Saatgutfestival 2016:

Über 1.000 Besucher

7. März 2016.

Durch Essen schaffen wir Landschaften“, sagte Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland zur Eröffnung des 3. Bonner Saatgutfestivals in der Ermekeilkaserne. „Und da draußen in den Kisten steht eine größere Pfanzenvielfalt als auf so manchem Feld“.

Ein buntes Programm und strahlendes Wetter sorgten für einen kontinuierlichen Besucherstrom. Wo sonst kann man auf einen Streich so vielfältiges und auch regionales Saatgut kaufen, alte Apfelsorten kosten, sich am Mitbringbuffet stärken oder Vorträgen zur Kunst des Tomatenziehens lauschen. Eingeladen hatte VEN, der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt, Slow Food Bonn und Bonn-im-Wandel. Viele weitere Initiativen und Gruppen machten das Fest zu einem bunten und kulinarischen Event, seien es die Kräuterspezialitäten aus dem Burggarten Blankenberg oder frisch gebrühter Kaffee vom Weltladen. Wer sich durch die vielen Stände, Vorträge und Workshops durchgearbeitet hatte, konnte aber auch einfach nur im Garten sitzen und sich mit Sonne und Flammkuchen verwöhnen lassen.

Wer die Saat hat, hat das Sagen

Das Nachzüchten und Tauschen von Saatgut hat auch eine politische Dimension, berichtete die Gärtnerin und Autorin Anja Banzhaf, bei ihrer Lesung. In den letzten 100 Jahren sind weltweit gut 75 Prozent aller Kulturpflanzen ausgestorben, in Europa sogar 90 Prozent. Weltweit kontrollieren neun Unternehmen zwischen 60 und 70 Prozent des globalen Saatgutmarktes.

In ihrem Buch „Saagtut – wer die Saat hat, hat das Sagen“ beschreibt sie, mit welchen Strategien Konzerne weltweit versuchen, die bäuerliche Saatguterzeugung zu kontrollieren und sogar zu unterdrücken. So geschehen in Kolumbien als die Regierung den Verkauf von nicht staatlich zertifziertem Saatgut verboten hatte und das Saatgut der Bauern tonnenweise beschlagnahmte. Das Gesetz musste sie später zurücknehmen. Es gibt aber auch ermutigende Gegenbeispiele. Etwa in der nordgriechischen Stadt Komitini. Hier ziehen Schulkinder Tomatenpflanzen und verschenken sie während eines großen Stadtfestes. Über 50 Lehrer*innen beteiligen sich mittlerweile an dem Projekt. So eine Saatgutbörse ist also auch ein Stück Freiheit und Ernährungssouveränität.

Lokale Nahrungskreisläufe schließen

Über 50 Besucher*innen wollten auch wissen wie wir in Zukunft 10 Milliarden Menschen auf der Erde satt bekommen und sahen sich trotz des schönen Wetters den gleichnamigen Film „10 Milliarden“ von Valentin Thurn an. Sein Streifzug durch die Zukunftvisionen der Länder und Projekte endete schließlich auf dem Messdorfer Feld, bei der SoLaWi-Bonn. Auch hier versuchen Menschen, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen und zwar nicht nur für ihr Essen sondern auch für die Landwirte, die es erzeugen. Ein Stockwerk höher erklärte Roberto Tinoco Ordóñez von der Bodengruppe der SoLaWi Bonn ein Projekt für das sein Herz besonders schlägt: Es geht darum die Nährstoffkreisläufe wieder zu schließen, vom Feld in den Komposteimer und zurück und das natürlich mit dem Lastenradanhänger Bolle Bonn.

Die Ermekeilinitiatiatve: Nur wenig Raum in Sicht

Mit dem Fest verabschiedete sich die Ermekeiliniative von ihren Räumlichkeiten, die sie leider nur wenige Jahre nutzen konnte. Dort wo Apfelsorten dufteten und Saatgutschätze getauscht wurden wird in Kürze das Bundesamt für Migration einziehen. Die Initiative wird sich nun auf die Baracke (Haus 8) zurückziehen und hofft auf eine zweite Chance in einem Gebäude, das stillgelegt werden soll. Bis dahin gibt es vorerst keine rauschenden Saatgutfeste mehr auf dem Gelände. Die kleine Rheinländern und die schwarze Poppelsdorfer Sojabohne immerhin waren am Ende so gut wie ausverkauft.

Foto: Jennifer Zumbusch

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