22. Juni 2016.

Endlich, es geht voran: Nach jahrelangem Gezerre soll nun der Bahnhofsvorplatz neu gestaltet werden. Und alle freuen sich darüber. Alle freuen sich? Wohl kaum…

Wie könnte man sich darüber freuen, dass die auch „Klotz“ genannte Südüberbauung und das ebenso wenig geliebte „Bonner Loch“ drei funktionalen Gebäudeklötzen weichen, die so eintönig daherkommen, wie die Neubauten zig anderer Innenstädte? Solch seelenlose Planung auch noch „Urban Soul“ (Projektname für das Nordfeld inklusive Bonner Loch) zu nennen, ist große Ironie. Da soll also ein „städtischer Un-Ort“ – so der Liegenschafts-Chef Alfred Beißel in der Bonner Rundschau – mit gesichtslosen Funktionalbauten neugestaltet werden. Das als großen Wurf und „attraktives Eingangstor“ zur Stadt zu bezeichnen, ist eine Farce.

Doch damit nicht genug: Das „attraktive Eingangstor“ soll zukünftig vor allem von einem Einzelhändler dominiert werden, der einen zweifelhaften Ruf hat: Primark. Ausgerechnet die Billigmodekette, in der Kleidung zu so niedrigen Preisen verkauft wird, dass sie zur „Wegwerfklamotte“ degeneriert. Mit nachhaltigem Konsum hat das sicher nichts zu tun. Ganz zu schweigen von den miserablen Produktionsbedingungen in den Herstellungsländern, die solche Preise mit sich bringen. Damit möchte sich die UN- und Nachhaltigkeitsstadt Bonn also zukünftig schmücken. Das passt nun wirklich nicht zusammen. Entsprechen 9.000 qm Primark-Filiale dem Zeitgeist? Nennt man das zukunftsorientierte Stadtplanung?

Einfallslose StadtVERplanung

Der Bahnhofsvorplatz ist nicht der einzige Ort, an dem der knappe innerstädtische Raum so ideenlos verbaut und verbraucht wird: Am Bertha-von-Suttner-Platz (Berliner Freiheit, Ecke Sandkaule) zum Beispiel wird gerade der Abriss des großen Bürogebäudekomplexes vorbereitet. Dort soll ein „Motel One“ errichtet werden. Und auch der Kampf um das Viktoriakarree ist noch nicht entgültig ausgefochten: Zwar konnte die Bürgerinitiative „Viva Viktoria!“ durch ein erfolgreiches Bürgerbegehren das Bauvorhaben vorerst stoppen. Der Investor Signa gibt sich aber trotz des Entscheides gegen die geplante Shoppingmall nicht geschlagen und entmietet die ihm gehörenden Gebäude nach und nach weiter, die schrittweise Verwahrlosung des Viertels einkalkulierend und darauf spekulierend, dass die Stimmung in der Stadt dann irgendwann kippt…

Brauchen wir in unserer Innenstadt tatsächlich immer mehr Einzelhandelsflächen? Noch dazu vor allem solche, die von großen Ketten besetzt werden – was letztlich bedeutet, dass das meiste Geld in die Konzernzentralen abfließt und die lokale Wirtschaft kaum gefördert wird. Lokale Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze schafft man vor allem über die Förderung kleiner Geschäfte, lokaler Hersteller und Manufakturen. Diese wiederum leiden darunter und werden verdrängt, wenn immer mehr große Handelsketten in der Innenstadt Platz eingeräumt bekommen.

Bei dieser Art der einfallslosen StadtVERplanung bleiben auch die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger auf der Strecke – Shopping kann wohl kaum der alleinige Daseinsgrund für Innenstädte sein. Jan Gehl, der visionäre Stadtplaner, der Kopenhagen zu einer der lebenswertesten Städte gemacht hat, sagte dazu in einem Interview in der Wirtschaftszeitschrift Brand Eins:

„Wahrscheinlich müssen wir unsere Innenstädte ganz neu denken. Warum stellen wir sie nicht Sportvereinen, Musikclubs oder Bürgerinitiativen zur Verfügung, die bislang wegen hoher Mieten nie dort zu finden waren? Aus unseren Befragungen in Kopenhagen wissen wir, dass ohnehin nur etwa 40 Prozent der Leute primär zum Shoppen in die Innenstadt kommen. Die Mehrheit der Menschen ist hier, weil sie andere Menschen treffen und etwas erleben wollen.“

Was macht eine Stadt lebenswert?

Kopenhagen gehört zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität und das liegt vor allem daran, dass sich die Stadtplanung an FußgängerInnen und RadfahrerInnen, an Kindern und alten Menschen orientiert – also ihr Tempo quasi herunter schraubt. Weniger Straßen und Parkplätze, mehr Radwege und Plätze für Menschen. Wie der Bahnhofsvorplatz wirklich zukunftsorientiert und menschenfreundlich gestaltet werden könnte, malten sich Gesa Maschkowski und Kathleen Battke schon 2012 in einem Artikel hier auf dieser Website aus:
Der Bonner Bahnhofsvorplatz 2030 – eine Zukunftsgeschichte
Doch es bleibt uns wohl nur, von einer so weitsichtigen Stadtplanung weiter zu träumen…

Vermutlich ist es nun zu spät, um die Planungen für den Bahnhofsvorplatz noch maßgeblich zu beeinflussen. Am 30. Juni ist die Stadtratssitzung, bei der die Bauprojekte unter Dach und Fach gebracht werden sollen. Alle möchten das ewige Objekt von Streitigkeiten und Blockaden endlich vom Tisch haben, es soll vorangehen. Bloß zu welchem Preis?

Es ist traurig zu erleben, dass hier Stadtplanung nicht für die Menschen, sondern für Investoren gemacht wird. Hätte man nicht zumindest eine nachhaltigere und klimafreundlichere Bauweise einfordern können, beispielsweise auch mit Fassadenbegrünungen? Oder öffentlich zugängliche Dachgärten ermöglichen können, um den Menschen so die überbaute Freifläche zurückzugeben, ihnen neue Perspektiven auf die Stadt zu ermöglichen, einen Freiraum zum Sein und Begegnen zu öffnen, ohne zwingend zu konsumieren? Es wäre das mindeste, wofür die Nachhaltigkeitsstadt Bonn sich für ihre Bürgerinnen und Bürger und auch als würdiges Aushängeschild einsetzen könnte. Und die Bürgerinnen und Bürger sollten vehementer dafür eintreten, dass sich die Stadtplanung in Bonn künftig tatsächlich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert!

Hinweis: Der Text ist zuerst erschienen bei „Bonn im Wandel“ /  Transition Town Bonn

Foto: Karl-Heinz Hick / JOKER

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