Susanne Rohde über die Erinnerungsstätte für Zwangsarbeiter am Friedhof Platanenweg:

„Wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, geht es uns um die Gegenwart“

15. März 2016.

Vor 80 Jahren – 1936 – begann die NS- Führung gezielt Arbeitskräfte aus dem Ausland für die Produktion in Deutschland zu werben, um die Arbeiter zu ersetzen, die in der Waffenindustrie benötigt wurden. Nachdem jedoch 5 Jahre später mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht mehr genug Menschen freiwillig aus dem Osten nach Deutschland kommen wollten, begannen die Nazis vor 75 Jahren mit Zwangsrekrutierungen in Form von Verschleppung.

Auch in Bonner und Beueler Betrieben wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Sowohl jüdische Internierte vor ihrer Deportation und Ermordung, als auch Frauen, Männer und sogar Kinder und Jugendliche aus den von der Nazi-Wehrmacht überfallenen Ländern. An sie erinnerte die Stadt Bonn mit einer Gedenkstunde am 27. Januar 2016 – dem nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in Deutschland.

Die Anregung dazu kam von der Beueler Initiative gegen Fremdenhass. Diese setzt sich seit ihrer Gründung 1992 sowohl gegen Rassismus wie für eine „lebendige Erinnerungskultur“ in Beuel ein, möchte die Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes in Beuel also nicht auf einzelne Tage oder Aktionen begrenzt wissen, sondern das Bewusstsein der Öffentlichkeit dauerhaft für das hier geschehene Unrecht sensibilisieren.

Susanne Rohde ist Mitbegründerin der Initiative gegen Fremdenhass, engagiert sich seit fast 25 Jahren in der Initiative für Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Kulturen, sowie ganz aktuell für die Integration der hier ankommenden Flüchtlinge. Darüber hinaus setzt sie sich mit der Initiative für die Erinnerung an frühere Beueler Mitbürger*innen ein, die rassisch oder politisch verfolgt wurden.

Das jüngste Projekt der Initiative ist die Anfertigung einer Stele, die auf dem Beueler Friedhof Platanenweg auf das Schicksal von Zwangsarbeitern hinweisen soll. 40 Männer ud Frauen und 20 Kinder und Jugendliche aus Osteuropa verstarben hier in den Jahren 1943 bis 1945. Sie wurden auf dem Friedhof Platanenweg bestattet.

Wir haben die fortschreitende Entwicklung des Projektes zum Anlass genommen, mit Susanne Rode ein Interview zu führen:

Frage: Eine persönliche Frage zu Beginn: Warum bist du damals Mitbegründerin der Initiative geworden?

Susanne Rohde: Die Problemlage in Deutschland war Anfang der Neunziger Jahre in vielem mit der heutigen vergleichbar: Es kamen viele Flüchtlinge und Zuwanderer nach Deutschland, damals aus den ehemaligen sozialistischen Ländern. Zugleich gab es an vielen Orten gewalttätige Exzesse von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, viele Brandanschläge und Übergriffe, zum Beispiel in Rostock-Lichtenhagen. Das mörderische Treiben der Nazis und Rassisten, von dem nahezu tagtäglich in den Nachrichten berichtet wurde, rief nicht nur bei mir Widerstand hervor. Wie ich kamen rund 150 Menschen allein in Beuel zusammen, um gemeinsam gegen Rassismus und Intoleranz aufzustehen. Es gab noch weitere Gruppierungen in anderen Stadtteilen. Die Beueler Initiative gegen Fremdenhass blieb bis heute dauerhaft tätig.

Frage: Warum bist du heute noch dabei, hat sich an der Motivation oder Perspektive etwas geändert?

Susanne Rohde: Wir hatten von Anfang an die gedankliche Verbindung hergestellt zwischen dem Fremdenhass unserer Zeit und der Verfolgung der Juden und Andersdenkenden in der Nazi-Zeit. Nie wieder!, das war für uns ein wichtiger Beweggrund. Und leider gab es in den gut 20 Jahren genügend Anlässe, zu mahnen, zu erinnern und gegen den Rassismus tätig zu werden. Das ist gerade in diesen Tagen erkennbar, da sich eine deutliche Entwicklung nach Rechts vollzieht, bis hinein in die Regierungsparteien. Wieder brennen Flüchtlingsheime, wieder gibt die „große“ Politik dem Druck von Rechts nach und kommt den Rassisten entgegen, immer wieder werden die Asylgesetze verschärft zu Lasten der Schutzsuchenden, denen der Zugang nach Europa gelingt. Und immer präsent ist die Kriegsgefahr. Die begonnene Arbeit ließ und lässt uns nicht los, wir sehen uns in der eigenen Verpflichtung sie weiterzuführen: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg, Solidarität mit den Flüchtenden und Verfolgten.

Frage: Wer sind die Menschen, die sich in der Initiative engagieren?

Susanne Rohde: Wir sind seit vielen Jahren nicht mehr so viele wie zu Beginn, doch wir haben es geschafft, zusammen zu bleiben und viele Vorhaben erfolgreich umzusetzen. Heute sind wir knapp 20 Personen, mehr zufällig allesamt Frauen, einige davon sind später dazu gekommen. Natürlich sind wir inzwischen auch älter geworden und zweifeln gelegentlich an unseren Möglichkeiten. Leider fehlt es uns (wie vielen anderen Gruppierungen) an einer Altersmischung.
Dauerhafte Verpflichtungen, wie das Café International, die Unterstützung von Flüchtlingen, das Gedenken der Opfer der Nazi-Zeit geben uns Halt und Anstoß, und wir sind stolz, immer wieder neue Ansätze und Impulse in die Beueler Öffentlichkeit geben zu können. Dazu kommt als Pfund, dass jede von uns sehr unterschiedliche Kompetenzen und viel Kreativität besitzt, wodurch wir uns gegenseitig ergänzen und in unserer Arbeit voranbringen. Vielleicht ist es auch unser Erfolgskonzept, dass wir nie ein Verein mit seinen festgelegen Strukturen waren, sondern uns jeweils sehr frei für unsere Vorhaben entscheiden konnten.

Frage: Wie kam es zu dem jüngsten Projekt, der Stele auf dem Friedhof Platanenweg zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter?

Susanne Rohde: Wir hatten im Laufe der Jahre dazu beigetragen, dass immer mehr Erinnerungsorte „Wider das Vergessen“ in Beuel entstanden, zum Beispiel durch die vielen im Zentrum aufzufindenden Stolpersteine und die dafür erforderliche Forschungsarbeit. Da lag es für uns nahe, die Kenntnisse über die Verfolgten und Ermordeten der Nazi-Zeit zu dokumentieren. Wir haben 2006 eine große Ausstellung „Wider das Vergessen – Erinnerungsorte in Beuel“ und einen ausführlichen Katalog veröffentlicht, den wir inzwischen noch zweimal ergänzen und aktualisieren konnten. Zu den Erinnerungsorten gehörte auch das Gräberfeld auf dem Beueler Friedhof. Dieses ist aber praktisch kaum identifizierbar und wirkte kurz vor dem 70. Jahrestag der Befreiung äußerst vernachlässigt. Deshalb entschlossen wir uns im vergangenen Jahr, die Grabplatten zu säubern, der Toten zu gedenken und eine Spendensammlung auf den Weg zu bringen, die eine Stele mit Hinweisen auf diesen Erinnerungsort ermöglichen soll. Über Not und Verfolgung der Zwangsarbeiter wird ja wenig gesprochen. Das wollen wir mit diesem Hinweis ändern.
Die Beueler Zwangsarbeiter waren zu mehreren Hundert in der damaligen Jute-Spinnerei in Baracken untergebracht. Das ist das Fabrikgelände, in dem sich jetzt das Schauspiel Bonn mit seiner Halle Beuel befindet. Die Arbeitsbedingungen auch für Minderjährige waren fürchterlich, sehr anstrengend, überlange Arbeitszeiten. Dazu kamen Mangelernährung und schlechte Hygiene. Von einer jungen Frau wissen wir aus den Erinnerungen ihrer Leidensgefährtinnen mehr: Jadwiga war 18 oder 20 Jahre alt, sie litt an Tuberkulose und brach eines Nachts an den Maschinen zusammen. Sie erhielt trotz schwerer Blutungen keine ärztliche Hilfe, wurde in einen Isolierraum eingeschlossen und starb dort drei Tage später, ohne Medikamente oder Getränke erhalten zu haben. Jadwiga ist eine der Toten, die auf dem Beueler Friedhof 1943 begraben wurde, ihren Namen fanden wir, als wir die Grabplatten gesäubert hatten.

Jetzt, knapp ein Jahr später, haben wir einen Großteil des benötigten Geldes von privaten Spender*innen erhalten und außerdem die Zusage auf Unterstützung unseres Vorhabens durch das OB-Büro und die Verwaltung. Dankenswerterweise ist auch der Steinmetzbetrieb Naundorf&Krautien bereit, das Projekt zu fördern und Michael Naundorf machte uns einen überzeugenden Entwurf, auf dessen Realisierung wir uns freuen.

Frage: Sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen heißt immer – zu lernen. Was können wir speziell aus dem Geschehen/dem Unrecht/dem Verbrechen lernen, an das euer Projekt erinnert?

Susanne Rohde: Unsere Ausstellung begründeten wir 2006 mit den Worten: „Wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, geht es uns um die Gegenwart und damit auch um die Zukunft unserer Gesellschaft. Deshalb wollen wir die Vergangenheit nicht ruhen lassen…“
Und auf der Stele wird stehen: „… Unter elendesten Bedingungen mussten sie hier Zwangsarbeit leisten. Daran gingen sie zugrunde und erlebten die Befreiung nicht. Wir gedenken ihrer und lassen uns von den vielen Millionen Opfern dieser Zeit mahnen: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“

Frage: Gibt es bereits ein Datum an dem die Stele gesetzt/eingeweiht werden soll?

Susanne Rohde: Wir haben das Projekt aus Anlass der 70. Wiederkehr des Tages der Befreiung 8. Mai 2015 begonnen und hoffen, dass wir es am 8. Mai 2016 mit der Errichtung der Stele und einer Gedenkfeier vollenden können.

Frage: Sind noch weitere Projekte dieser Art geplant?

Nicht die Einrichtung neuer Erinnerungsorte, das scheint nun vollendet zu sein. Aber wir werden weiter versuchen, die Menschen des Stadtteils mit den bestehenden Erinnerungsorten vertraut zu machen. So führen wir regelmäßig Führungen zu Beueler Stolpersteinen durch, zum Beispiel am 23. Mai 2016 als Veranstaltung der Volkshochschule und alljährlich am Tag des Denkmals im September. Mit unserer Ausstellung „Erinnerungsorte in Beuel“ und dem dazugehörigen Katalog, den wir dank der Sponsoren immer noch kostenfrei abgeben können, sind wir auf Anfrage in Schulen präsent. Gemeinsam mit Schüler*innengruppen bereiten wir die Beueler Gedenkveranstaltung am 9. November vor, die an das Fanal der sogenannten Kristallnacht 1938 erinnert. In jüngster Zeit ist für uns bedeutsam, die Thematik von Flucht und Flüchtlingsschicksalen damals und heute anzusprechen und Schlussfolgerungen zu ermöglichen. Auch hierzu gibt es Angebote der Zusammenarbeit mit Schulklassen.

Die Sensibilisierung für Motive der Flucht, für die persönlichen Geschichten der Geflüchteten und auch das Kennenlernen von Geflüchteten sind nach unserer Auffassung wichtig, um sich gegen den in den letzten Monaten so bedenklich erstarkten Rassismus und die allgemeine Rechtsentwicklung zur Wehr zu setzen und für ein Zusammenleben in Vielfalt und die solidarische Aufnahme von Schutzsuchenden zu wirken. Wir wollen viele kleine Beiträge dazu leisten.

 

Foto: Karl-Heinz Hick / JOKER

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