefährlich hältst du diese zunehmende Beschränkung von Demonstrationen (massiv beim G7 Gipfel auf Schloss Elmau) und den vermehrten Einsatz von staatlichen Ordnungskräften bei Aktionen die Widerstand in der Gesellschaft verdeutlichen sollen?

Martin Singe: Natürlich hat der Staat Angst vor Demonstrationen, sonst gäbe es gar kein Versammlungen ordnendes und beschränkendes Versammlungsrecht. Es ist ja nicht normal, dass sich Menschen eine Erlaubnis holen müssen, wenn sie sich protestierend versammeln wollen. In den neuen Landesgesetzen (Versammlungsrecht ist ja inzwischen Landesrecht) gibt es überall neue scharfe Einschränkungen, vor allem auch für Leute, die Versammlungen anmelden oder organisieren. Das darf nicht hingenommen werden, sondern muss durch Praxis, also durch extensive Inanspruchnahme des Demonstrationsrechts bekämpft werden, unter Umständen auch vor Gericht. Immerhin gab es mal ein relativ fortschrittliches Urteil, das vergessene Brokdorf-Urteil* des Verfassungsgerichts.

Eine klare Position und ein Appell an die Demokratie.

Frage: Erkennst du Unterschiede zwischen den heutigen Formen zivilen Ungehorsams und denen vor 40 Jahren?

Martin Singe: Ich sehe keine grundsätzlichen, eher technisch-organisatorische Unterschiede. Schon die Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King und Rosa Parks, also nochmal 40 Jahre früher, hatte eine unglaubliche politische Kraft durch Aktionsformen zivilen Ungehorsams bewirkt. Unser Ungehorsam ist teilweise gar nicht so mutig wie in früheren Zeiten oder in anderen Staaten. Wenn in den USA auch heute Leute aus der Pflugscharbewegung auf Raketen einhämmern und dafür 10 Jahre ins Gefängnis gehen, dann bewundere ich das. Dafür würde mir die Kraft fehlen. Also manches ist hier bescheidener.

Frage: Welche Form von Widerstand ist denn deiner Meinung nach effektiver? Die offene und aktive oder der defensive, private (Konsumverhalten ändern)?

Martin Singe: Das gehört doch unbedingt zusammen. In der Theorie der Gewaltfreien Aktion wird immer auf der einen Seite das Unrecht bekämpft und abgebaut und gleichzeitig die konstruktive Alternative aufgebaut. Die Macht, die die ungerechten Zustände aufrecht erhält, muss direkt bekämpft werden, aber gleichzeitig müssen durch den Aufbau neuer Strukturen die Alternativen ansatzhaft schon verwirklicht werden. Es gilt, gesellschaftlichen und ökonomischen Raum selbst zu besetzen und damit der Gegenmacht zu entziehen.

Frage: Gibt es ein Thema, das in unserer Gesellschaft auf zu wenig Widerstand stößt?

Martin Singe: Das Thema Knast z.B. – Früher gab es mal breit gestreute Anti-Knast-Gruppen, die sich für die Abschaffung der Gefängnisse einsetzen. Heute scheint es für alle selbstverständlich zu sein, dass es menschengerecht sei, einen Menschen in einen Käfig zu sperren, um ihn zu bestrafen.

Auch das Thema Soziale Gerechtigkeit stößt auf zu wenig Widerstand. Im Erzählcafé wurde ja von meinem Mitreferenten über Hausbesetzungen und das Recht auf Stadt berichtet. Die Armut-Reichtumsschere geht auch in unserer Gesellschaft immer weiter auseinander. Das erfordert Widerstand.

Frage: Glaubst du, dass das Internet hier eine effektive Möglichkeit bietet Widerstand auszudrücken?

Martin Singe: Das Internet bietet viele gute neue Möglichkeiten, aber dabei darf es nicht bleiben. Das Beste ist wohl, das Internet zu nutzen, um sich für Aktionen auf der Straße zu verabreden. Nur per Mausklick änderst Du die Gesellschaft nicht. Und dennoch ist das Mitmachen bei Petitionen usw. sinnvoll. Und das Verbreiten alternativer Ideen und Meinungen.

Unser Eindruck ist, dass aktuell sehr wenige Menschen effektiv Protest üben. Immer weniger Menschen sind bereit, ihre persönliche Komfortzone zu verlassen, um aktiv Widerstand zu leisten.

Martin Singe: Es gibt bei sozialen Bewegungen immer Wellen. Und Massenbewegungen hängen von politischen und emotionalen Bedingungen ab. Wer nimmt wann wie was als Bedrohung wahr? Wer ist bereit, für die Rechte Anderer zu kämpfen? Beim Castor-Widerstand, bei Blockupy usw. waren sehr viele dabei. Im Friedensbereich ist es eher dünner geworden im Verhältnis zu früher. Das sollte sich wieder ändern.

Frage: Wie kann man Menschen zu aktiverem Widerstand animieren?

Martin Singe: Unsere kapitalistische Gesellschaft trainiert ja jeden darauf, egoistisch seine Ziele durchzusetzen. Solidarität muss dagegen von unten gelernt werden. Dazu kann man beitragen, indem man Gruppen gründet und Projekte initiiert, die eine andere Gesellschaft vorstellbar machen. Widerstand muss auch Spaß machen. Und man muss lernen, dass man nichts verliert, sondern nur gewinnt, wenn man auf Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Solidarität statt pure Selbstdurchsetzung setzt.

Und natürlich muss man konkret auf Aktionen hinweisen, z.B. am Donnerstag (18.02.16) in Siegburg gegen Rechts aufstehen, am Samstag (20.02.16) in Bonn gegen den Syrienkrieg auf die Straße gehen, wäre schon was. Am Atomwaffenstandort Büchel finden im April/Mai wieder Blockaden statt, wir werden mit einer Bonner Gruppe dabei sein. Wir freuen uns, wenn sich weitere Leute unserer Gruppe anschließen (martin.singe@t-online.de).

 

Vielen Dank!

 

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